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Digitaler Dauerstress: Der große Kampf gegen das eigene Smartphone

Fabian Peters
Bild: Zenbox / Mit ChatGPT generiert (KI)

Viele Menschen in Deutschland befinden sich laut einer Umfrage in digitaler Dauerbereitschaft. Die Folge: Druck, Stress und eine schwindende Konzentrationsfähigkeit. Über die Hälfte der Betroffenen will deshalb aktiv ihre Online-Zeit verkürzen. Aber zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft eine eklatante Lücke. Warum Software-Lösungen oft scheitern, physische Geräte boomen und Konzentration zum Luxusgut werden könnte. Eine kommentierende Analyse.

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit: So abhängig ist Deutschland vom Handy

  • Einer repräsentativen Umfrage der IU Internationalen Hochschule in Erfurt zufolge schauen 81 Prozent der Befragten mindestens einmal pro Stunde auf Smartphone, Tablet oder Co. – selbst wenn sie keine Benachrichtigungen bekommen. Knapp die Hälfte davon gab an, Angst davor zu haben, etwas zu verpassen, wenn sie offline sind. Für die Umfrage wurden 2.000 Personen in Deutschland im Alter von 16 bis 65 Jahren befragt, repräsentativ nach Alter und Geschlecht.
  • Eines der zentralen Ergebnisse: 56 Prozent der Befragten äußerten den Wunsch, häufiger offline sein zu wollen. Um das zu erreichen, gaben 38,4 Prozent an, ihre Push-Benachrichtigungen auszuschalten. 29,5 Prozent aktivieren regelmäßig den „Nicht stören“-Modus. Wiederum 28,7 Prozent gaben an, bei bestimmten Aktivitäten wie Sport gänzlich auf digitale Geräte zu verzichten. Das Problem: Sozialer Druck, berufliche Erreichbarkeit und die Angst, etwas zu verpassen, hindert viele daran, wirklich abzuschalten.
  • Neben bestimmten Geräteeinstellungen gibt es mittlerweile auch Apps, die die Online-Zeit reduzieren sollen. Doch psychologische Mechanismen sorgen dafür, dass Nutzer Obergrenzen oder Sperren mit wenigen Klicks umgehen. Physische Lösungen wie Brick oder die Zenbox blockieren Apps und Websites deshalb über reale Handlungen. Wird ein iPhone etwa an die Zenbox gehalten, werden festgelegte Apps und Internetseiten blockiert. Um diese Sperre aufzuheben, ist ein erneuter Kontakt mit dem Gerät notwendig.

Digitale Diät-Cola: Warum Fokus-Apps das Problem nicht lösen

Das Smartphone ist für viele kein Alltagshelfer mehr, sondern eine Belastung. Es liegt nachts neben dem Bett und morgens zuerst in der Hand. Das reflexartige Hochziehen des Bildschirms ist mittlerweile fast schon so etwas wie ein ungesundes Ritual. Die aktuellen Entwicklungen rund um digitale Süchte entbehren dabei nicht einer gewissen Ironie.

Denn: Mitunter dieselbe Tech-Welt, die unsere Aufmerksamkeit zerstückelt und uns Selbstkontrolle nimmt, verkauft nun Werkzeuge zur Rettung davor. Darunter: Fokus-Apps oder Funktionen zur Bildschirmzeitanalyse, die wie eine digitale Diät-Cola das schlechte Gewissen spülen sollen, während die Abhängigkeit bleibt.

Dass nun physische Lösungen wie Zenbox oder Brick boomen, sagt viel über den Zustand unserer Selbstdisziplin, aber auch über digitale Sucht als Krankheit aus. Wir brauchen offenbar wieder Türschlösser für den eigenen Willen und das eigene Wohlergehen. Gleichzeitig wäre es zu billig, die Verantwortung allein dem Silicon Valley zuzuschieben.

Denn: Wer auf jede Nachricht sofort reagiert, tut das nicht nur wegen Algorithmen, sondern auch wegen sozialer Dressur und sozialen Drucks. Dauererreichbarkeit ist dabei zu einer modernen Höflichkeitsform geworden. Wer nicht antwortet, gilt schnell als unzuverlässig, unmotiviert oder schlicht unsichtbar. Das ist keine gute Entwicklung.

Stimmen und Reaktionen

  • Timo Kortsch, Professor für Wirtschaftspsychologie an der IU Internationalen Hochschule, in einem Statement: „Mehr als die Hälfte der Befragten wünscht sich mehr Offline-Zeit, schafft es aber nicht, diesen Wunsch umzusetzen. Das spricht nicht für fehlendes Wissen, sondern für einen starken äußeren Erwartungsdruck: soziale Normen, berufliche Erreichbarkeit und die Angst, etwas zu verpassen (FOMO – Fear of Missing Out). Dahinter stecken komplexe psychologische Mechanismen, die über das individuelle Verhalten hinausgehen.“
  • Zenbox-Gründer Konstantin Singer gegenüber BASIC thinking: „Das Smartphone ist eine produktive Wunderwaffe, doch die Geschäftsmodelle der großen Tech-Konzerne haben dazu geführt, dass uns das Wichtigste immer mehr genommen wird: unsere eigene Aufmerksamkeit. Zenbox ist die smarte Antwort darauf, sich wieder auf das zu fokussieren, was im richtigen Moment wirklich zählt: Familie, echte Gespräche, fokussiertes Arbeiten. Ein kleines, physisches Device kombiniert mit einer klar designten App, das durch ein leichtes Ritual hilft, Bildschirmzeit bewusst zu reduzieren und die Kontrolle über die eigene Aufmerksamkeit zurückzugewinnen.“
  • Laut Dimitrij Müller vom Zentrum für Verhaltensforschung der Caritas Berlin können Apps und Einstellungen zwar helfen. Bei einer fortgeschrittenen Sucht über Jahre brauche es aber medizinische Begleitung. Müller zufolge gehört Mediensucht wie Glücksspiel- und Kaufsucht zu den sogenannten Verhaltenssüchten: „Dabei wird das Suchtmittel zur Regulation von Emotionen genutzt. Statt meine Emotionen wahrzunehmen und mit ihnen umzugehen, drücke ich sie weg und dröhne mich mit Dopamin zu. (…) Die Anbieter werden in diesen Strategien immer aggressiver.“

Digitaler Stress: Wird Konzentration bald zum Luxusgut?

Die nächste Phase der Digitalisierung könnte paradox werden. Denn je smarter Technik wird, desto größer dürfte der Markt für künstliche Reibung werden. Menschen kaufen dann nicht mehr nur Geräte, sondern Widerstände dagegen. Digital Detox bekommt damit eine fast schon religiöse Bedeutung: begleitet von kleinen Ritualen, NFC-Boxen und Offline-Zeiten.

Eine moderne Beichtpraxis gegen den digitalen Dopaminkapitalismus sozusagen. Gleichzeitig wird der Kampf um Aufmerksamkeit härter. KI-Assistenten, personalisierte Feeds und algorithmische Daueransprache werden in den kommenden Jahren noch präziser darin werden, menschliche Emotionen auszunutzen.

Die Frage lautet deshalb nicht mehr nur, ob Smartphones süchtig machen können, sondern ob Konzentration künftig zu einem Luxusgut wird – ähnlich wie Wohnraum oder Freizeit. Vielleicht liegt die eigentliche Zukunft aber auch nicht im kompletten Offline-Sein, sondern in einer neuen digitalen Etikette.

So wie Rauchen aus Restaurants verschwand, könnte auch permanente Erreichbarkeit irgendwann als rücksichtslos gelten. Wer etwa mitten im Gespräch aufs Display schaut, wirkt dann nicht mehr beschäftigt, sondern sozial verwahrlost. Um es überspitzt zu formulieren, wäre das womöglich der erste echte Fortschritt seit Einführung des „Nicht stören“-Modus.

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Fabian Peters ist seit Januar 2022 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Redakteur und freier Autor tätig. Er studierte Germanistik & Politikwissenschaft an der Universität Kassel (Bachelor) und Medienwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin (Master).
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