Ein Discounter-Konzern, der die europäische Abhängigkeit von US-amerikanischen Tech-Giganten verringern will: Das klingt zunächst erstmal gewagt. Doch genau dieses Ziel verfolgt die Schwarz-Gruppe. Mitte Juli hat der Lidl-Konzern einen Technologie-Campus bei Heilbronn eröffnet, parallel fließen elf Milliarden Euro in ein Rechenzentrum im Spreewald. Ob das reicht, um gegen Amazon, Microsoft und Google zu bestehen, darf bezweifelt werden. Aber wer digitale Souveränität nur fordert, ohne selbst zu investieren, hat keine Chance. Eine kommentierende Analyse.
Die Digitaloffensive der Schwarz-Gruppe
- Die Schwarz-Gruppe, zu der unter anderem Lidl und Kaufland gehören, will mit einem neuen Technologie-Campus ein Statement für digitale Souveränität in Deutschland und Europa setzen. In der Nähe von Heilbronn sollen fünf gläserne Gebäude zwischen viel Grün Platz für bis zu 5.500 Beschäftigte bieten. Der Campus, der digitale Produkte und Services in den Bereichen Cloud, Cybersicherheit und KI beherbergen soll, wurde Mitte Juli 2026 offiziell eröffnet.
- Der Konzern investiert seit Jahren in seine Digitalsparte Schwarz Digits. Ziel war es zunächst, die eigenen Einzelhandelsketten Lidl und Kaufland unabhängig aufzustellen, um Prozesse zentral zu strukturieren und die Produktivität zu steigern. Die Schwarz-Gruppe hat etwa eine eigene Cloud-Plattform entwickelt, baut Rechenzentren und setzt auf KI-Partnerschaften – unter anderem in Form von Investitionen in das deutsche Start-up Aleph Alpha.
- Nachdem die Schwarz-Gruppe ihren eigenen Bedarf offenbar gedeckt hat, bietet der Konzern mittlerweile auch externen Kunden seine digitalen Infrastrukturen an. Darunter: die niederländische Regierung und die Polizei in Baden-Württemberg. Außerdem pumpt die Unternehmensgruppe elf Milliarden Euro in den Bau eines Rechenzentrums im Spreewald. Die Summe stellt die größte Investition in der Geschichte der Schwarz-Gruppe dar.
Wie realistisch ist der Kampf gegen Amazon, Google und Microsoft?
Mit ihrem neuen Technologie-Campus will die Schwarz-Gruppe nichts Geringeres als Baden-Württemberg zum KI-Standort machen. Das Land fördert das Projekt mit rund 50 Millionen Euro, um die lokale Wirtschaft wieder anzukurbeln. Denn: Die Industrie in Baden-Württemberg schwächelt aufgrund des steigenden Kostendrucks, des Fachkräftemangels und schlechterer Produktionsbedingungen – vor allem in der Automobil- und Zuliefererbranche.
Dass das neue Rechenzentrum der Unternehmensgruppe in Brandenburg entsteht, erscheint auf den ersten Blick vielleicht etwas widersprüchlich. Allerdings braucht es für solche Großprojekte auch gewisse infrastrukturelle Voraussetzungen. Will heißen: Die Knöpfe der Digitaloffensive des Konzerns sitzen in Baden-Württemberg, die Rechner im Spreewald.
Dass die Schwarz-Gruppe vor allem auf Software und KI setzt, ist keinesfalls Zufall. Denn genau hier liegt Europas Achillesferse. Unzählige Unternehmen speichern ihre Daten bei US-Anbietern, nutzen amerikanische Clouds und machen sich damit von Microsoft, Amazon oder Alphabet abhängig.
Der Lidl-Konzern will eine Alternative zu dieser Abhängigkeit schaffen, natürlich auch aus eigenem wirtschaftlichem Interesse. Zumindest ein kurzfristiges Gelingen ist aber äußerst fraglich. Zu groß ist der Vorsprung der US-Giganten. Digitale Souveränität braucht zudem mehr als ein paar schicke Campusgebäude. Sie muss sich jeden Tag gegen eine schier übermächtige Konkurrenz behaupten. Aber klar: Dafür muss man natürlich irgendwo erst einmal anfangen.
Stimmen
- Christian Müller, CEO von Schwarz Digits, in einem Statement: „Mit unserem souveränen Technologie-Stack bieten wir eine Antwort auf die drängenden Fragen globaler digitaler Abhängigkeiten. Am neuen Campus wird technologische Unabhängigkeit zur gelebten Realität: Hier entwickeln wir die IT-Architekturen von morgen, die Unternehmen und öffentlichen Institutionen die uneingeschränkte Datenhoheit zurückgeben. Dieser Standort steht für kompromisslose technologische Exzellenz nach höchsten europäischen Datenschutzstandards. Es ist der Startschuss für eine neue Ära der Innovationsgeschwindigkeit, mit der wir digitale Souveränität aus dem europäischen Rechtsraum heraus nicht mehr nur verwalten, sondern aktiv mitbestimmen.“
- Dorothee Bär, Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt, zum neuen Projekt: „Die Eröffnung des Schwarz Digits Campus ist ein starkes Signal für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Die Kombination aus zukunftsorientierten Investitionen in Schlüsseltechnologien und der gleichzeitigen Schaffung hochwertiger Arbeitsplätze stärkt die technologische Resilienz unseres Landes. Dies ist auch ganz im Sinne der Hightech-Agenda Deutschland. Herzlichen Glückwunsch zu diesem wirtschaftspolitischen Ausrufezeichen.“
- Irene Bertschek, vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, gegenüber ZDFheute: „Was Schwarz gerade unternimmt, ist wirklich der Aufbau eines KI-Ökosystems. Das heißt, alle Faktoren, die wichtig sind für die KI, entstehen dort oder werden dort aufgebaut. Also Rechenzentrumskapazität, KI-Modelle, Forschung, Wirtschaft sind dort präsent. (…) Aber Investitionen in diesem großen Ausmaß, die sind schon einzigartig hier in diesem Raum Heilbronn.“
Lild-Konzern will deutschen Mittelstand digital unabhängig machen
Der neue Technologie-Campus der Schwarz-Gruppe ist ein weiteres Puzzlestück einer weitaus größeren Strategie. Denn nachdem der Konzern sich zunächst selbst unabhängig gemacht hat, soll nun der deutsche Mittelstand folgen. Die Vision ist dabei so ambitioniert wie klar.
Die Unternehmensgruppe will zu einem Vorreiter in Europa werden und eine Antwort auf die Marktmacht von Microsoft, Amazon und Google liefern. Für einen Konzern, der mit Lidl und Kaufland überwiegend für zwei Handelsketten steht, erscheint das zunächst etwas ungewöhnlich.
Doch für Konzernchef Dieter Schwarz sind die Entwicklungen Teil eines langfristigen Plans, der seit einigen Jahren zunehmend verfolgt wird. Kurzfristig wird sich der Vorsprung der US-Konzerne trotzdem nicht aufholen lassen. Dafür ist er schlichtweg zu groß.
Trotzdem wäre es falsch, solche Projekte vorschnell als aussichtslosen Wettlauf abzutun. Wer digitale Souveränität ernst meint, muss irgendwann anfangen, eigene Infrastruktur aufzubauen, anstatt dauerhaft Miete bei US-Konzernen zu zahlen. Das Projekt sollte aber nicht daran gemessen werden, die US-Konkurrenz vom Thron zu stoßen. Vielmehr geht es darum, Alternativen aufzuzeigen und das Heft endlich in die eigene Hand zu nehmen.
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