Wirtschaft

Twitch-Gründer erzählt, wie der Deal mit Amazon wirklich abgelaufen ist

Twitch, Gründer, Justin Kan
Screenshot / YouTube
geschrieben von Marinela Potor

Im Jahr 2014 kaufte Amazon die Gaming-Plattform Twitch für fast eine Milliarde US-Dollar. Nun erzählt Twitch-Gründer Justin Kan, wie der Deal wirklich abgelaufen ist, warum er fast noch geplatzt wäre, und warum die Millionen ihn nicht glücklich gemacht haben.  

Was genau passiert eigentlich bei den Milliarden-Deals von großen Technologie-Konzernen im Silicon Valley? Außenstehende hören in der Regel nur von den hohen Summen, die geflossen sind. Doch nun verschafft Twitch-Mitgründer Justin Kan Interessierten detaillierte Blicke in die Verhandlungen zwischen Twitch und Amazon.

Milliarden-Deal mit Google geplatzt – und jetzt?

Im Jahr 2014 kaufte Amazon die Gaming-Plattform Twitch für 950 Millionen US-Dollar – nachdem ein Milliarden-Deal mit Google kurz davor geplatzt war. Doch wie genau kam es überhaupt dazu? In einem sehr offenherzigen Video erzählt Justin Kan, einer der Twitch-Gründer, was wirklich hinter den Kulissen abgelaufen ist.


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Die Geschichte beginnt dabei Monate vor dem Deal mit Amazon – bei Google. Der Verkauf von Twitch an Google war eigentlich schon fast beschlossene Sache. Google hatte eine Milliarde US-Dollar geboten und alle schienen damit zufrieden.

Die Twitch-Gründer, Justin Kan und Emmett Shear, waren glücklich und alle Mitglieder im Board of Directors sowie die Investoren waren einverstanden. Doch dann machte Google einen Rückzieher. Der Deal war vom Tisch.

Mark Zuckerberg ruft an

Kan geht in seinem Video nicht darauf ein, warum Google den Deal zurücknahm. Soweit bekannt hatte Google aber am Ende Bedenken, dass das Justizministerium die Übernahme stoppen würde.

In den USA müssen derartige Zusammenschlüsse vom US-Justizministerium, dem Department of Justice, erlaubt werden. Wenn es Bedenken wegen einer zu großen Monopolstellung gibt, kann die Behörde eine Unternehmensfusion auch ablehnen.

Google war also raus, die Twitch-Gründer nach monatelangen Verhandlungen erschöpft. Also heuerten sie die Investmentbanking-Firma Qatalyst an, um ihnen bei weiteren Verhandlungen zu helfen.

Von 50 Millionen bis zu 1,5 Milliarden US-Dollar

Laut Kan ist es im Silicon Valley häufig so, dass das Kaufinteresse eines großen Konzerns an einem kleineren Unternehmen sofort die Runde macht und so gut wie alle Großkonzerne anlockt. Manchmal machen Unternehmen ein Angebot, nur um zu verhindern, dass der Konkurrent ein Start-up kauft, sagt Kan.

Und so dauerte es nicht lange, bis die nächsten Interessierten auf die Twitch-Gründer zukamen. Der erste war offenbar Mark Zuckerberg, der Emmet Shear anrief und 50 Millionen US-Dollar bot.

Kurze Zeit später kam dann aber Yahoo mit einem noch besseren Angebot. Yahoo bot insgesamt 1,5 Milliarden US-Dollar.

Rückzieher eine Nacht vor Abschluss

Nun waren alle Beteiligten bei Twitch so verhandlungsmüde, berichtet Kan, dass sie im Prinzip die exakt gleichen Papiere wie schon bei Google vorlegten und darauf hofften, den Verkauf innerhalb von zwei Wochen abzuschließen.

In der Nacht bevor alle unterschreiben sollten, trafen sich die Verhandlungspartner und schon wieder war der Deal vom Tisch.

Diesmal hatte aber Twitch einen Rückzieher gemacht. Grund dafür waren laut Kan die Pläne, die Yahoo für Twitch hegte. Yahoo wollte aus Twitch einen Rundum-Kanal machen und neben Gaming auch Mode- oder Beauty-Videos anbieten.

Das ging für die Twitch-Gründer in die falsche Richtung. Sie wollten Twitch als Gaming-Kanal erhalten und so kam schließlich Amazon an die Reihe.

„Warte mal kurz!“

Amazon bot Twitch direkt 1,2 Milliarden US-Dollar plus 200 Millionen US-Dollar Rückhaltevermögen. Endlich schien man einen guten Kaufpartner gefunden zu haben, bis das Board das Angebot diskutierte. Alle schienen einverstanden, bis einer der Investoren, Chris Pike, sagte: „Warte mal kurz.“ Stille.

Schließlich fragt ein weiterer Investor: „Warum?“ Chris Pike antwortet: „Ich glaube, wir sind viel mehr wert.“ Auf die Frage, wie viel mehr, antwortet Pike: „Keine Ahnung, aber so drei bis vier Milliarden. Ich glaube, wir sollten warten und weitermachen.“ Wieder Stille.

Daraufhin beschließen alle Beteiligten so zu tun, als habe Pike nichts gesagt und die Mehrheit stimmt schließlich dem Deal mit Amazon zu. Bis Amazon anruft und sagt: „Wir bieten nur noch 950 Millionen US-Dollar an und das ist unser letztes Wort.“

Es ist gut möglich, dass Amazons Verhandlungsteam die Müdigkeitserscheinungen bei Twitch erkannt hatte und daraufhin beschloss, weniger zu bieten. Doch Twitch nimmt das Angebot dennoch an.

Abwarten und WLAN suchen

Tatsächlich dauert es noch eine Weile, bis das US-Justizministerium dem Deal zustimmt (Google wird sich geärgert haben!) und das Geld bei Justin Kan und allen anderen auf dem Konto landet.

Kan plaudert dabei aus dem Nähkästchen und berichtet, wie er fast nicht mitbekommen hat, ob der Verkauf wirklich durchkommt. Das erste Mal, weil er auf einem Festival ohne Netz steckt. Das zweite Mal, weil ein Freund auf einem Schloss in Italien heiratet, wo es die wohl schlechteste WLAN-Verbindung Europas gibt.

Doch am Ende stimmt das Justizministerium dem Verkauf zu und der Twitch-Gründer wird zum Millionär.

Twitch-Gründer zieht Lehren

Justin Kan hat nach diesem Hin und Her verschiedene Lehren gezogen. Zum einen, sagt er, sei es besser, sich nicht zu sehr auf ein bestimmtes Endergebnis zu versteifen, da Verhandlungen selten nach Plan liefen.

Zum anderen habe er nach dem Deal gemerkt, dass Geld allein nicht glücklich mache. „Wenn du alles hast, was du brauchst, macht dich noch mehr Geld auch nicht glücklich“, sagt er.

Im Endeffekt sei Geld kein guter Antrieb, um glücklich zu werden. Er empfiehlt daher, sich nicht durch äußere Faktoren motivieren zu lassen, sondern auf intrinsische Motivation zu setzen.

Kan selbst wirkt ziemlich entspannt, wie er das alles erzählt, sodass man nur vermuten kann, dass er seine eigenen Lektionen beherzigt hat. Schließlich hat Chris Pike am Ende doch recht behalten. Momentan wird der Wert von Twitch auf 15 bis 20 Milliarden US-Dollar geschätzt.

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin mit einer Leidenschaft für alles, was mobil ist. Sie selbst pendelt regelmäßig vorwiegend zwischen Europa, Südamerika und den USA hin und her und berichtet über Mobilitäts- und Technologietrends aus der ganzen Welt. Seit 2016 ist sie Chefredakteurin von Mobility Mag.

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