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Netzbetreiber scheffeln Rekord-Renditen – auf dem Rücken der Verbraucher

Fabian Peters
Bild: DepositPhotos

Laut einer aktuellen Analyse verdienen die deutschen Verteilnetzbetreiber im Schnitt mehr als die meisten DAX-Konzerne – mit Eigenkapitalrenditen von über 30 Prozent. Fair sind laut Bundesnetzagentur je nach Anlage aber nur 3,5 bis 6,7 Prozent. Gleichzeitig stockt der Netzausbau, während wir als Verbraucher die satten Gewinne der Netzbetreiber über unsere Stromrechnung zahlen. Eine kommentierende Analyse.

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Rekord-Renditen: Deutsche Netzbetreiber machen Kasse

  • Regionale Verteilnetzbetreiber im Stromnetz erzielen mit einer durchschnittlichen Eigenkapitalrendite von mehr als 30 Prozent ein Niveau, von dem viele DAX-Unternehmen nur träumen können. Das ist das Ergebnis einer Analyse des Bundesverbands Neue Energiewirtschaft (BNE). Gleichzeitig kritisieren zahlreiche Vertreter aus der Branche der Erneuerbaren Energien, dass die meisten Netzbetreiber viel zu wenig in das Stromnetz und die Energiewende investieren. Stattdessen würden sich ihre Gewinne maximieren und sie sich sozusagen die Taschen vollstopfen.
  • Die Eigenkapitalrendite von Westnetz, dem größten Verteilnetzbetreiber in Deutschland, lag laut BNE-Analyse im Jahr 2024 bei circa 45 Prozent. Heißt konkret: Mit jedem investierten Euro erwirtschaftet das Unternehmen rein rechnerisch im Schnitt einen Gewinn von 45 Cent. Mit Blick auf die deutsche Wirtschaft ist das ein ungewöhnlich hoher Wert. Dem BNE zufolge kassieren auch die Netzbetreiber Bayernwerk Netz (38 Prozent) und Mitnetz (43 Prozent) satte Renditen. Alle drei Unternehmen sind E.ON-Töchter. Die Konkurrenz wie Netz BW (EnBW) oder EWE Netz erzielt ebenfalls hohe Werte.
  • Der deutsche Strommarkt ist ein besonderer. Da die Netze jahrzehntelang halten müssen, braucht es verlässliche und attraktive Renditen, um Investoren anzulocken. Ansonsten wäre es kompliziert, Geld für den Neubau und Betrieb von Leitungen, Umspannwerken, Verteilnetzen und intelligenten Steuerungs- und Speichersystemen ausreichend zu gewährleisten. Die Bundesnetzagentur errechnet in der Regel deshalb alle fünf Jahre feste Werte für faire Renditen in einem durchaus risikoreichen aber auch monopolistisch geprägten Geschäft. Derzeit sind es rund 3,5 Prozent für Altanlagen und etwa 6,74 Prozent für Neuanlagen, jeweils vor Steuern.

Warum zahlen Verbraucher für Monopolgewinne?

Die krasse Renditelücke zwischen den von der Bundesnetzagentur vorgesehenen Eigenkapitalzinssätzen und den tatsächlich erzielten Gewinnen vieler Verteilnetzbetreiber fällt nicht vom Himmel. Sie entsteht aus einem Geflecht von gesetzlichen Sonderregeln, Bilanzierungslogiken und regulatorischen Schlupflöchern, die jahrelang politisch geduldet wurden.

Die Kapitalrendite der Netzbetreiber müssen am Ende wir Verbraucher über die Netzentgelte auf unserer Stromrechnung zahlen. Das Problem: Aus einem regulierten Monopol sind mitunter Geschäftsmodelle entstanden, die mehr an die Rendite-Champions der Privatwirtschaft erinnern als an einen Teil der kritischen Infrastruktur.

Dabei sind nicht alle Mechanismen per se fragwürdig. Denn: Effizientes Wirtschaften sollte belohnt werden und Investitionen in langlebige Netze brauchen attraktive Rahmenbedingungen. Doch manche Regelungen wirken für Investoren wie eine Einladung, sich nicht nur die Taschen, sondern auch einen Geldspeicher zu füllen.

Wenn Bauprojekte aber bereits während der Errichtung verzinst werden und nach Inbetriebnahme erneut Renditen abwerfen, entsteht der Eindruck eines finanziellen Perpetuum mobile. Verdoppelt wird dieser Inflationsausgleich auch noch durch die kalkulatorische Gewerbesteuer, die teilweise selbst dann in die Gebühren einfließt, wenn real deutlich weniger Steuerlast anfällt.

On Top kommt obendrein ein strukturelles Problem: Die politischen Anreize für eine harte Regulierung waren bislang begrenzt. Viele Netzbetreiber sind eng mit kommunalen Eigentümern verflochten und finanzieren vor Ort öffentliche Aufgaben mit. Wer von den Ausschüttungen profitiert, verspürt also naturgemäß wenig Drang, die Geldquelle zuzudrehen. Ergebnis ist ein netzpolitisches Paradoxon. Denn während vielerorts über fehlende Netzkapazitäten geklagt wird, sprudeln bei vielen Netzbetreibern die Gewinne.

Stimmen

  • Robert Busch, Geschäftsführer des Bundesverband Neue Energiewirtschaft (bne), in einem Statement: „Wer in einem regulierten Monopolmarkt hohe Renditen erzielt, muss mindestens auch bei Netzausbau, Digitalisierung und Kundenservice liefern. Die aktuelle Netzkrise zeigt, dass genau hier erheblicher Nachholbedarf besteht.“ In einem Vorwort ergänzt er: „Wir haben keine Energiekrise, wir haben eine Netzkrise genauer eine Netzanschlusskrise. (… ) Unbestritten ist, dass die Netzbetreiber in den letzten Jahren das Stromnetz zu wenig ausgebaut haben.“
  • Die Bundesnetzagentur erachtet die 2021 festgelegten Eigenkapitalzinssätze für Altanlagen von 5,07 Prozent weiterhin als sachgerecht. Für Neuanlagen greift seit 2024 ein Eigenkapitalzinssatz aus einem jährlich variablen Basiszins (der Umlaufsrendite) zuzüglich eines konstanten Wagniszuschlags von 3,0 Prozent. Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, in einem Statement dazu: „Unsere Regelung setzt starke Signale, den Netzausbau weiter zu beschleunigen. Sie orientiert sich am Marktumfeld und sichert, dass Belastungen der Kunden auf das wirklich notwendige Maß beschränkt bleiben. Wir begrenzen die Anpassung des Zinssatzes auf Neuinvestitionen. Für Bestandsinvestitionen wirkt sich das gestiegene Zinsumfeld kaum aus. Diese konnten auf Basis unserer Festlegungen gegen Zinsänderungsrisiken bereits bis 2027/2028 abgesichert werden.“
  • E.ON sprach gegenüber dem SWR von einem „verzerrten Bild“, wenn man nur auf die Renditen schaue: „In der Regulierung werden beispielsweise Vermögenswerte anders bewertet und über längere Zeiträume fortgeschrieben, was zu einer höheren Eigenkapitalbasis führt.“ Meiner Meinung nach erklärt das aber nicht einmal ansatzweise die enorme Differenz zu den Vorgaben der Netzagentur. Sven Giegold, stellvertretender Vorsitzender der Grünen im Bundestag, wettert auf LinkedIn: „Die Renditen aus dem #Netzmonopol fließen an die Eigentümer von E.ON – bezahlt werden sie von Verbraucher:innen und Unternehmen über die Netzentgelte. Sinken die Renditen, ließen sich bis zu 3 Milliarden Euro im Jahr sparen.“

Warum sich das Blatt ab 2028 wenden könnte

Relativ hohe Renditen sind im Netzgeschäft grundsätzlich kein Problem. Im Gegenteil: Wer Milliarden in Leitungen, Umspannwerke und Digitalisierung investieren soll, braucht verlässliche Ertragsaussichten. Doch zwischen Investitionsanreiz und Rendite-Maximierung liegt eine Grenze. Wird sie überschritten, droht das eigentliche Ziel aus dem Blick zu geraten: eine bezahlbare und leistungsfähige Energieversorgung. Strom ist schließlich keine Luxusware, sondern Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Ein Grundrecht!

Der Bundesnetzagentur wird dabei eine schwierige Rolle zuteil. Sie hat in den vergangenen Jahren versucht, einzelne Verzerrungen einzudämmen, ist jedoch an die bestehenden gesetzlichen Vorgaben gebunden. Gleichzeitig stößt die Kontrolle in der Praxis an Grenzen. Denn aberwitzige und unzählige Sonderregelungen und Schlupflöcher, die obendrein seit langem hingenommen werden, lassen sich kaum lückenlos prüfen.

Die Folge: Die meisten Renditebooster bleiben unentdeckt, die wenigsten werden erkannt. Hoffnung setzt die Netzagentur nun auf die Zeit nach 2028. Dann könnte sie infolge europarechtlicher Vorgaben deutlich mehr Regeln selbst festlegen und zentrale Sondervorteile wie doppelte Verzinsungen oder mehrfache Inflationsausgleiche zurückfahren.

Ob daraus tatsächlich eine Zeitenwende resultiert, ist aber offen. Denn die Energiebranche verfügt über einen erheblichen politischen und wirtschaftlichen Einfluss. Einem Lobbyismus, von dem sich schon der eine oder andere Politiker hat einlullen lassen. Entscheidend wird deshalb sein, die Regulierung stärker an konkreten Leistungen auszurichten und Gesetze anzupassen.

Denn: Wer den Netzausbau verschleppt, digitale Prozesse blockiert oder Anschlussanfragen ausbremst, sollte nicht dieselben Renditen erzielen wie ein Betreiber, der die Energiewende aktiv voranbringt. Die Frage sollte künftig deshalb nicht mehr sein, wie viel Geld im Netz verdient wird, sondern wofür. Die richtigen Anreize könnten dafür sorgen, dass mehr Strom durch dieselbe Infrastruktur fließt, die Netzentgelte sinken und damit auch die Strompreise. Das wäre eine Rendite, von der nicht nur Aktionäre profitieren.

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Fabian Peters ist seit Januar 2022 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Redakteur und freier Autor tätig. Er studierte Germanistik & Politikwissenschaft an der Universität Kassel (Bachelor) und Medienwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin (Master).
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