Deutschland Ladesäulen Probleme Infrastruktur Markt

Deutschland hat ein teures Ladesäulen-Problem – aber nicht zu wenige davon

Fabian Peters
Symbolbild: Ubitricity

Deutschland hat über 210.000 öffentliche Ladepunkte, doch viele davon stehen am falschen Ort. Aktuelle Daten zeigen: Während Schnelllader an Autobahnen und Hauptstraßen boomen, dümpeln innerstädtische AC-Säulen bei gerade einmal 0,6 Ladevorgängen pro Tag rum. Eine Studie der Universität Duisburg-Essen belegt, dass nicht die Menge entscheidend ist, sondern die Platzierung. Warum der Ladesäulen-Ausbau ein Umdenken braucht. Eine kommentierende Analyse.

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Detail und Daten: Das ist Deutschlands Ladesäulen-Infrastruktur

  • Eine aktuelle Erhebung der Datenanalysten von Cirrantic aus München für den Edison Charging Radar zeigen, dass der Ladesäulen-Markt in Deutschland stabil wächst und die Tarife in einer Phase der Konsolidierung verharren. Bei der Auslastung der unterschiedlichen Stationen findet demnach aber eine infrastrukturelle Verschiebung statt. Der Gesamtschnitt bei rund 27 Ladevorgängen pro Ladepunkt und Monat verharrt zwar. Leistungsstarke DC- und HPC-Lader werden mit durchschnittlich knapp über 2,5 Ladevorgängen pro Tag aber deutlich häufiger genutzt als innerstädtische AC-Säulen mit rund 0,6 Ladevorgängen täglich. Da sich der Betrieb dieser sogenannten „Schnarchlader“ kaum lohne, sei der Preis entsprechend hoch.
  • Das Ladesäulenregister der Bundesnetzagentur verzeichnet 156.399 Normalladepunkte und 55.665 Schnellladepunkte, die am 1. August 2026 in Betrieb waren. An den Ladepunkten können gleichzeitig insgesamt 9,22 GW Ladeleistung bereitgestellt werden. Die Angaben enthalten auch Meldungen aus noch nicht abgeschlossenen Anzeigeverfahren. Das Ladesäulenregister hat das Ziel, der Öffentlichkeit valide Daten und Informationen zur öffentlichen Ladeinfrastruktur zur Verfügung zu stellen. Andere Behörden, Forschungseinrichtungen und Teilhaber nutzen diese Daten, um unter anderem die Entwicklung der Ladeinfrastruktur zu analysieren und selbst planen zu können.
  • Eine 2025 veröffentlichte Fachstudie der Universität Duisburg-Essen und eine Dissertation von Marcel Dumeier aus dem Jahr 2023 kommen zu dem Ergebnis, dass 118 Ladepunkte ausreichen, um 500 Fahrzeuge effizient mit Strom zu versorgen. Demnach können zwar 85 Prozent der Nutzer am Arbeitsplatz oder in der Nähe laden. Nur 37 Prozent hätten aber eine Lademöglichkeit in Wohnortsnähe. Eine optimierte Planung könne die Gesamtkosten pro Ladepunkt wiederum um bis zu 50 Prozent senken. Kontrolliertes Laden bei viel Sonne oder Wind würde zudem die Netzauslastung verbessern.

Ladesäulen an Laternen: Gut gedacht, aber schlecht platziert

Viele AC-Ladesäulen erweisen sich mittlerweile mehr oder weniger als überflüssig. Nicht unbedingt, weil niemand elektrisch fahren will, sondern weil die Säulen am falschen Ort stehen. Ein Beispiel: In meinem Wohnbezirk in Berlin gibt es gleich mehrere Straßen mit Ladesäulen, die in Straßenlaternen integriert sind. Ein tolles Konzept!

Doch: Einige dieser Ladepunkte werden kaum genutzt, weil sie in Straßen mit Einfamilienhäusern stehen – und obendrein noch an fast jeder Laterne. Meine regelmäßige Beobachtung: Die meisten von ihnen fristen ein Dasein nahe der Bedeutungslosigkeit. Nicht, weil es in diesen Straßen keine E-Autobesitzer gäbe. Sondern, weil diese eigene Wallboxen mit günstigeren Tarifen in ihrem Eigenheim haben.

In Gebieten mit Mehrfamilienhäusern herrscht in Berlin derweil eher ein Ladesäulen-Mangel. Oder: Die wenigen öffentlichen Ladesäulen in der Nähe von Wohnungen in meinem Bezirk sind regelmäßig ausgelastet. In ländlichen Regionen zeichnet sich oft ein ähnliches Bild ab.

Will heißen: Das Problem ist weniger die schiere Zahl der Ladepunkte als deren Verteilung. Denn wer zu Hause oder am Arbeitsplatz laden kann, braucht eigentlich keine öffentlichen AC-Säulen vor der Haustür. Unterwegs sieht das anders aus: Dort zählt vor allem Geschwindigkeit, was auch den aktuellen Schnelllader-Boom erklärt. Kurzum: Ladesäulen müssen zum Alltag passen, nicht umgekehrt.

Oder noch kürzer: Es finden Planungsfehler statt. Ein Netz aus möglichst vielen Säulen klingt politisch zwar wunderbar, ist aber noch lange kein gutes Netz. Wenn öffentliche Infrastruktur dauerhaft kaum genutzt wird, stehen dort am Ende womöglich teure Metallpfosten herum, die vor allem eines aufladen: eine Debatte über Geldverschwendung.

Stimmen

  • Ludwig zu Hohenlohe, Geschäftsführer von Cirrantic, zum aktuellen Charging Radar für Edison – Media in einem LinkedIn-Beitrag: „Spektakuläres gibt es diesmal nicht zu vermelden. Aber genau diese Beständigkeit ist es, die mich am meisten überzeugt: Schnelllader wachsen weiter mit rund 40% pro Jahr und zementieren damit ihren Vorsprung. (…) Der leichte Rückgang im Juli? Reine Saisonalität – Urlauberverkehr und leere Städte, kein Alarmsignal. Was mich an dieser Ausgabe am meisten freut: Die Preishektik der letzten Jahre weicht einer echten Marktberuhigung. Für Fahrer bedeutet das vor allem eins – zunehmende Planungssicherheit und damit wachsende Akzeptanz für die E-Mobilität in Deutschland.“
  • Alexander Junge, Vorstand von e-Mobility Deutschland e.V., sieht zumindest kurzfristig keinen Grund zur Sorge: „Momentan ist es ganz klar so, dass es mehr Ladesäulen gibt, als für den jetzigen Fahrzeugbestand notwendig wären und für den weiteren Hochlauf sind wir gut gerüstet.“ Aufgrund der aktuell deutlich steigenden Zulassungszahlen von E-Autos müsse die Branche das Ladenetz aber weiter ausbauen. Junge kritisiert: „In der Mehrzahl der Bundesländer brauchen Trafos an Ladestationen immer noch eine Baugenehmigung. Damit wird der ursprüngliche Wille der Politik, dass Ladeinfrastruktur baugenehmigungsfrei errichtet werden kann, ausgehebelt.“
  • Wirtschaftsingenieurin Jutta Geldermann, Professorin und Inhaberin des Lehrstuhls für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre (ABWL) und Produktionsmanagement an der Universität Duisburg-Essen, Fakultät für Ingenieurwissenschaften, bilanzierte und kritisierte bereits im Juli 2025: „Es braucht weniger als gedacht – dafür aber an den richtigen Stellen. Einfach mal drauflosbauen ist der falsche Weg. Vorher rechnen spart hinterher Millionen. (…) Es müsste viel mehr Koordination geben: Zwischen Kommunen, Stadtwerken, Tankstellenbetreibern und Dienstleistern wie EnBW oder E.ON. Aber leider plant jeder für sich – oft am tatsächlichen Bedarf vorbei.“

Was sich beim Ladesäulen-Ausbau ändern muss

Die Frage, wie viele Ladesäulen wir brauchen, muss Hand in Hand mit der Frage gehen, wo sie gebraucht werden. Eine bessere Planung könnte dann verhindern, dass dort Ladepunkte entstehen, wo sie kaum jemand nutzt, während an anderen Orten die Nachfrage wächst. Das muss nicht zwangsläufig heißen, dass das Ausbautempo gedrosselt wird. Der Ausbau muss schlichtweg gezielter erfolgen.

Dafür bräuchte es aber mehr Koordination zwischen Kommunen, Stadtwerken, Netzbetreibern, Tankstellen und privaten Ladeanbietern. Außerdem muss die Netzinfrastruktur mitwachsen. Denn: Was bringt der schönste Schnellladepark auf dem Papier, wenn der passende Trafo zum bürokratischen Hindernislauf wird? Der Ausbau muss deshalb nicht nur auf dem Parkplatz, sondern auch im Stromnetz geplant werden.

Indes: Der weitere Ausbau bleibt wichtig! Vor allem, weil die Anzahl an Elektroautos aktuell weiter steigt. Aber Masse allein ist kein Fortschritt. Wenn die Ladeinfrastruktur an der Lebensrealität der Menschen vorbeigeht, wird es schnell teuer. Eine Idee: kaum bis gar nicht genutzte Ladesäulen verlegen. Damit keine Ressourcen verschwendet werden und die Säulen auch wirklich dort landen, wo sie sinnvoll sind.

Klar: Das hätte man natürlich bereits vorher besser machen können. Doch es ist wie es ist. Entscheidend wird sein, aus den bisherigen Fehlplanungen zu lernen, statt aus Prinzip so weiterzumachen wie bisher. Wobei natürlich auch nicht alles schlecht gelaufen ist.

Sprich: Weniger Aktionismus und dafür mehr Blick auf den tatsächlichen Bedarf. Das wäre für die Ladeinfrastruktur in Deutschland vermutlich der sinnvollere nächste Schritt. Immerhin scheint man das Problem ein Stück weit erkannt zu haben: Seit März 2026 gibt es eine Förderung von Ladesäulen für Mehrparteienhäuser.

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Fabian Peters ist seit Januar 2022 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Redakteur und freier Autor tätig. Er studierte Germanistik & Politikwissenschaft an der Universität Kassel (Bachelor) und Medienwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin (Master).
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