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Bücherverscannung: Mysteriöse KI-Bestellungen privatisieren Wissen

Fabian Peters
Bild: Adobe Stock / kanzilyou

KI-Konzerne wie Anthropic kaufen über Zwischenhändler massenhaft Bücher aus Antiquariaten auf. Allein in Deutschland sind es schätzungsweise 700.000 Titel. Die Werke werden eingescannt, als Trainingsdaten für Chatbots genutzt und dann teilweise entsorgt. Was wie eine Bücherverbrennung 2.0 anmutet, offenbart ein neues Problem: Wer kontrolliert künftig den Zugang zum gesammelten Wissen der Menschheit? Eine kommentierende Analyse.

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Wie die KI-Konzerne an hunderttausende Bücher kommen

  • Am 27. Januar 2026 berichtete die Washington Post unter Berufung auf Gerichtsunterlagen erstmals, dass große KI-Anbieter massenhaft Bücher kaufen würden, um ihre Sprachmodelle damit zu füttern und zu trainieren. Anthropic soll unter dem Namen Project Panama seit 2024 etwa Millionen Bücher erworben, eingescannt und seinem Chatbot Claude einverleibt haben. Ein Großteil der Dokumente kam erst Anfang 2026 ans Licht. Anthropic hatte sich im Rahmen eines Rechtsstreits, den zahlreiche Buchautoren angestrengt hatten, bereit erklärt, 1,5 Milliarden US-Dollar zur Beilegung zu zahlen. Der zuständige Bezirksrichter entschied zudem, dass das Unternehmen über 4.000 Dokumente veröffentlichen muss.
  • Nachdem Project Panama publik wurde, häuften sich nach und nach Berichte von Antiquariaten über ungewöhnliche Bestellungen. Betroffen sind unter anderem auch Buchhändler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Wie der Verband der deutschen Antiquare berichtet, soll es sich um Massenbestellungen in Höhe von 10.000 bis zu 50.000 Euro gehandelt haben. Viele Händler waren zunächst skeptisch. Doch bei der Abwicklung soll alles ordnungsgemäß gelaufen sein. Bezahlt wurde etwa über die Plattform AbeBooks, auf der Händler ihre Bücher anbieten können.
  • Seit April 2026 sind vor allem in Deutschland immer mehr nächtliche Massenbestellungen bei Antiquariaten eingegangen. Das Muster scheint meist dasselbe zu sein. Pro Händler werden hunderte Bücher bestellt – pro Titel immer ein Exemplar. Meistens soll es sich um Sachbücherbestellungen des kanadischen Unternehmens Zoom Books handeln, das sich selbst als Buch-Recycler bezeichnet. Geliefert wurde an ein Lager im sächsischen Kodersdorf. Die Vermutung: Von dort gehen die Bücher in die USA, um den Informationshunger der KI-Branche zu stillen. Schätzungen zufolge handelt es sich allein in Deutschland um etwa 700.000 Titel. Pikant: Einige berichten sogar, dass die meisten Bücher nach dem Einscannen entsorgt werden.

Bücherverbrennung 2.0? Warum der Vergleich hinkt

Nicht nur Anthropic, sondern auch Google, Meta und OpenAI haben ein Interesse an dem Stoff, der seit Jahren, Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten zwischen zwei Buchdeckeln steht. Für Antiquariate mag das zunächst ein unverhofftes und durchaus lukratives Geschäft sein. Doch aus alten Wälzern im Regal ist mittlerweile ein begehrter Datenschatz geworden, der Rohstoff für die KI-Industrie ist.

Der Grund: Das Wissen im Netz ist nicht unendlich. Vieles wurde bereits ausgeschöpft, anderes ist gar nicht digital verfügbar. In alten Büchern schlummert aber noch immer ein gewaltiger Wissensspeicher aus historischen Erkenntnissen, wissenschaftlichen Arbeiten, vergessenen Perspektiven und jahrzehntealten Debatten. Das Problem dabei ist aber nicht nur, dass Bücher für KI digitalisiert werden.

Der Hype um eine vermeintlich neue Bücherverbrennung führt vielmehr in eine falsche Richtung. Oder: Eine Bücherverbrennung 2.0 findet, da es sich allenfalls um einzelne Exemplare handelt, nicht statt. Problematisch wird es vielmehr dann, wenn aus dem kulturellen Gedächtnis ein Rohstofflager wird, das wenige Unternehmen nach Belieben ausbeuten.

Auch rechtlich ist die Sache komplizierter, als es die Debatte vermuten lässt. Das Urheberrecht schützt schließlich nicht das Papier, sondern das geistige Eigentum dahinter – also unter anderem Ideen, Argumente, Methodik, Struktur und die konkrete Verschriftlichung. Das Scannen von Büchern für das KI-Training ist in Deutschland unter bestimmten Voraussetzungen zudem zulässig, etwa wenn das Werk rechtmäßig erworben wurde, nur der Erhebung von Daten dient und nicht vervielfältigt wird.

Eine Vergütung der Urheber ist aber nicht vorgesehen. Spätestens bei der Frage, ob die Trainingskopien nach ihrer Nutzung tatsächlich gelöscht werden oder für die nächste Modellgeneration weiterleben, steht hinter einer rechtlichen Grauzone aber ein fettes Fragezeichen. Hinzu kommt: Werden die Daten in den USA verarbeitet, gilt das dortige Recht, das den KI-Anbietern weitreichende Befugnisse einräumt.

Stimmen

  • Markus Brandis, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Antiquare e.V. (VDA), in einem Memorandum: Ihm sind „zahlreiche Fälle bekannt. (…) Die aktuellen Berichte sind also stimmig, auch, dass die Namen Zoom Books und Project Panama dahinterstehen. (…) Noch sollten wir allerdings nicht im eigentlichen Wortsinn von ‚Künstlicher Intelligenz‘ sprechen, es handelt sich noch um ‚Maschinelles Lernen‘, d. h. dass die Maschinen alles vom Menschen einst Erfahrene, Erlernte, Erforschte und ErfundenE übernehmen. Und hier genau kommen die Firmen mit den Masseneinkäufen der Bücher ins Spiel. Die CEOs (noch sind es Menschen) der Firmen haben begriffen, dass das gesamte Menschheitswissen in den Büchern liegt, über Jahrhunderte in Büchern konserviert und durch Bücher – erst per Abschrift, dann per Druck – tradiert wurde.“
  • Rolf Brehmer, der ein Kunstantiquariat in München führt, erhielt im Mai und Juni 2026 jeweils eine Bestellung des kanadischen Unternehmens Zoom Books über die Amazon-Tochter AbeBooks. Auf die Frage, ob KI-Firmen die Antiquariate ausrauben würden, sagte er gegenüber der Süddeutschen: „Das ist völliger Unsinn. Denn letztendlich wird von einem Titel immer nur ein Exemplar gekauft (…). Insofern ist es im Grunde keine Vernichtung von Wissen oder Kulturgut, zumindest, was den haptischen Besitz betrifft, sondern ein Zusammenraffen aller Themen, jeweils mithilfe eines einzigen Exemplars. (…) Ich sehe in dieser Aktion, wie in vielen anderen Datensammlungen, die Gefahr, dass irgendwann ein Konzern oder eine Regierung einer schon stark digital gesteuerten Bevölkerung die geistigen Aktivitäten im Bereich Literatur und Zeitgeschichte vorgibt und damit die kulturelle und emotionale Entwicklung beeinflusst – bis hin zur monopolisierten Meinungssteuerung.“
  • Und was sagen die KI-Unternehmen? Anthropic teilte auf eine Anfrage hin mit: „Claude wird auf einer Mischung von öffentlich zugänglichen Web-Daten, kommerziell erworbenen Datensätzen und selbst generierten Daten trainiert. Bei keinem unserer Programme zum Datenankauf werden seltene oder antiquarische Bücher zerstört.“ Von Google hieß es: „Wir respektieren das Urheberrecht, arbeiten in Partnerschaft mit anderen und geben Verlagen die Kontrolle darüber, wie ihre Inhalte verwendet werden.“ Mit dem Projekt Google Books habe das Unternehmen „Hunderten von Bibliotheken weltweit geholfen, gemeinfreie Werke für zukünftige Generationen zu digitalisieren – und dabei die physischen Exemplare unversehrt zurückgegeben“. Eine öffentliche Stellungnahme von OpenAI gibt es bisher nicht.

Droht eine Privatisierung des Menschheitswissens?

Selbst wenn die KI-Anbieter sämtliche rechtlichen Vorgaben einhalten würden, bleibt ein Problem, das noch viel größer sein könnte als die Frage nach Millionen gescannten Büchern. Denn: Wer entscheidet, welches Wissen die Gesellschaft zu sehen bekommt? Big Tech bestimmt etwa heute schon über Suchmaschinen und Plattformen mit, welche Informationen prominent auftauchen und welche irgendwo im digitalen Nirvana verschwinden.

Bei Chatbots könnte dieser Einfluss noch unmittelbarer werden. Die Gefahren wären im schlimmsten Fall einseitige, unvollständige oder unkritische Informationen. Denn ein KI-Modell kann nicht nur Wissen zugänglich machen, sondern durch Auswahl und Gewichtung auch die Wahrnehmung prägen. Oder: manipulieren!

Wenn Google, Anthropic und Co. ihren Chatbots diverse Online-Artikel oder Bücher einverleiben, ihre Modelle damit trainieren und geistiges Eigentum ohne Nachfrage oder Vergütung vervielfältigen, entsteht ein ziemlich einseitiger Deal. Oder: Die einen liefern den geistigen Rohstoff, ohne davon zu profitieren, und die anderen bauen daraus KI-Modelle, um Geld zu scheffeln.

Klar: Eine Digitalisierung von altem Wissen und Informationen ist zunächst einmal toll. Doch nicht einzelne Unternehmen sollten die Macht darüber haben, was davon zugänglich gemacht wird und was nicht. Und vor allem: Sie sollten es nicht ohne Absprache tun.

Sonst könnte aus der Digitalisierung des Menschheitswissens am Ende eine Privatisierung des Zugangs dazu werden. Und aus dem Versprechen, Wissen für alle verfügbar zu machen, ein System, in dem einige wenige Konzerne zum Wächter des kollektiven Gedächtnisses werden.

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Fabian Peters ist seit Januar 2022 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Redakteur und freier Autor tätig. Er studierte Germanistik & Politikwissenschaft an der Universität Kassel (Bachelor) und Medienwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin (Master).
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