Die Apple Watch Series 12 mit braunem Armband.

Apple Watch hört ständig mit – und belauscht sogar Freunde und Familie

Nils Ahrensmeier
Bild: Apple

Apple hat mit Siri Recap eine Datenschutz-Architektur für die neue Apple Watch gebaut, die technisch zwar kaum angreifbar ist, aber die Smartwatch auch ständig mithören lässt. Was aber auffällt: Wer mit im Raum ist oder am Nachbartisch sitzt, wird nicht gefragt ob er aufgezeichnet werden will – und merkt es auch nicht. Eine kommentierende Analyse. 

Man muss Apple eines lassen: Selten hat ein Konzern so gründlich erklärt, warum sein neues Feature eigentlich gar nicht gruselig ist. Zu den neuen Audio-Intelligence-Funktionen der Apple Watch Series 12 und Ultra 4 gibt es ein elfseitiges Whitepaper. Es beschreibt verschlüsselte Hardware-Enklaven, Audiopuffer, die sich ständig selbst überschreiben, und Schlüssel, die nach kurzer Zeit verfallen. Der zentrale Satz lautet sinngemäß: Es gäbe keine Aufnahme, die man herausgeben könne, weil keine Aufnahme existieren würde. Das mag alles stimmen. Beantwortet wird damit aber auch eine Frage, die kaum jemand gestellt hat.

Apple Watch hört über Siri Recap zu: Technisch alles sauber

Zuerst das Positive, weil es dazugehört. Siri Recap soll über den Tag hinweg erkennen, wann in der Nähe ein Gespräch läuft, und daraus Zusammenfassungen erstellen. Laut Apple landet das Audio dabei in der „Secure Exclave“ des neuen S11-Chips. Weder watchOS noch Apps noch Apple selbst sollen darauf zugreifen können. Von dort geht es verschlüsselt auf das gekoppelte iPhone, wo die Datei transkribiert wird.

Danach wird der Text eingedampft und in Apples Private Cloud Compute zusammengefasst. Das Rohaudio wird gelöscht, Sprecher werden nicht identifiziert, und nach sieben Tagen verschwinden die Zusammenfassungen, sofern man sie nicht speichert.

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Das ist mehr Aufwand, als die meisten Hersteller von KI-Wearables wie Anhängern, smarten Diktiergeräten und Plaudernadeln je betreiben werden. Wer Apple vorwirft, hier fahrlässig mit Daten umzugehen, macht es sich zu einfach.
Nur ging es bei Datenschutz nie ausschließlich um Verschlüsselung.

Das Problem sitzt mit am Tisch

Alles, was Apple an Kontrolle verspricht, gilt für genau eine Person: den Menschen mit der Uhr am Handgelenk. Er willigt bei der Einrichtung ein, legt Zeiten und Orte fest und entscheidet, welche Zusammenfassungen er behält. Die Kollegin im Meeting, der Freund beim Abendessen oder Fremde in der Bahn entscheiden aber gar nichts. Sie wissen nicht einmal, dass es etwas zu entscheiden gäbe.

Apple vergleicht das Ergebnis mit „Notizen, die jemand nach einem Gespräch schreiben könnte“. Der Vergleich hinkt. Wer mitschreibt, sitzt sichtbar mit Block oder Laptop da, und man kann sich darauf einstellen. Eine Smartwatch dagegen gehört inzwischen so selbstverständlich zum Handgelenk wie früher die Armbanduhr. Genau diese Unauffälligkeit war jahrelang ihr größter Vorteil. Bei einem Gerät, das Gespräche auswertet, wird sie zum Problem.

Apple weiß es selbst

Besonders aufschlussreich ist der Vergleich mit Live Rewind, dem zweiten neuen Feature. Nach einem Doppeldruck auf die Digital Crown zeigt die Uhr die letzten 15 Sekunden eines Gesprächs als Text an. Dabei spielt sie einen hörbaren Ton ab – selbst im Lautlosmodus. Das Display zeigt eine Animation und eine Mikrofonanzeige an. Apple begründet das ausdrücklich damit, Menschen in der Nähe zu warnen.

Die Apple Watch Series 12 mit den neuen Audio Intelligence Funktionen
Die Apple Watch Series 12 ist die erste Apple Watch mit den neuen „Audio Intelligence“ Funktionen.

Für 15 Sekunden auf Knopfdruck gibt es also einen Warnton. Für ein Feature, das auf Wunsch den ganzen Tag lang Gespräche zusammenfasst, gibt es keinen. Apple begründet das damit, dass kein Rohaudio aufbewahrt wird. Wer so argumentiert, verwechselt den physischen Speicher mit dem Inhalt. Mein Gegenüber interessiert nicht, ob seine Stimme als Datei existiert. Es interessiert ihn, ob das, was er gesagt hat, später in einer Zusammenfassung auf fremden Geräten steht. Genau dafür ist Siri Recap gebaut.

Siri Recap: Legal ist nicht automatisch legitim

Aus deutscher Sicht wird die Architektur noch interessanter. § 201 StGB stellt unter Strafe, das nichtöffentlich gesprochene Wort eines anderen unbefugt „auf einen Tonträger aufzunehmen“. Apples Konzept wirkt, als hätte jemand genau diesen Tatbestand danebengelegt. Es gibt einen flüchtigen Puffer, der sich laufend überschreibt, keine Datei, keine Aufnahme und am Ende nur Text. Ob ein solcher Puffer ein Tonträger im Sinne der Norm ist, dürfte Juristen noch beschäftigen. Das Strafrecht hält sich eng an den Wortlaut, und viel spricht dafür, dass Apple hier bewusst knapp daran vorbeikonstruiert hat.

Beim Datenschutzrecht wird es ungemütlicher. Solange jemand die Funktion rein privat nutzt, greift wohl die sogenannte Haushaltsausnahme der DSGVO. Apple bewirbt aber selbst die Option, Siri Recap „nur am Arbeitsplatz“ laufen zu lassen. Wer im Büro Besprechungen mit Kunden oder Kollegen zusammenfassen lässt, bewegt sich kaum noch im Privaten.

Dann ist er womöglich selbst Verantwortlicher im Sinne der DSGVO und müsste die Betroffenen informieren. Wie das mit einer Uhr gehen soll, die bewusst kein Signal gibt, erklärt das Whitepaper nicht. Zudem fließen neben dem Gesprächstext auch Kalenderdaten und grobe Ortsangaben wie „Arbeit“ oder „Supermarkt“ in die Cloud-Zusammenfassung ein.

Vielleicht erklärt das, warum wir in Deutschland vorerst nur zuschauen. Siri AI kommt auf der Apple Watch in der EU zunächst nicht. Siri Recap und Live Rewind starten ohnehin erst später im Jahr als Beta, auf Englisch und in den USA. Eine Begründung für den EU-Ausschluss liefert Apple nicht. Man muss aber kein Prophet sein, um zu vermuten, dass Brüssel bei einem Dauerlausch-Feature ein paar Fragen mehr stellt als bei einem Emoji-Generator.

Präsent durch Weghören?

Bleibt die Frage nach dem Nutzen. Apple verspricht, man könne mit Siri Recap „präsent und engagiert“ bleiben. Das ist eine bemerkenswerte Logik: Man soll dem Gespräch mehr Aufmerksamkeit schenken, indem man das Zuhören an sein Handgelenk auslagert. Die Beispiele wirken bemüht. Wer im Restaurant die Tagesgerichte vergessen hat, fragt die Bedienung einfach noch einmal. Die freut sich darüber vermutlich mehr als über eine KI-Zusammenfassung ihres Vortrags.

DIe Apple Watch Ultra 4 mit "Siri Recap"
Apple bewirbt „Siri Recap“ mit teils schwer nachvollziehbaren Alltagssituationen (Bild: Apple)

Der eigentliche Grund liegt woanders. Der Markt für KI-Begleiter, die ständig mithören, wächst, und Apple will ihn nicht der Konkurrenz überlassen. Das ist nachvollziehbar. Wer diesen Markt aber anführen will, trägt auch Verantwortung dafür, welche Normen sich darin durchsetzen.

Fazit: Apple Watch hört ständig mit

Apple hat den Datenschutz bei Siri Recap als technisches Problem behandelt und es technisch gelöst. Privatsphäre ist aber zuerst eine soziale Frage. Dabei geht es nicht nur darum, wer auf Daten zugreifen kann. Es geht auch darum, ob Menschen noch sicher sein können, dass ihr beiläufiges Gespräch beiläufig bleibt.

Die Lösung läge auf der Hand, und Apple hat sie bei Live Rewind selbst gebaut: ein klar sichtbares Signal auf dem Display, solange Siri Recap aktiv ist. Das wäre kein technisches Hindernis. Es wäre ein Eingeständnis, dass die Menschen um uns herum auch ein Recht darauf haben, gefragt zu werden. Solange dieses Signal fehlt, ist die beste Datenschutz-Architektur der Branche vor allem eines: ein sehr gut verschlüsseltes Feigenblatt.

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Nils Ahrensmeier ist seit März 2022 Redakteur beim Online-Magazin BASIC thinking. Bereits vorher schrieb er für MobileGeeks, das 2022 in BASIC thinking aufging.
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