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Elektro-Lkw: Deutschland investiert eine Milliarde – und vergisst die Schiene

Fabian Peters
Symbolbild: Tesla

Deutschland investiert eine Milliarde Euro in den Ausbau der Ladeinfrastruktur für schwere Nutzfahrzeuge wie Elektro-Lkw. Während die Politik das neue Förderprogramm als zentralen Baustein der Verkehrswende feiert, zeigen Studien zwar, dass es einen Markt für E-Lkw gibt. Doch der Umstieg gelingt nur, wenn die Straße nicht als isoliertes Projekt betrachtet wird, sondern als Teil des gesamten Logistiksystems. Eine kommentierende Analyse.

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Warum der Umstieg auf E-Lkw so langsam vorankommt

  • Der Straßengüterverkehr zählt zu den schwierigsten Bereichen der Dekarbonisierung. Anders als im Pkw-Segment sind Reichweitenanforderungen hoch, Standzeiten kurz und logistische Abläufe eng getaktet. Genau diese Struktur macht den Umstieg auf batterieelektrische Lkw komplex. Gleichzeitig ist er klimapolitisch aber besonders relevant.
  • Es gibt bereits einen sichtbaren Markt für elektrische Nutzfahrzeuge. Erste Flotten elektrischer Lkw sind etwa im Alltag unterwegs, Hersteller bauen ihre Modelle aus und EU-Flottengrenzwerte erhöhen den Druck auf Speditionen. Dennoch bleibt der Anteil batterieelektrischer Lkw in Europa weiterhin im niedrigen einstelligen Prozentbereich. All das deutet darauf hin, dass der Hochlauf zwar allmählich beginnt, aber noch nicht skaliert.
  • Das Bundesverkehrsministerium will diesen Engpass nun mit einem neuen Förderprogramm adressieren. Im Fokus steht nicht nur der Aufbau öffentlicher Ladepunkte, sondern vor allem die Umrüstung von Logistikdepots. Über einen Zeitraum von vier Jahren sollen dafür insgesamt eine Milliarde Euro bereitgestellt werden. Zum Start der Förderung beträgt das Fördervolumen für 2026 insgesamt 200 Millionen Euro für drei verschiedene Förderaufrufe.

Elektro-Lkw: Was die Milliarden-Förderung übersieht

Die politische Stoßrichtung ist zwar nachvollziehbar, aber sie greift zu kurz, wenn sie ausschließlich auf die Straße und die Ladeinfrastruktur setzt. Denn: Der größte blinde Fleck der aktuellen Strategie ist die Systemfrage. Welche Verkehrsleistung muss überhaupt auf die Straße? Und: Welche könnte vielleicht effizienter verlagert werden?

Gerade im Schwerlastverkehr gilt die Schiene etwa als deutlich energieeffizienter, flächensparender und in vielen Zusammenhängen bereits heute als klimafreundlicher. Statt nur in die Infrastruktur für Elektro-Lkw zu investieren, sollte deshalb gleichzeitig auch die Verlagerung auf die Bahn beschleunigt werden. Beispielsweise in Form von Investitionen in Terminals, Trassen und die Digitalisierung.

Doch die aktuelle Förderlogik wirkt eher wie ein technologischer Pfadentscheid zugunsten der Straße, obwohl es teilweise auch anders möglich wäre. Das Risiko ist eine teure Parallelstruktur auf der Straße, während die Schiene nicht effizient genug ausgelastet wird. Ein weiterer Knackpunkt bleibt die grundsätzliche Organisation globaler Lieferketten.

Denn auch ein elektrischer Lkw macht Transporte nicht automatisch sinnvoller oder nachhaltiger. Ein Beispiel: Nordseekrabben, die oft zum Pulen nach Marokko transportiert und dann wieder nach Deutschland gebracht werden, oder Kartoffeln, die aus aller Welt in deutschen Supermärkten landen, während heimische Ernten verrotten. Das ist logistischer Irrsinn.

Stimmen

  • Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) in einem Statement: „Der schwere Straßengüterverkehr ist unverzichtbar für den Wirtschaftsstandort Deutschland – zugleich steht er vor der Aufgabe, klimafreundlich zu werden. Mit unserem milliardenschweren Förderprogramm schaffen wir jetzt die Voraussetzungen für einen zügigen Ausbau der Ladeinfrastruktur und erleichtern Speditionen sowie Logistikunternehmen den Umstieg auf batterieelektrische Nutzfahrzeuge.“
  • Hussein Basma, leitender Forscher am International Council on Clean Transportation (ICCT), ist ähnlicher Meinung: „Batteriebetriebene Lkw sind auf dem besten Weg, das Rückgrat der emissionsfreien Güterverkehrsflotte Europas zu werden, und der wachsende Fuhrpark erfordert den Aufbau einer ausgewogenen und leistungsfähigen Ladeinfrastruktur in ganz Europa. Diese Studie zeigt, dass das Laden größtenteils in Depots und an Raststätten stattfinden wird, während Megawatt-Ladegeräte zwar von entscheidender Bedeutung, aber nur in relativ geringer Zahl vorhanden sein werden.“
  • Bernhard Knierim, Referent der Allianz pro Schiene, schlägt in eine andere Kerbe: „Güterzüge produzieren nur einen Bruchteil der Treibhausgase verglichen mit dem Lkw. Daher sollten sie in allen Warengruppen noch viel stärker genutzt werden. Wir beleuchten, welche technischen und organisatorischen Innovationen es im Schienengüterverkehr gibt und wie man sie ausbauen kann. Außerdem wollen wir analysieren, wie sich der Markt entwickelt, welche Chancen dies bietet und wie sich der Schienengüterverkehr neue Geschäftsfelder erschließen kann. Und schließlich wird es auch darum gehen, welche Weichenstellungen es dafür von der Bundespolitik braucht.“

Elektrifizieren und verlagern – geht nur beides zusammen

Der Markt für elektrische Nutzfahrzeuge steht an einem Wendepunkt. Denn Elektro-Lkw funktionieren mittlerweile nicht nur technisch, sondern sind in den ersten Anwendungsbereichen auch wirtschaftlich durchaus attraktiv. Das Problem: Sie werden noch nicht als systematischer Teil der Logistikbranche eingebunden.

Denn: Wenn die Mobilitätswende gelingen soll, muss im gesamten Güterverkehr eine echte Systemverschiebung stattfinden. Sprich: Straße, Schiene, Wasser und Luft müssen als Ganzes betrachtet werden. Liegt der Fokus etwa weiterhin primär auf der Straße, könnte sich der Schwerlastverkehr zwar dekarbonisieren. Das würde aber nicht automatisch einen zusätzlichen Effizienzgewinn bringen.

Eine gleichzeitige Teilverlagerung auf die Schiene erfordert andere Investitionsschwerpunkte mit potenziell größerer Wirkung, aber auch einer höheren politischen Komplexität. Will heißen: Am Ende kann es eigentlich kein Entweder-oder geben. Die Straße muss elektrifiziert und gleichzeitig durch die Schiene entlastet werden.

Wenn der Ausbau der Ladeinfrastruktur tatsächlich in die Fläche kommt, könnte sich der Markt schneller drehen, als viele erwarten. Besonders im Depotladen liegt ein Effizienzvorteil gegenüber klassischen Diesel-Lkw. Entscheidend wird aber sein, wie schnell Projekte tatsächlich umgesetzt werden können. Neben der Förderzusage spielen dabei insbesondere Netzanschlüsse und Genehmigungsverfahren eine zentrale Rolle, die beide oft als Nadelöhr gelten.

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Fabian Peters ist seit Januar 2022 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Redakteur und freier Autor tätig. Er studierte Germanistik & Politikwissenschaft an der Universität Kassel (Bachelor) und Medienwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin (Master).
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