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Roboter-Radio: Wie KI der Moderation die Seele austreibt

André Gabriel
Bild: DepositPhotos

Als Teil der Markenfamilie von „Schaffhausen24“ und dem „Bock“ setzt Radio Schaffhuuse seit dem 1. Juli 2026 im Output komplett auf Künstliche Intelligenz. Empfangen lässt sich der Radiosender über den DAB+-Kanal 5D in der Ostschweiz. Zwar kommt der Input (noch?) aus Menschenhand, doch die Erklärungen sind scheinheiliges Blabla, das in den Ohren wehtut. Eine kommentierende Analyse.

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KI-Sender: Was ist Radio Schaffhuuse?

  • Die Mission: Journalismus hörbar machen und der Region mehr Stimme geben. Radio Schaffhuuse soll die traditionelle Zeitung mit dem Tempo der Digitalisierung verbinden und so den Lokaljournalismus modern und nachhaltig gestalten – um regionale Nachrichten dorthin zu bringen, „wo das Leben spielt: ins Auto, in die Küche, ins Büro oder direkt aufs Smartphone“.
  • Klingt gut, oder? Ja, wenn man nicht weiter darüber nachdenkt. Unter der Oberfläche aus clever platzierten Schlagwörtern tönt es jedoch wenig aufregend und ganz sicher nicht innovativ. Das alles beschreibt lediglich den normalen Radiocharakter, kombiniert mit technologischer Effizienz. Spannend: Der Begriff „KI“ kommt im Über-uns-Teil der Website erst weiter unten.
  • Immerhin: „Trotz des technologischen Ansatzes läuft auf dem Sender ausschliesslich echte Musik von realen Bands sowie Künstlerinnen und Künstlern“. Ein spezieller Slot am Donnerstag steht sogar im Zeichen lokaler Talente. Und wie klingt die KI-Moderation (online)? Nun, erwartungsgemäß hölzern und gekünstelt – als würde jemand versuchen, ganz bewusst nach den Grundregeln der Intonation zu sprechen. In einem Wort: seelenlos.
  • Das KI-Radio befindet sich noch im Testbetrieb und fordert proaktiv Feedback ein. Allerdings spielt die KI-Funktion auch dort nur eine Nebenrolle. Stattdessen geht es vor allem um grundsätzliche Fragen zur Nutzung und Qualität. Das Freitextfeld ganz unten bietet Raum für mehr, doch man wird das Gefühl nicht los, dass der KI-Faktor kaum infrage gestellt werden soll.

KI-Radio als Sparmodell

Erst kürzlich habe ich im Radio wieder einen Satz wie den folgenden gehört: mit Unterstützung von KI. Ich meine, es ging um die Wettervorhersage. Doch abgesehen vom Thema ist die Aussage in vielerlei Hinsicht interessant. Einerseits verdeutlicht sie die rasante technologische Entwicklung – oder nennen wir es doch gleich Ausbreitung. Andererseits pointiert sie, worauf es beim Einsatz von KI ankommen sollte: Unterstützung – für den Menschen durch KI.

Dass sich der Supportgedanke auch umkehren kann, zeigt der vorliegende Fall. Denn bei Radio Schaffhuuse arbeiten Menschen der KI zu. Demnach erfolgen die Recherche und Schreibarbeit klassisch redaktionell, um der journalistischen Sorgfaltspflicht nachzukommen. Erst bei der Fleißarbeit, heißt es, komme KI ins Spiel: So werden aus den Texten automatisiert Audios, gesprochen von geklonten Mitarbeiterstimmen. Wetter- und Verkehrsmeldungen aktualisiert die KI in Echtzeit.

Und dann kommt es endlich, das Wort, das den KI-Einsatz am besten legitimiert: Routineaufgaben. Fallen die weg, hat die menschliche Redaktion mehr Zeit für wertvollere Aufgaben. Was hier aber verschleiert wird: Der Wegfall betrifft auch ein konkretes und wesentliches Jobprofil im Radiokontext: die Moderation.

Natürlich wollen wir nicht alles per se schlechtreden oder zynisch zerlegen. Fakt ist, dass das Onlineportal vorher kein vergleichbares Angebot hatte. Als Ergänzung ergibt Radio Schaffhuuse also durchaus Sinn – trotzdem ist die Reichweitenlösung bewusst kosten- und ressourceneffizient. Auch das ließe sich im Einzelfall verargumentieren. Nur: Was, wenn das KI-Radio Schaffhuuse eine Vorreiterrolle einnimmt?

Stimmen

  • Aus dem FAQ-Bereich der offiziellen Website (nach unten scrollen): „Ersetzt die KI jetzt die Journalisten? Nein. Die Künstliche Intelligenz (KI) übernimmt für uns die Fleissarbeit im Hintergrund, wie das Zusammenfassen und Kürzen von Artikel sowie das Aktualisieren von Wetter- oder Verkehrsmeldungen. Sie ist kein Ersatz für den Menschen, sondern ein entscheidendes Instrument für mehr Effizienz.“ Auf Radiomoderatoren, die nicht selten ein journalistisches Volontariat absolvieren, gehen die FAQ nicht ein.
  • Das Schweizer Medienunternehmen SRF zitiert Lara Gansser, die Projektleiterin von Radio Schaffhuuse: „Das Radio holt nicht einfach Artikel aus dem Internet. […] Die Quellen sind ‘Schaffhausen 24‘, eigene Podcasts oder Partner.“ Zur Stimm- und Sprechqualität der KI sagt sie: „Es ist ein bisschen so, wie wenn man eigene Sprachaufnahmen auf Whatsapp hört.“
  • Moderatorin und Journalistin Amelie Marie Weber sprach im März 2026 in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig über den Journalismus in der heutigen Zeit: „Eine weitere große Herausforderung kommt gerade mit enormer Geschwindigkeit auf uns zu: künstliche Intelligenz. KI kann journalistische Arbeit unterstützen – bei Recherche, Datenanalyse oder Übersetzungen. […] Deepfakes, synthetische Stimmen, automatisch generierte Texte – all das wird die Frage nach Glaubwürdigkeit und nach Transparenz noch dringlicher machen. In einer Welt, in der theoretisch jeder Inhalt künstlich erzeugt sein könnte, wird die Herkunft von Informationen immer wichtiger.“

KI-Radio: Wie lange bleibt der Mensch noch am Mikrofon?

Das KI-Radio des Kanton Schaffhausen ist ein Experiment. Aber es könnte zu einer existenziell relevanten Pionierarbeit beitragen. Denn sollte sich die KI bewähren, und das wird sie aufgrund des permanenten Trainings irgendwann, sind echte Jobs in Gefahr. Glücklicherweise ist es noch nicht so weit, wie ein anderes KI-Radioexperiment gezeigt hat. Das Start-up Andon Labs wies Claude, ChatGPT, Gemini und Grok an, eine eigene Radiopersönlichkeit zu entwickeln. Die Ergebnisse waren enttäuschend bis verheerend.

Dennoch: Warum ein physisches Studio mieten, Equipment kaufen und Menschen für die Moderation anstellen, wenn KI das alles viel schneller und billiger kann, die journalistischen Grundwerte aber – zumindest theoretisch – gewahrt bleiben? Immer unter dem Deckmantel der sinnvollen Eliminierung von Routineaufgaben zur besseren Fokussierung. Leute, es geht ums Geld, punkt. Denn auch die Moderation ist ein elementarer qualitativer Eckpfeiler.

Zumal wir uns im Anfangsstadium befinden. Wie lange wird es dauern, bis sich die menschliche Vorarbeit nur noch auf eine stichpunktartige Inhaltsfixierung anhand einer KI-gestützten Themenrecherche beschränkt, KI auch die Zusammenschrift übernimmt und Algorithmen entscheiden, wann welche Inhalte am besten ausgespielt werden? Wie konsequent wird der Human im Loop bleiben, wenn sich die KI stetig weiterentwickelt?

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André Gabriel schreibt seit Januar 2021 für BASIC thinking. Als freier Autor und Lektor arbeitet er mit verschiedenen Magazinen, Unternehmen und Privatpersonen zusammen. So entstehen journalistische Artikel, Ratgeber, Rezensionen und andere Texte – spezialisiert auf Entertainment, Digitalisierung, Freizeit und Ernährung. Nach dem Germanistikstudium begann er als Onlineredakteur und entwickelte sich vor der Selbständigkeit zum Head of Content.
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