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Klicks statt Klima: Wie Medien und Algorithmen unsere Zukunft verzocken

Fabian Peters
Bild: DepositPhotos

Soziale Medien sollten die Klimadebatte demokratisieren. Eine neue Übersichtsarbeit der Universitäten Zürich und Münster zeigt: Das Gegenteil ist passiert. Klimaskeptiker gewinnen überproportional an Sichtbarkeit, während sich der Diskurs in getrennte Plattformwelten aufspaltet. Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis eines Systems, das Empörung belohnt und Einordnung bestraft. Eine kommentierende Analyse.

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Soziale Medien halten Demokratieversprechen nicht ein

  • Laut einer Übersichtsarbeit der Universitäten Zürich und Münster haben soziale Medien die Klimakommunikation in den vergangenen 20 Jahren verändert. Das erhoffte Demokratisierungsversprechen wurde aber nur teilweise eingelöst. Dem Bericht zufolge beteiligen sich heutzutage zwar mehr Akteure am Klimadiskurs. Doch etablierte Stimmen würden weiterhin dominieren, während klimaskeptische Akteure überproportional an Sichtbarkeit gewinnen. Ob Social Media das Wissen der Öffentlichkeit über Klimathemen fördert, sei derweil unklar. Wer digitale Medien nutzt, würde sein Wissen aber häufig überschätzen.
  • Für ihre Analyse werteten die Forscher internationale Forschungsliteratur zur Klimakommunikation in den sozialen Medien aus – von X über TikTok und YouTube bis hin zu regional dominanten Plattformen wie Weibo oder WeChat. Die komplette Publikation erschien im Magazin Nature Climate Change. Eines der zentralen Ergebnisse: eine zunehmende Trennlinie zwischen den Plattformen bei der Klimakommunikation. Der Grund: eine verschärfte Moderation, die Abwanderung von großen Plattformen, die Neuausrichtung von Twitter zu X, geänderte Fact-Checking-Regeln von Unternehmen wie Meta sowie der Aufstieg alternativer Plattformen.
  • Laut der österreichischen Kognitionspsychologin und Social-Media-Forscherin Hanna Metzler ist der Einfluss sozialer Medien auf unsere Wahrnehmung komplexer als viele denken. Extreme Meinungen seien etwa überpräsentiert und würden den Eindruck gesellschaftlicher Spaltung entstehen lassen, obwohl es abseits digitaler Plattformen oft mehr Übereinstimmung gibt. Zudem sind Nutzer laut Metzler weniger leicht manipulierbar als oftmals angenommen. Falschinformationen seien wiederum ein Symptom für tieferliegende soziale Probleme, die es zu lösen gilt. Filterblasen würden auch im realen Leben existieren. Social Media eröffne lediglich mehr Berührungspunkte mit anderen Positionen. Um Glaubwürdigkeit zu schaffen, brauche es derweil Vertrauen und Transparenz – vor allem von Institutionen, Medien und politischen Akteuren.

Wie (soziale) Medien die Klimadebatte lenken

Die Hoffnung war groß, als die sozialen Netzwerke vor fast 20 Jahren nach und nach das Licht der Welt erblickten. Sie versprachen mehr Austausch, mehr Demokratie und mehr Zugang zu Wissen – nicht nur rund um den Klimawandel. Niedrige Zugangshürden, ein direkterer Draht zur Wissenschaft und mehr Raum für die Zivilgesellschaft schienen zunächst gute Voraussetzungen für einen offeneren Austausch zu sein.

Mittlerweile scheint der soziale Aspekt sogenannter sozialer Medien aber zunehmend unter die Räder zu geraten. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ausgerechnet bei einem so hochsensiblen Thema wie dem Klima scheint das Demokratieversprechen der digitalen Medien aber zu bröckeln.

Will heißen: Schwarz-Weiß-Denken ersetzt Zwischentöne; der Diskurs verroht. Dabei liegt das nicht einmal ausschließlich an der breiten Nutzerbasis. Denn Algorithmen belohnen Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeit entsteht nun einmal leichter durch Empörung als durch eine nüchterne Einordnung wissenschaftlicher Zusammenhänge.

Oder: Wo Moderation von Inhalten nicht ausreichend gegeben ist oder bewusst zurückgefahren wird, bekommt der lauteste Beitrag schnell mehr Gewicht als der vernünftigste. Das ist besonders beim Klimawandel fatal. Doch eine komplexe, langfristige Krise passt denkbar schlecht in ein System, das auf kurze Reize und schnelle Reaktionen getrimmt ist.

Klar: Social Media ist ein Sammelbecken aus Hass, Hetze und Falschinformationen. Es wäre aber zu bequem, alle Nutzer über einen Kamm zu scheren, Kompetenzen zu unterschätzen oder allein auf die sozialen Medien zu zeigen. Auch der klassische Journalismus muss sich etwa fragen, warum er sich so oft dem gleichen Takt aus Klicks und Aufregung unterwirft. Oder: Wer ständig nur die nächste Stichflamme sucht, wird dem Klimawandel als Dauerkrise kaum gerecht.

Stimmen

  • Julia Metag vom Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster und Co-Autorin des Beitrags in einem Statement: „Vermutlich werden Spaltungen künftig weniger innerhalb von Plattformen als zwischen ihnen auftreten. Nutzende bewegen sich dann in getrennten, homogeneren Plattformwelten, in denen ihnen abweichende Sichtweisen weniger begegnen. (…) Die Wirkung von sozialen Medien hängt von unterschiedlichen Logiken der Plattformen, Regulierungen, Mediensystemen und soziopolitischen Kontexten ab. Was auf X in den USA zu beobachten ist, sagt wenig darüber aus, was auf Weibo in China geschieht.“
  • Mitautor Mike S. Schäfer vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich (UZH) ergänzte: „Über die Zeit zeigte sich jedoch, dass etablierte Akteure – darunter politische Akteure, staatliche Stellen und klassische Medien – die öffentliche Klimadebatte nach wie vor stark prägen und teilweise dominieren. Unter den nicht-etablierten Stimmen sind es zudem häufig die skeptischen, die überproportional an Sichtbarkeit gewinnen. (…) Das schwächt den Journalismus in seiner Rolle als Wissensvermittler – auch beim Thema Klima. Besonders betroffen sind davon Mediensysteme mit schwachem öffentlichem Rundfunk und Regionen, in denen unabhängiger Klimajournalismus ohnehin fragil ist.“
  • Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, sieht auch die klassischen Medien in der Pflicht. Gegenüber Deutschlandfunk sagte er 2021: „Sie können am Beispiel der Klimaberichterstattung Probleme des politischen Journalismus, das Ausgebranntsein des politischen Journalismus, das Antivisionäre, das klickzahlgetriebene, das Stichflammenartige ganz wie unter einem Brennglas studieren. Also der Neuigkeitswert-Fetisch, die Orientierung am Hype, die Verherrlichung der Exklusivität, der Geschwindigkeitsrausch, das Interesse an banalen Machtkämpfen und die klammheimliche Verehrung, der klammheimliche Pakt mit Provokateuren ganz unterschiedlicher Couleur – all das können Sie sehen, all das trägt bei zu einer Atmosphäre der radikalen Gegenwartsfixierung, zu einer Atmosphäre des totalen Jetzt, so könnte man sagen. Und dieses geistige Klima steht vollkommen im Widerspruch zu dem Krisen- und Katastrophen-Typus des Klimawandels.“

Wie sieht die Zukunft der Klimakommunikation aus?

Vielleicht beginnt die Zukunft der Klimakommunikation außerhalb der sozialen Medien. Immer mehr Menschen kehren den Plattformen etwa den Rücken und haben keinen Bock mehr auf Social Media. Denn: Viele empfinden ständige Reize, Streit, Empörung und die nächste Push-Nachricht zunehmend als Belastung. Das ist in erster Linie für die Plattformen ein Problem. Für die Klimakommunikation muss es das aber keineswegs sein.

Social Media bleibt aber dennoch Fluch und Segen zugleich. Einerseits können soziale Netzwerke Klimawissen niedrigschwellig zugänglich machen, Wissenschaftler direkt mit der Öffentlichkeit verbinden und Stimmen zu Wort kommen lassen, die im klassischen Mediensystem kaum Gehör finden. Andererseits kann genau diese Offenheit zu einem Problem werden, wenn sich die Debatte immer stärker in getrennte Meinungskorridore aufteilt.

Würden soziale Netzwerke ihre gesellschaftliche Funktion ernst nehmen, müssten sie sich verändern. Algorithmen dürften nicht länger so funktionieren, dass ausgerechnet Empörung und Polarisierung mit Reichweite belohnt werden. Außerdem bräuchte es eine funktionierende Moderation, ohne dabei jede unbequeme oder unpopuläre Meinung aus dem Diskurs zu verbannen. Die Kunst könnte darin liegen, mehr Streit auszuhalten, ohne mehr Streit zu entfachen.

Denn auch das Aushalten anderer Meinungen gehört zum Diskurs. Auch der Journalismus müsste raus aus dem Reflex, jede Entwicklung zur nächsten großen Aufregung hochzuschreiben und vor allem Klicks hinterherzulaufen. Denn: Artikel und Medien nehmen in den sozialen Medien eine große Rolle ein.

Vor allem beim Klimawandel braucht es aber weniger digitales Feuer, sondern mehr Ausdauer. Es braucht mehr Erklärungen, Zusammenhänge und Einordnungen. Denn wenn am Ende alle immer nur lauter werden, aber niemand mehr zuhört, ist auch die beste Klimabotschaft oder -kritik für die Tonne.

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Fabian Peters ist seit Januar 2022 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Redakteur und freier Autor tätig. Er studierte Germanistik & Politikwissenschaft an der Universität Kassel (Bachelor) und Medienwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin (Master).
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