Spotify flutet seine App mit KI – warum Nutzer genervt sind

Fabian Peters

Spotify packt Künstliche Intelligenz in fast jeden Winkel seiner App: KI-generierte Podcasts, KI-Remixe auf Lizenzbasis und ein neues Superfan-Modell mit vermeintlich exklusiven Erlebnissen. Während auf Plattformen wie Deezer bereits täglich 50.000 KI-generierte Songs hochgeladen werden, setzt Spotify noch einen drauf. Doch Nutzer und Analysten reagieren skeptisch. Was die neuen Funktionen konkret bedeuten und warum Spotify vor einem überladenen Streaming-Erlebnis steht. Eine kommentierende Analyse.

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50.000 KI-Songs pro Tag: So steht es um die Streaming-Branche

  • Auf Spotify, Deezer und Co. werden immer mehr KI-generierte Musikstücke hochgeladen. Laut einer Analyse kommen allein auf Deezer täglich rund 50.000 vollständig KI-generierte Titel zum Angebot der Streamingplattform hinzu. Das entspricht dem Unternehmen zufolge einem Anteil von 34 Prozent. Eine ergänzende Umfrage hat derweil ergeben, dass sich die meisten Nutzer von dieser KI-Flut betrogen fühlen. Den Ergebnissen zufolge konnten 97 Prozent der Teilnehmer keinen Unterschied zwischen vollständig KI-generierter und von Menschen gemachter Musik erkennen.
  • Trotz einer zunehmenden Ablehnung gegenüber Inhalten, die mithilfe Künstlicher Intelligenz erstellt werden, hat Spotify neue KI-Funktionen angekündigt. Darunter: KI-generierte Podcasts und Audio-Briefings sowie KI-Remixes, die auf Basis von Lizenzen direkt innerhalb der App erstellt werden. Hinzu kommt ein sogenanntes Superfan-Modell, das Specials wie Fan-Erlebnisse oder einen frühzeitigen Ticketzugang verspricht.
  • Erst kürzlich ließ das Start-up Andon Labs in einem vergleichbaren Fall vier KI-Modelle als Moderatoren eine Radiosendung leiten. Die Ergebnisse des Experiments waren sowohl für ChatGPT als auch für Gemini, Grok und Claude allesamt vernichtend. Denn: Wenn eines der Modelle mal nicht halluzinierte, verlor es den Bezug zur Sprache, glitt in Verschwörungstheorien ab oder wurde sogar beleidigend. Das Experiment soll die Grenzen und Gefahren von KI aufzeigen.

Muss wirklich jede Spotify-Funktion ein KI-Etikett tragen?

Spotify scheint derzeit überall ein KI-Etikett draufzukleben, wo noch Platz ist. Das Ganze verschmilzt langsam zu einem System, in dem Musik, Marketing und Maschine mehr und mehr verschwimmen. Die Plattform wird damit weniger Streamingdienst und mehr KI-gestütztes Musikfestival mit Verkaufsständen an jeder Ecke.

Während man sich früher einfach seine Lieblingskünstler angehört hat, soll nun eine KI über Hörgewohnheiten entscheiden. Natürlich obliegen Playlists und Wiedergaben letztlich immer den Nutzern. Aber: Eine Plattform, die durch immer undurchsichtigere Funktionen aufquillt, kann auch nerven.

Hinzu kommt, dass Spotify nun bewusst Musikfans in Klassen einteilt, um zu versuchen, aus ihrer Begeisterung für gewisse Künstler Profit zu schlagen. Zugegeben: KI kann sicherlich hilfreich sein, um Nutzern im Sinne ihrer Hörgewohnheiten und ihres Musikgeschmacks Songs oder Podcasts vorzuschlagen, die womöglich sogar gefallen.

Doch: Nur, weil es KI gibt, muss man nicht überall KI reinpacken oder Dinge künstlich frisieren. Kürzlich hat Spotify etwa sein Logo in eine 3D-Discokugel umgestylt. Nach weltweiter Nutzerkritik ruderte die Plattform zurück und bringt ein Update, das alles rückgängig macht. Bei der ein oder anderen KI-Funktion könnte es ähnlich laufen.

Stimmen

  • Alex Norström, Co-CEO von Spotify, in einem Statement: „Spotify hat es sich zur Aufgabe gemacht, schwierige Probleme in der Musikbranche zu lösen, und als Nächstes stehen von Fans erstellte Coverversionen und Remixe auf dem Programm. Was wir aufbauen, basiert auf Einwilligung, Namensnennung und Vergütung für die teilnehmenden Künstler und Songwriter. Bei jeder technologischen Transformation haben wir gemeinsam mit Sir Lucian und seinem Team daran gearbeitet, das Musik-Ökosystem weiterzuentwickeln – zu einem reichhaltigeren, vorteilhafteren Erlebnis für Fans und zu einem lohnenderen Ergebnis für Künstler und Songwriter.“
  • Auf Reddit ist unmittelbar nach der Spotify-Ankündigung eine kleine Diskussion entfacht. Eine Nutzerin schreibt etwa: „Es ist echt scheiße, dass wir als Premium-Abonnenten das alles aufgedrängt kriegen. Das ist genauso schlimm wie aufdringliche Werbung.“ Eine andere ergänzt: „Ich hoffe nur, dass wir die Möglichkeit haben werden, diese Remixe komplett auszublenden.“ Und wiederum ein anderer Nutzer beschwert sich: „Der ganze Mist, der jetzt auf Spotify sein wird, ist der Wahnsinn. (…) Die App ist jetzt scheißlangsam.“
  • Forscherin und Musiktechnologie-Analystin Cherie Hu in einem Artikel auf LinkedIn: „Spotify mangelt es weder an Größe noch an Nutzerdaten oder an Gründen, mehr Geld pro Nutzer zu verdienen. Was fehlt, ist eine klare Definition dessen, wofür Superfans in einer Streaming-App für den Massenmarkt bezahlen sollten. Hi-Fi-Audio, Ticketzugang und KI-Remixing erfordern jeweils unterschiedliche Nutzerverhalten, Infrastrukturen und rechtliche Rahmenbedingungen; all dies in einer einzigen Benutzeroberfläche zu vereinen, birgt die Gefahr, ein überladenes, unkonzentriertes Erlebnis zu schaffen.“

Superfans, Souvenirs und KI: Die Gretchenfrage für Spotify

Der Plan von Spotify ist offensichtlich: Mehr KI soll für mehr Interaktion, also mehr Klicks, mehr Wiedergaben und damit indirekt auch für mehr Umsatz sorgen. Die Gretchenfrage ist aber, ob Nutzer die neuen Funktionen annehmen und als praktisch empfinden. Oder ob sie eher in die Kategorie „Dinge, nach denen niemand gefragt hat“ fallen.

Auch das Superfan-Modell wird alles andere als ein Selbstläufer sein. Ein exklusiver Zugang und Nähe zu Künstlern klingen zwar toll; bis sich herausstellt, dass es viele Fanfunktionen vielleicht gar nicht braucht und es Spotify nur darum geht, aus Scheiße Geld zu machen.

Denn: Letztlich will das Unternehmen seinen Nutzern über das Streaming hinaus schlichtweg Fanartikel und Souvenirs andrehen, um den eigenen Umsatz anzukurbeln. Viele kleine Künstler werden davon wenig haben. Im Gegenteil: Die neuen KI-Funktionen der Plattform könnten das Streaming-Erlebnis sogar verwässern.

Klar: Genrespezifische Songvorschläge können ein Gewinn sein. Doch selbst im Schatten der KI-Blase und des zwischenzeitlichen Aktienanstiegs von knapp 14 Prozent stellt sich die Frage, ob Nutzer nicht lieber selbst entscheiden wollen, was sie sich anhören. Oder: Ob Spotify ihnen KI-Funktionen aufdrängt, die die Plattform überfluten.

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Fabian Peters ist seit Januar 2022 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Redakteur und freier Autor tätig. Er studierte Germanistik & Politikwissenschaft an der Universität Kassel (Bachelor) und Medienwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin (Master).
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