Wer ein Restaurant oder Hotel auf Google Maps sucht, orientiert sich an den Sternebewertungen. Doch eine dpa-Stichprobe zeigt, dass allein in Hessen 17 Prozent der Gastbetriebe bereits Rezensionen haben löschen lassen – in Frankfurt sogar fast jeder Dritte. Der Grund: Was als Schutz vor Diffamierung gedacht war, ist längst zu einem Reputationswerkzeug verkommen. Seit April 2026 macht Google deshalb zumindest die Anzahl der Löschungen sichtbar. Ein überfälliger Schritt, der aber nur der Anfang sein darf. Eine kommentierende Analyse.
Wie viele Google-Bewertungen werden gelöscht?
- Viele Menschen verlassen sich bei der Suche nach einem Restaurant oder Hotel auf die Onlinebewertungen bei Google Maps. Denn diese sollen Auskunft darüber geben, wie Gäste einen Betrieb bewerten – in Form von Sternen von eins bis fünf. Seit Jahren können Unternehmen aber Löschungen von Bewertungen beantragen. Google blendet seit April 2026 deshalb einen Hinweis ein, wenn Rezensionen „aufgrund von Beschwerden wegen Diffamierung“ gelöscht wurden. Die Information steht bei Google im Profil des jeweiligen Unternehmens, direkt unter der Rezensionsübersicht.
- Eine Stichprobe der Deutschen Presse-Agentur (dpa) hat ergeben, dass allein in Hessen bei vielen Hotels und Restaurants zahlreiche Google-Bewertungen nach Beschwerden entfernt wurden. Laut Auswertung von mehr als 850 Interneteinträgen haben rund 17 Prozent der Gastbetriebe bereits Rezensionen löschen lassen. Die Varianz liegt zwischen einer und 200 gelöschten Rezensionen. Vor allem Betriebe in Großstädten würden diesbezüglich auf ihre Reputation achten; auch mit Blick auf die Konkurrenz.
- Der dpa zufolge haben in Frankfurt am Main circa 30 Prozent der Gastbetriebe anhand von mehr als 200 ausgewerteten Einträgen bereits Bewertungen entfernen lassen. Rund neun Prozent der 87 ausgewerteten Betriebe im Odenwald wiesen demnach gelöschte Einträge auf. In Fulda waren es acht Prozent von 125 Einträgen. Im übrigen Bundesgebiet würde sich dieser Trend bestätigen. Fast jeder dritte Betrieb in Großstädten wie Berlin und Köln entfernt demnach Bewertungen. In Nürnberg und München soll es jeder Vierte gewesen sein. In Leipzig und Hamburg etwa jeder fünfte.
Warum Deutschland Europas Lösch-Hochburg ist
Die neue Transparenzfunktion von Google ist nicht nur ein kleiner Hinweis unter den Sternebewertungen, sondern eine Reaktion auf ein Bewertungssystem, das längst zu einem digitalen Wettrüsten verkommen ist. Denn zwischen politisch motivierten Kampagnen, Bot-generierten Jubelrezensionen und echten Erfahrungsberichten verschwimmt die Grenze zwischen authentischen Bewertungen und gezielter Manipulation immer mehr.
Pikant: Vor allem Deutschland ist dabei zu einer Hochburg der Löschung von Bewertungen geworden. Rund 99,97 Prozent aller Löschanträge wegen Diffamierung in der EU stammten 2025 aus der Bundesrepublik. Das liegt unter anderem daran, dass Gerichte hierzulande die Rechte von Unternehmen gegen Verleumdung mehrfach gestärkt haben. Wer tatsächlich diffamiert wird, soll sich schließlich auch wehren können. Das ist grundsätzlich auch richtig.
Denn: Eine klare Trennung zwischen unzulässiger Verleumdung und der freien Meinungsäußerung ist gut. Doch Deutschland ist auch ein Land der Neinsager und Nörgler. Die EU hat mit dem Digital Services Act zudem den Druck auf Plattformen wie Google erhöht, um ihre Entscheidungen nachvollziehbarer zu machen. Der Hinweis auf gelöschte Rezensionen ist deshalb alles andere als Zufall, sondern Ausdruck eines grundsätzlichen Wandels.
Plattformen sollen Inhalte aber letztlich nicht nur insgeheim verwalten, sondern ihre Eingriffe auch nachvollziehbar machen. Das macht Bewertungen zwar nicht automatisch glaubwürdiger. Aber immerhin wird erstmals sichtbar, dass hinter so mancher vermeintlich makellosen 4,8-Sterne-Fassade tüchtig aufgeräumt wurde.
Stimmen
- Gisbert Kern, Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga in Hessen, gegenüber der dpa zum Hinweis auf gelöschte Google-Bewertungen: „Grundsätzlich begrüßen wir mehr Transparenz auf Bewertungsplattformen.“ Da Onlinebewertungen für viele Gäste ein wesentliches Entscheidungskriterium und für Betriebe ein wichtiger Wettbewerbsfaktor sind, sei es richtig, „wenn Plattformen nachvollziehbar machen, wie sie mit Bewertungen umgehen.“ Kern gibt zu bedenken: „Gelöschte Bewertungen bedeuten nicht automatisch, dass ein Unternehmen berechtigte Kritik unterdrücken wollte.“ Oft würden sie entfernt werden, „weil sie gegen die Richtlinien der Plattform verstoßen oder weil sie nachweislich von Personen stammen, die gar keine Gäste waren“. Darauf weise Google jetzt hin.
- Osman Madan, Brauhausbetreiber in der Stuttgarter Innenstadt, hat in zwölf Jahren knapp 10.500 Google-Rezensionen erhalten. Da er 250 Bewertungen hat löschen lassen, stieg seine Gesamtbewertung innerhalb eines halben Jahres von 4,3 auf 4,5 Sterne. Gegenüber der Tagesschau gab Madan preis: „Wir löschen alles, was einfach unter der Gürtellinie geschrieben ist. Also alles, wo wir sagen, das ist nur ein Hater-Kommentar, ohne konstruktiv zu schreiben, was Sache war.“ Er hat aber auch beobachtet: „Mit unserer alten Bewertung lagen wir eigentlich immer gut. (…) Alle Mitbewerber in Stuttgart haben mittlerweile eine 4,7 oder 4,8. Wo ich dachte: Das kann nicht wahr sein. Und dann haben wir uns sagen lassen: Du, die lassen löschen.“
- Negative Bewertungen auf Google, anderen Portalen oder in Online-Shops lassen sich auf Antrag bereits seit Jahren bei den Betreibern entfernen. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) hatte bereits 2022 davor gewarnt, dass auf Online-Bewertungen kein Verlass sei. Sabrina Wagner, Referentin Team Marktbeobachtung Digitales des VZBV, damals: „Damit wird die Kaufentscheidung von Verbrauchern systematisch manipuliert, denn Rezensionen stellen für viele Menschen ein zentrales Entscheidungskriterium beim Online-Shopping dar. Die dadurch entstehende Asymmetrie zwischen guten und schlechten Bewertungen kann im schlimmsten Fall zu Wettbewerbsverzerrungen führen. Verbraucher haben bei diesem Kampf um Höchstbewertungen das Nachsehen. Sie werden über die Güte eines Produkts oder die Vertrauenswürdigkeit eines Händlers getäuscht.“
Google muss Bewertungen und Löschungen transparenter machen
Transparenz endet nicht mit der Anzahl gelöschter Bewertungen. Schon seit Jahren hat sich ein Trend eingeschlichen, wonach Betriebe sich unliebsamer Rezensionen entledigen wollen. Klar: Viele Löschungen sind berechtigt. Doch bei zahlreichen berechtigten Bewertungen werden angebliche Diffamierungen nur vorgeschoben, weil sie den Unternehmen ein Dorn im Auge sind.
Ein weiteres Problem: Google prüft oft nicht einmal, ob der angegebene Grund für beantragte Löschungen zutrifft, sondern löscht Bewertungen der Einfachheit halber ganz schnörkellos. Die neue Transparenzfunktion zur Auskunft über die Anzahl der gelöschten Bewertungen kann deshalb hilfreich sein.
Doch noch transparenter wäre es, kenntlich zu machen, nach welchen Maßstäben Google entscheidet – auch um sicherzustellen, dass berechtigte Kritik ausreichend geschützt wird. Einerseits: Der Kampf gegen Diffamierung, so berechtigt er auch ist, ist bereits zu einer Art Reputationsmanagement verkommen, das Betriebe ausnutzen, um ihre Bewertungen aufzupolieren.
Andererseits dürfen Unternehmen nicht automatisch an den digitalen Pranger gestellt werden, wenn sie Rezensionen löschen lassen. Denn: Auch die Anzahl an politisch oder wirtschaftlich motivierten Bewertungen hat zugenommen, obwohl sich hinter diesen keine echten Erfahrungen verbergen.
Die Leidtragenden dieser Entwicklungen sind wie so oft vor allem wir Verbraucher, während Google zwischen den Stühlen steht. Die Plattform muss ehrliche Kritik schützen, Missbrauch verhindern und gleichzeitig den Ruf von Unternehmen wahren. Der neue Transparenzhinweis ist deshalb nicht das Ende der Fahnenstange, sondern haucht der Diskussion darüber, wie glaubwürdig Onlinebewertungen überhaupt noch sein können, neues Leben ein – im Positiven wie im Negativen.
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