Social Media

Scheinwelt, Selbsthass und Filter-OPs: Die Gefahren von Facetune & Co.

Lightricks, Apps, Facetune
Lightricks
geschrieben von Marinela Potor

Editier-Apps wie Facetune sind auf Social Media sehr weit verbreitet. Doch sie bergen von Selbsthass bis zu gefährlichen OPs viele Gefahren. Wir beleuchten den gefährlichen und gesundheitsschädigenden Social-Media-Trend für dich. 

Wie stark bearbeitest du ein Foto, bevor du es öffentlich auf sozialen Netzwerken teilst?

Machst du dein Gesicht glatter? Deine Nase, den Bauch und die Hüften schmaler? Die Lippen und das Gesäß fülliger? Den Busen größer? Die Muskeln prägnanter? Die Schenkel dünner und den Rücken gebogener? Was sich extrem anhören mag, ist insbesondere für junge Menschen auf Social Media absolut normal.


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Manipulierte Bilder so alt wie Menschheit

Viele würden nicht mal auf die Idee kommen ein unbearbeitetes Foto hochzuladen. Warum auch, wenn sich mit Apps wie Facetune in wenigen Minuten das eigene Bild dezent „perfektionieren“ lässt? Denn das ist die Kunst hinter Facetune: Die Veränderungen wirken relativ subtil, sodass Außenstehende sie auf den ersten Blick nicht bemerken.

Der Wunsch, sein Aussehen einem bestehenden Schönheitsideal anzupassen, ist nichts Neues und das Internet hat ihn auch nicht erfunden. Egal, ob Herrscher in der Antike, Adelige im Barock oder Rockstars in den 1990er Jahren: Die Manipulation des eigenen Bildes nach außen hin ist so alt wie die Menschheit.

Doch das Internet und insbesondere Social-Media-Portale mit Funktionen wie „Likes“, „Herzen“ oder „Retweets“, die einen Selbstbestätigungs- und Selbstwerteffekt auf Nutzer:innen haben, haben diesen Trend verstärkt.

Apps wie Facetune oder Photoshop machen es Usern zudem wirklich leicht, mit wenigen Klicks ihr Aussehen komplett zu verändern. Während es noch verständlich sein mag, dass man einen Pickel retuschiert oder einen unschönen Licht-Schatten-Effekt anpasst, geht die „Facetune-Epidemie“ auf Social Media viel weiter.

Süchtig nach Facetune

Viele Nutzer:innen sind geradezu süchtig nach der App. Wer einmal angefangen hat, sich an eine „bessere“ Version des eigenen Selbst im Netz zu gewöhnen, kann schwer mit dem Editieren aufhören. Insbesondere junge Frauen sind betroffen, die Vorbildern wie den Kardashians nacheifern.

Selbst das Wissen darum, dass möglicherweise auch ihre Idole bei den Bildern tricksen, sorgt nicht dafür, dass Frauen mit dem Facetuning aufhören. Denn der Wunsch, genau so aussehen zu wollen, bleibt. Und Editierungs-Apps machen es ihnen besonders leicht, dem nachzukommen.

Facetuning-Apps fördern Problematik

Interessanterweise sind es gerade Facetune und ähnlich Apps, die dies noch stärker antreiben. Denn oftmals ist es gerade der Vergleich mit derart editierten Bildern im Netz, die den eigenen Editierungswahn antreiben.

Auch die Funktionen der Apps fördern dies. Denn erst wenn eine Person in der App sieht, wie sie die Nasenspitze „verbessern“ kann, kommt sie überhaupt auf die Idee, dass es ein Problem mit der eigenen Nase gibt.

Tatsächlich sind viele dieser „Makel“ eingebildet. Doch Studien zeigen: Je mehr wir Idealbildern ausgesetzt sind, desto größer werden die Selbstzweifel.

Auch Männer nutzen Facetune und Co.

Wenn tausende Fotos im eigenen Social-Media-Feed uns täglich suggerieren, dass der perfekte Körper eine schmale Taille und sehr ausgeprägte Hüften hat und man selbst nicht so aussieht, zweifelt man natürlich irgendwann auch an sich selbst.

Das gilt übrigens nicht nur für Frauen. Umfragen zeigen, dass auch Männer ihre Fotos bearbeiten, beispielsweise um muskulöser zu wirken. Sarah Spiekermann-Hoff, Leiterin des Instituts für Wirtschaftsinformatik und Gesellschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien, beschreibt das Phänomen in ihrem Buch „Digitale Ethik“ folgendermaßen:

In der realen Welt hat man wenig Macht darüber immer gut auszusehen. […] Von all dieser Misere wird man nun in der digitalen Welt befreit, in der man immer gut aussehen kann. […] Und wenn man dann mit Stolz auf die eigene digitale Persönlichkeit schaut, […] dann fühlt man sich gut.

Hinter diesem Zwang sich selbst „besser“ darzustellen, steckt nicht nur ein geringes Selbstbild, Eitelkeit oder ein Facetune-Trend, sondern auch eine traurige Wahrheit. Editierte Fotos bekommen im Netz mehr Zuspruch als ein unretuschiertes Selfie. Genau damit beginnt aber auch ein Teufelskreislauf.

Facetune-Watchdogs sind nicht unbedingt hilfreich

Wer so signalisiert bekommt, dass das durch Apps und Filter erschaffene E-Selbst mehr Zuspruch bekommt als das reale Selbst, hat es sehr schwer, sich selbst in der eigenen Haut zu lieben. Dabei hilft es auch nicht, wenn selbst ernannte Watchdogs, Facetuning auf Social Media aufdecken.

Damit betreibt man letztlich lediglich eine andere Form des Bodyshaming. Auch Auflagen, dass veränderte Bilder gekennzeichnet werden müssen, werden den Trend wohl kaum aufhalten. Zu groß ist der innere Drang, ein bestimmtes Bild von sich nach außen zu transportieren.

Als etwa ein nicht-editiertes Bild von Khloé Kardashian veröffentlicht wurde, drohte das Anwaltsteam der Influencerin den Publikationen, die es schließlich aus dem Netz nehmen mussten.

Welche Auswirkungen hat das Facetuning?

Doch abseits von wütenden Stars sind die Konsequenzen im echten Leben vieler besorgniserregend. Viele junge Menschen haben geradezu Panik davor, ihren Followern persönlich zu begegnen, damit diese nicht sehen, wie stark ihr Aussehen vom E-Selbst abweicht.

Apps wie Facetune fördern Essstörungen

Junge Frauen berichten auch davon, wie sehr sie ihr eigenes Aussehen hassen. Studien haben gezeigt, dass aufgrund von Apps wie Facetune die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Menschen eine Essstörung entwickeln.

Viele von ihnen versuchen darum per Schönheitsoperation ihrem Filter-Ideal näherzukommen.

Auch hier zeigen wissenschaftliche Untersuchungen einen direkten Zusammenhang zwischen Social Media, Bearbeitungs-Apps und Operationen. Die Logik: Wenn ich in Wirklichkeit so aussehe wie mein Facetune-Selbst, brauche ich kein Facetune mehr.

Riskante Schönheits-OPs

So beobachten Schönheitschirurg:innen, insbesondere auch seit der Pandemie, wie immer mehr junge Frauen in ihre Praxen kommen und ihnen ein Facetune-Foto vorlegen. So wollen sie nach einem Eingriff aussehen.

Das reicht von aufgespritzten Lippen über Botox-Behandlungen bei Teenagern bis hin zu wirklich riskanten Eingriffen wie dem „Brazilian Butt Lift“ (BBL), was man etwa als brasilianische Po-Anhebung übersetzen kann. Dabei wird Fett von anderen Körperteilen in den Po gespritzt.

An sich ist dieser Vorgang nicht ungewöhnlich. Doch gerade in diesem Körperteil scheint das Verfahren besonders riskant zu sein und kann sogar tödlich enden.

Nur sind die Vorstellungen von Schönheits-OPs bei jungen Frauen oftmals nicht nur fragwürdig oder riskant, sondern manchmal auch anatomisch nahezu unmöglich, wenn etwa jemand seine Augen näherrücken möchte, weil das im Facetune-Foto „besser“ aussieht.

Facetune-Entwickler verdienen Millionen

Währenddessen verdienen App-Entwickler wie Lightricks, der Mutterkonzern hinter Facetune, Millionen. Allein im Juni 2021 verzeichnete Lightricks einen Umsatz von zwölf Millionen US-Dollar. Sie haben mit ihrer App wahrhaft die Zeichen der Zeit erkannt.

Facetune wurde von Nir Pochter, Itai Tsiddon, Yaron Inger, Zeev Farbman und Amit Goldstein, fünf Männern aus Israel, entwickelt und im Jahr 2013 gelauncht. Das war kurz bevor Facebook die Foto-Plattform Instagram kaufte.

Seitdem ist der Erfolg von Facetune kaum aufzuhalten. Seit November 2016 gibt es eine aktualisierte Variante, Facetune2, und seit Kurzem auch Facetune Video, ein Videoprogramm bei dem man sogar in Live-Videos ein editiertes Bild einfügen kann.

Ein Ende des Trends ist also nicht in Sicht. Vielmehr kann man davon ausgehen, dass die Facetune-Epidemie sich künftig nur noch weiter ausbreiten wird.

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin mit einer Leidenschaft für alles, was mobil ist. Sie selbst pendelt regelmäßig vorwiegend zwischen Europa, Südamerika und den USA hin und her und berichtet über Mobilitäts- und Technologietrends aus der ganzen Welt. Seit 2016 ist sie Chefredakteurin von Mobility Mag.

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