Google kontrolliert über 80 Prozent der weltweiten Internetsuche und damit auch, welche Informationen Milliarden Menschen zu sehen bekommen. Sprich: Es gibt kaum Wettbewerb, sondern ein Monopol. Die beiden europäischen Suchmaschinenanbieter Ecosia und Qwant starten jetzt aber ihren gemeinsamen europäischen Suchindex auch in Deutschland. Das wird Google kurzfristig kaum jucken. Doch es braucht genau solche Projekte! Eine kommentierende Analyse.
Was ist ein Suchindex?
- Ein Suchindex ist eine Datenbank für Suchmaschinen, um Informationen abzurufen und sie in einer bestimmten Reihenfolge darzustellen – vergleichbar mit der Beschriftung und Sortierung von Büchern in einer Bibliothek. Bislang haben alle kleinen Suchmaschinen die Indizes von Google oder Bing genutzt. Um Europa und sich selbst unabhängiger von US-Anbietern zu machen, haben die beiden europäischen Suchmaschinenanbieter Ecosia und Qwant bereits 2025 einen eigenen Suchindex gegründet. Bei Qwant machen die Ergebnisse der European Search Perspective (EUSP) in Frankreich bereits einen Großteil der Suche aus. Nun ist der Index auch in Deutschland gestartet.
- Google hat bei der Desktop-Websuche weltweit einen Marktanteil von 80 Prozent. Auf mobilen Geräten sind es sogar über 90 Prozent. Bing folgt mit großem Abstand und zwölf Prozent (Desktop) sowie zwei Prozent (mobil) auf Platz zwei. Alternative Anbieter wie Ecosia, DuckDuckGo oder Qwant knabbern an der Ein-Prozent-Hürde. Der Grund: Die Marktmacht und Bekanntheit von Google ist nach wie vor so groß, dass andere Anbieter kaum eine Chance haben. Die EU schreibt in Europa deshalb mittlerweile Auswahloptionen vor. Apple und Google dürfen ihre Browser und Suchmaschinen auf ihren Geräten nicht mehr standardmäßig voreinstellen, sondern müssen zumindest auch auf andere Anbieter hinweisen.
- Die Auswahlmöglichkeiten auf Apple- und Google-Geräten haben alternativen Anbietern wie Ecosia und Co. bislang nicht allzu viel gebracht. Der Grund: Google hat nicht nur aufgrund seiner Popularität einen riesengroßen Vorsprung, sondern genießt auch technisch gesehen eine Monopolstellung, die anderen Unternehmen kaum eine Chance lässt. Die EU hat deshalb erneut reagiert. Google muss laut Digital Markets Act (DMA) künftig etwa Suchdaten anonymisiert mit Wettbewerbern teilen und Android für fremde KI-Assistenten öffnen.
Warum das Google-Monopol ein Demokratie-Problem ist
Die European Search Perspective ist weitaus mehr als ein technisches Infrastrukturprojekt. Denn: Google kontrolliert nicht nur inflationär, welche Informationen Nutzern weltweit ausgespielt werden, sondern entscheidet auch, welche Stimmen im digitalen Raum überhaupt Gehör finden.
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat schon vor einigen Jahren festgestellt, dass Medienpluralismus eine Voraussetzung für funktionierende Demokratien ist. Mit ihrem gemeinsamen Suchindex hauchen Ecosia und Qwant aber nicht nur dieser Debatte neues Leben ein. Auch die nach wie vor herrschenden Missstände rücken erneut ins Rampenlicht.
Denn mit Google hat schon viel zu lange ein einzelner Konzern die Schnittstelle zur öffentlichen Meinungsbildung besetzt. Hinzu kommt eine geopolitische Dimension, die lange unterschätzt wurde. Spätestens seit Trump 2.0 dürfte aber klar sein, dass die Abhängigkeit von US-Software als politisches Druckmittel missbraucht wird.
Ein in Europa gehosteter Suchindex verspricht aber nicht nur mehr digitale Souveränität, sondern sorgt durch europäische Gerichtsbarkeit und die DSGVO auch für mehr Datenschutz, indem Informationen innerhalb Europas bleiben.
Aber auch für Ecosia, Qwant und Nutzer eröffnen sich Chancen mit Blick auf die Qualität der Suche. Denn mit dem neuen Index lassen sich Informationen etwa nach Relevanz steuern – und nicht nach Inhalten von Medien mit dem höchsten Umsatz. Außerdem können beide Suchmaschinen die Flut von Spam-Anzeigen durch Microsoft und Google eindämmen.
Stimmen
- Ecosia-Gründer und -Geschäftsführer Christian Kroll in einem LinkedIn-Beitrag: „Letztes Jahr haben wir die Ergebnisse aus dem EUSP erstmals in Frankreich eingeführt, wo er mittlerweile mehr als die Hälfte des Suchverkehrs bei Ecosia abdeckt. Nun ist er auch in Deutschland live. Der Aufbau eines wettbewerbsfähigen Suchindexes erfordert Zeit, Investitionen und den Zugang zu Daten, die zur Verbesserung der Qualität der Suchergebnisse beitragen. Deshalb ist die jüngste Entscheidung der Europäischen Kommission im Rahmen des Digital Markets Act so wichtig. Der Zugang zu anonymisierten Ranking-Daten von Google wird EUSP dabei helfen, sich viel schneller zu verbessern.“
- Felix Biessmann, von der Berlin University of Applied Science & Einstein Center Digital Future, in einem Statement: „Die Internetsuche hat tiefgreifende gesellschaftliche Auswirkungen, und ein Webindex ist eine unverzichtbare Voraussetzung für viele KI-Technologien. Ein unabhängiger europäischer Webindex kann dazu beitragen, Vertrauen in digitale Technologien aufzubauen, und stellt sowohl für Nutzer als auch für lokale Fachkräfte in den Bereichen Datenverarbeitung und KI eine wichtige Alternative dar.“
- Die Entwicklung eines Suchindex galt lange als aufwendig und teuer. Laut Software-Ingenieur Peter Popov hätten die Fortschritte im KI-Bereich das aber einfacher gemacht, „indem moderne LLM-Modelle verwendet werden, die bereits über Kenntnisse der Suchsemantik verfügen. Die Erstellung eines Suchindexes für das gesamte Internet ist aus technischer Sicht keine so schwierige Aufgabe.“ Popov sieht aber vor allem in der Frage, wo Such-Bots frei crawlen dürfen und wo nicht, eine Herausforderung: „Proprietäre Plattformen stehen Versuchen, Informationen zu sammeln, oft recht ablehnend gegenüber.“
Ecosia peilt Marktanteil von zehn Prozent an
Mit ihrem gemeinsamen europäischen Suchindex werden Ecosia und Qwant Google natürlich nicht vom Thron stoßen; kurzfristig schon gar nicht. Doch darum geht es nicht. Denn: Nicht nur gut Ding, sondern auch so ein Suchindex will Weile haben.
Chancenlos ist das Unterfangen aber keineswegs. Auch die Pläne reichen entsprechend langfristig. Ecosia peilt in Deutschland etwa einen Marktanteil von rund zehn Prozent bis 2030 an. Das erscheint durchaus realistisch. Spätestens dann wäre der hauseigene Index weitaus mehr als nur ein kleines Nischenprodukt. Er wäre ein echter Wettbewerbsfaktor, von dem auch andere Unternehmen profitieren können.
Auch für die Entwicklung von KI-Modellen eröffnen sich Möglichkeiten. Denn dafür braucht es ein gut indiziertes Internet. Will heißen: Die potenziellen Chancen für ein digital souveränes Europa sind enorm. Klar: Europa würde damit natürlich nicht von heute auf morgen zum KI-Weltmarktführer aufsteigen.
Doch Ecosia und Qwant stellen EU-Unternehmen mit ihrem Index endlich einen unabhängigen Werkzeugkasten zur Verfügung, der nicht von den Launen und der Willkür der USA abhängt. Oder: Ein europäischer Suchindex stellt nicht nur eine Alternative zu Google dar. Er fördert auch den Medienpluralismus und eröffnet Europa eine unabhängige Infrastruktur – auch mit Blick auf den hiesigen Datenschutz.
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