Erneuerbare versteckte Studie Kommunen Jobs Steuern Umwelt

Milliarden-Chance für Kommunen durch Erneuerbare – doch Bund versteckt Studie

Fabian Peters
Bild: DepositPhotos

Eine vom Bund beauftragte Studie zeigt, dass der Ausbau erneuerbarer Energien Kommunen, Städten und Landkreisen bis 2033 Milliarden einbringen und über 50.000 neue Arbeitsplätze schaffen könnte. Doch das Wirtschaftsministerium hat die Ergebnisse ohne Pressekonferenz oder Kommentar nur klammheimlich online gestellt. Das ist kein Versehen, sondern politisches Kalkül. Denn die Zahlen passen nicht zum Kurs einer Ministerin, die den Ausbau von Wind und Solar bremsen will. Eine kommentierende Analyse.

BREAK THE NEWS BASIC thinking

Unser exklusives Format »Break the News«, in dem wir aktuelle Nachrichten in ihre Einzelteile zerlegen, erscheint immer zuerst in UPDATE, unserem täglichen Tech-Briefing. Hier kannst du dich über 12.000 anderen Lesern anschließen und dich kostenlos anmelden:

Mit deiner Anmeldung bestätigst du unsere Datenschutzerklärung

Versteckte Studie offenbart Milliarden-Potenzial für Städte und Kommunen

  • Über 50.000 neue Arbeitsplätze, Steuereinnahmen in Milliardenhöhe für Kommunen und finanzielle Beteiligungen von Bürgern vor Ort: All das würde der lokale Ausbau von erneuerbaren Energien in Städten und Landkreisen laut einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln Consult (IW Consult) bis 2033 mit sich bringen. Die Untersuchung mit dem Titel „Stärkung der regionalen Wertschöpfung durch Erneuerbare Energien“ wurde 2024 vom damaligen Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) in Auftrag gegeben. Fertiggestellt wurde sie unter seiner Nachfolgerin Katherina Reiche (CDU).
  • Die Studie ist seit April 2026 auf der Website des Wirtschaftsministeriums einsehbar. Eine Pressemitteilung oder eine Konferenz des Ministeriums gab es dazu aber nicht. Wie das Wirtschaftsministerium auf Anfrage des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) mitteilte, sei die Studie im Haus ausgewertet worden. Die Autoren hätten ihre Arbeit zudem bereits selbst präsentiert. Fakt ist: Es gab vor der Veröffentlichung zwar zwei Tagungen, aber nur vor einem Fachpublikum. Im Nachgang haben deshalb die beteiligten Institute Pressemitteilungen mit Details veröffentlicht. Auch die Webinar-Plattform Europe Calling hat eine Veranstaltung abgehalten.
  • Laut RND hat die Rechercheplattform Correctiv.LOKAL nun erstmals den vollständigen Datensatz (möglicherweise Paywall) öffentlich gemacht, der der Studie zugrunde liegt. Die Rechnungen offenbaren, wie sehr Landkreise und Städte vom Ausbau der Erneuerbaren profitieren könnten. Grundlage sind die von der ehemaligen Ampel-Regierung beschlossenen Ausbauziele. Das RND hat aus den Daten eine interaktive Karte erstellt, die zeigt, wie viel Geld alle Städte und Landkreise in Deutschland bis 2033 durch Windräder und Solaranlagen einnehmen könnten. Sollten die Ausbauziele erreicht werden, könnten sowohl Deutschland als auch einzelne Regionen die Wertschöpfung bis 2033 nahezu verdoppeln.

Passt nicht zum Kurs der Bundesregierung

Die versteckte Studie des Wirtschaftsministeriums liefert nicht nur eine Prognose zum Ausbau von Windrädern und Solaranlagen. Sie wirft eine unbequeme politische Frage auf – zumindest für die aktuelle Regierung. Denn: Warum verschwindet eine Untersuchung nahezu geräuschlos, obwohl sie ein Milliardenpotenzial für Bund, Kommunen und Bürger aufzeigt?

Offenbar, weil sie den Plänen von Wirtschaftsministerin Reiche Wind und Sonne aus den Segeln nimmt. Dass es weder eine Pressekonferenz noch große Kommunikation gab, dürfte deshalb kaum Zufall sein. Schließlich liefert die Analyse Argumente, die nicht zum politischen Kurs der Bundesregierung passen, der wie so oft auf eine Legislaturperiode und Kurzfristigkeit ausgelegt ist.

Dabei beweisen mehrere Orte schon heute, dass die Rechnung aufgehen kann. Dardesheim (Stadt Osterwieck), Feldheim (Stadt Treuenbrietzen), Lichtenau (Westfalen), Wilstedt und Wunsiedel zeigen etwa, dass die Energiewende nicht nur Strom produziert, sondern auch Wohlstand und Unabhängigkeit bringt.

Denn: Günstigere Energiepreise, zusätzliche Steuereinnahmen, finanzielle Beteiligungen für Bürger und mehr Unabhängigkeit sind dort längst Realität. Windräder werden dort von einem vermeintlichen Landschaftsproblem zu einem echten Wirtschaftsfaktor.

Zugegeben: Dieser Wohlstand lässt sich nicht gleichmäßig verteilen. Windreiche Regionen im Norden profitieren beispielsweise stärker von der Windkraft, während der Süden vor allem mit Photovoltaik auf Hausdächern aufholt. Doch genau das ist auch die Botschaft der Studie. Denn viele ländliche und strukturschwache Regionen könnten zu den großen Gewinnern der Energiewende gehören. Vorausgesetzt: Sie wollen wirklich und lassen sich nicht von der Fossillobby einlullen.

Stimmen

  • Frederick Sixtus, Co-Autor der Studie und Projektkoordinator am Berlin-Institut, in einem Statement: „Überall in Deutschland gibt es bereits Pionierregionen, die den Ausbau der erneuerbaren Energien nicht nur unterstützen, sondern als strategischen Hebel für ihre eigene Entwicklung nutzen. Diese Vorbilder zeigen, was möglich ist. Wenn die Regionen voneinander lernen, wird die Energiewende für alle zum wirtschaftlichen Gewinn.“ Steven Salecki, ebenfalls Co-Autor der Studie und Volkswirt am IÖW, ergänzt: „Finanzielle Beteiligungsmodelle, Bürgerenergiegesellschaften und kommunale Investitionen könnten dafür sorgen, dass mehr Wertschöpfung vor Ort bleibt und mehr Anwohnerinnen von der Energiewende profitieren. Das kann außerdem die Akzeptanz erhöhen.“
  • Kritiker werfen Katherina Reiche (CDU) vor, mit ihren Plänen den Ausbau der erneuerbaren Energien auszubremsen. Die Wirtschaftsministerin will das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) reformieren und in einigen Regionen einen Baustopp für Windräder und Solaranlagen verhängen. Reiche im April 2026 dazu: „Die Erneuerbaren werden das Rückgrat unserer Stromversorgung sein. Sie sind es schon heute zum großen Teil. Aber eine Energiewende, die Systemkosten ignoriert, hat keine Zukunft. Klimaschutz ohne Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit ist politisch und wirtschaftlich nicht tragfähig. (…) Wir brauchen keine Überkapazitäten, die subventioniert ins Ausland exportiert werden, während im Inland die Preise steigen.“
  • Sven Giegold, stellvertretender Vorsitzender der Grünen im Bundestag, hat die Studie 2024 als Staatssekretär unter Robert Habeck auf den Weg gebracht. Auf LinkedIn wetterte er zur Veröffentlichung 2026: „Monatelang war diese spannende Studie in den Schubladen von Katherina Reiche verstaubt. (…) Diese Fakten, die Reiche nicht passen, verdienen Verbreitung! Diese Studie hatte ich als Staatssekretär auf den Weg gebracht. Die Wirtschaftsforschungsinstitute IÖW, IW und Berlin-Institut haben einen Top-Job gemacht. Ihre Arbeit hat es nicht verdient, monatelang zu verschwinden. Es geht hier auch um Steuergelder! Katherina Reiches Bundeswirtschaftsministerium hat die Studie ohne jeden Kommentar und ohne jede Wertschätzung für die Arbeit der Wissenschaftler*innen online gestellt. Das ist schlechter Stil. Kommt da noch was?“

Netzausbau statt Ausbaustopp: Was jetzt passieren muss

Rund um den Ausbau erneuerbarer Energien wird seit Monaten ein Gegensatz aufgebauscht, der keiner sein müsste. Ja: Die Stromnetze und Erneuerbaren müssen Hand in Hand gehen. Das heißt aber nicht, dass man den Ausbau von Windrädern und Solaranlagen an den schleppenden Netzausbau anpassen muss.

Allein schon angesichts des wirtschaftlichen Potenzials, das die Studie aufzeigt, sollte es doch vielmehr andersherum sein – zumal die deutschen Netzbetreiber aktuell Rekord-Renditen scheffeln und sich auch auf Kosten von Verbrauchern und Steuergeldern die Taschen füllen.

Wer mehr Ausgewogenheit fordert, sollte deshalb nicht den Ausbau der Erneuerbaren bremsen, sondern endlich mal die Netzbetreiber stärker in die Pflicht nehmen. Denn diese spielen beim Umbau des Energiesystems eine Schlüsselrolle, produzieren aber horrende Gewinne statt Wertschöpfung zu schaffen.

Dabei krankt die Debatte ohnehin schon allzu oft an Kurzsichtigkeit. Doch: Energiepolitik ist kein Quartalsbericht, sondern eine Investition in die nächsten Jahrzehnte. Sinkende Erzeugungskosten, mehr Versorgungssicherheit und weniger Abhängigkeit von Energieimporten sprechen langfristig klar für den Ausbau der Erneuerbaren.

Hinzu kommen Milliarden an zusätzlicher Wertschöpfung für Städte, Gemeinden, Bürger und auch den Staat. Die Aufgabe besteht deshalb nicht darin, den Ausbau auszubremsen, sondern Speicher, Netze und Infrastruktur endlich so schnell auszubauen, dass möglichst keine Kilowattstunde mehr ungenutzt verloren geht und potenzielle Milliardeneinnahmen verpuffen.

Selbst wenn die kolportierte Wertschöpfung der Studie nur bei der Hälfte läge, würde es sich bereits lohnen, beim Netzausbau aufs Tempo zu drücken. Und: zu investieren! Dabei haben wir jetzt noch nicht einmal über den Klimawandel gesprochen, sondern allein über wirtschaftliche Vernunft.

BREAK THE NEWS BASIC thinking

Unser exklusives Format »Break the News«, in dem wir aktuelle Nachrichten in ihre Einzelteile zerlegen, erscheint immer zuerst in UPDATE, unserem täglichen Tech-Briefing. Hier kannst du dich über 12.000 anderen Lesern anschließen und dich kostenlos anmelden:

Mit deiner Anmeldung bestätigst du unsere Datenschutzerklärung

Auch interessant: 

STELLENANZEIGEN
Digital Marketing Manager (m/w/d) Social Medi...
Dr. Meyer & Meyer-Peteaux New Media Compa... in Rastede
Stellvertretender Pressesprecher / Referent f...
CDU-Fraktion im Landtag von Baden-Württ... in Stuttgart
Social Media Manager – Webkommunikation...
Open Experience GmbH in Karlsruhe
Referentin / Referent (w/m/d) Social Media &a...
DIHK | Deutsche Industrie- und Handelskammer in Berlin
Content Creator – Social Media / Grafik...
reputatio AG in Pforzheim
Marketing Manager (m/w/d) – Schwerpunkt...
Esri Deutschland GmbH in Bonn, Münster, Hamburg oder...
Marketing Manager E-Commerce (m/w/d)
Heinrich Bauer GmbH & Co. KG in Nürnberg
(Senior) Manager Social Media & Digital C...
Paulaner Brauerei Gruppe Sales & Marketin... in München
Teile diesen Artikel
Chefredakteur
Folgen
Fabian Peters ist seit Januar 2022 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Redakteur und freier Autor tätig. Er studierte Germanistik & Politikwissenschaft an der Universität Kassel (Bachelor) und Medienwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin (Master).
Keine Kommentare