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Web 2.0 Suicide Machine: Der letzte Ausweg?

Thema: Ideen, Internet, Kritiken, 23.12.2009

suicidemachine

Zu Weihnachten ist die Selbstmordrate am höchsten, sagt eine ebenso weit verbreitete wie völlig falsche urbane Legende. Weit weniger falsch ist die Tatsache, dass uns dieses Jahr verstärkt der “virtuelle” Selbstmord aufgeschwatzt wird, das dramatische Aussteigen aus den einschlägigen Netzwerken wie Facebook oder MySpace.

Erst vor wenigen Tagen hat André über ein solches Projekt namens Seppukoo berichtet, das mittlerweile gesperrt wurde. Nun bin ich über einen weiteren Ableger gestolpert, der sich Web 2.0 Suicide Machine nennt und wie Seppukoo ein Kunstprojekt sein soll, welches uns aus der Netzwerkabhängigkeit befreit.

Man loggt sich ein – wahlweise mit seinen Facebook-, MySpace- oder LinkedIn-Daten, dann wird als erstes das Passwort geändert – logischerweise, ohne uns das neue Passwort mitzuteilen. Dann könnt ihr zuschauen, wie das Skript arbeitet und nach und nach unsere Freunde, Fotos und sonstige Daten entfernt. Der Account wird nicht gelöscht – ihr seid also nicht wirklich tot, sondern lediglich virtuelle Zombies.

Dramatischer Abgang

Mich interessiert jetzt wirklich nicht, ob und wie ich bei Facebook aus dem Leben scheiden könnte. Mich interessiert eher, was einen Programmierer denken lässt, dass so eine Anwendung benötigt wird – und noch mehr interessiert mich, wieso solche Anwendungen dann auch noch vielfach genutzt werden. Will man das nur mal ausprobieren? Ist das ein Gag oder will man heimlich den Account der Freundin löschen lassen?

Wenn man auf einer weiteren dieser Seiten – ausgestiegen.com – vorbeischaut, kann man quasi die “letzten Worte” der Dahinscheidenden nachlesen und dort lese ich vielfach Statements wie “Ich wollte mich mal wieder mehr um meine richtigen Freunde kümmern” oder “Facebook ist nur ein unnützer Zeitfresser” usw.

Erinnert mich an Erfahrungen, die ich in einschlägigen Foren schon des Öfteren gemacht habe. Nach irgendwelchen Internet-Streitigkeiten oder Eifersüchteleien inszenieren sich dort Menschen, in dem sie extra Abschieds-Threads eröffnen, in dem neben einem verbalen Rundumschlag verkünden, sich in diesem Forum nie wieder blicken zu lassen. Schon damals habe ich mich gefragt, wieso man nicht einfach aufhören kann, eine Seite zu besuchen, die einen augenscheinlich nicht mehr flasht.

Dynamik in Netzwerken

Zweifellos haben Netzwerke – allen voran Facebook – eine unglaubliche Dynamik. Wenn man beispielsweise eifriger Farmville-Zocker ist, verbringt man vermutlich wesentlich mehr Zeit dort, als man eigentlich beabsichtigt hatte. Man will das nächste Level in einem Game schaffen, will nur noch eben schnell verkünden, was es heute zu essen gab, möchte die nagelneuen Fotos der Freunde checken oder schauen, wer uns geschrieben, auf unsere Statements reagiert oder sonst was dort getrieben hat. Das Problem ist, dass das Netzwerk ständig in Bewegung ist. Stelle ich ein Foto ins Netz, kann jemand den “Gefällt mir”-Button drücken, ein anderer Freund kommentiert das und schon habe ich wieder zwei Gründe, noch mal schnell vorbeizuschauen, auf den Kommentar zu reagieren und dadurch vielleicht weitere Facebook-Kontakte in den Dialog einzubinden.

Wie gut diese Netzwerk-Effekte mitunter funktionieren und wie schnell man sich diesen aussetzt, hat jüngst ein Facebook-Nutzer feststellen dürfen, der in seiner Facebook-Gruppe dagegen protestierte, dass Facebook ab Juli 2010 kostenpflichtig wird. Natürlich ist das nur ein Scherz des guten Mannes gewesen – dennoch sind über 800.000 Menschen dieser Gruppe beigetreten und schimpfen über das unverschämte Geschäftsgebaren der Facebook-Bosse.

Während solche Geschichten eher Schmunzeln auslösen, kann man sich aber natürlich fragen, in wie weit man zulässt, dass studiVZ, WKW, Facebook und Co. unseren Tagesablauf bestimmen. Sind wir im Endeffekt tatsächlich darauf angewiesen, uns durch Seiten wie die oben genannten einen virtuellen Arschtritt abzuholen, der uns wieder ins wirkliche Leben befördert?

Ich persönlich denke nicht, denn meine immer noch durchaus reichliche Offline-Zeit verbringe ich trotz Facebook mit “echten” Freunden, und nicht selten sind das sogar Menschen, die ich nur dank Internet kennen lernen durfte. Dennoch möchte ich eure Meinungen dazu hören. Sind diese Suicide-Kunstprojekte wirklich nur Performance von Künstlern oder ein netter Gag – oder besteht wirklich ein ernstes Bedürfnis nach Institutionen, die dafür sorgen, dass wir die virtuelle Welt hinter uns lassen und uns wieder der realen zuwenden?

(Carsten Drees)

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23 Kommentare zu “ Web 2.0 Suicide Machine: Der letzte Ausweg? ”

  1. #1 Tweets die Web 2.0 Suicide Machine: Der letzte Ausweg? | Basic Thinking Blog erwähnt — Topsy.com [www] schrieb

    [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Basic Thinking, Herr MaschinenMensch erwähnt. Herr MaschinenMensch sagte: Web 2.0 Suicide Machine: Der letzte Ausweg? http://bit.ly/58y2UQ [...]

  2. #2 donjermas [www] schrieb

    also ich bin schon lange bei studivz. dort habe ich zur zeit 211 freunde. davon kenne ich 90% + x auch im richtigen leben. die meisten davon sind zwar eher bekannte als wirkliche freunde, aber mit dem engeren freundeskreis habe ich über studi, icq, sms, telefon, email und auch von angesicht zu angesicht regelmäßig kontakt. ich finde es toll, im studi auch mal mit leuten quatschen zu können, die man sonst nicht regelmäßig sehen würde. es füllt also eine lücke der kontaktaufrechterhaltung, da sich kontakte zu “flüchtigen” bekannten sonst irgendwann ganz auflösen würden. da ich auch viele fotos von gemeinsam mit freunden erlebten ereignissen dort online gestellt habe, trägt das im wirklichen leben zur festigung der persönlichen beziehung bei. ich beantworte nicht jeden kommentar zu einem foto – zumal ich eh relativ wenige kommentare bekomme. außerdem schaue ich meist nur kurz nach neuen nachrichten oder pinwandeinträgen. habe ich mehr zeit, schaue ich auch neue fotoalben von meinen freunden an. ich bin zwar reichlich gruppen beigetreten, jedoch beteilige ich mich innerhalb dieser gruppen sehr wenig. mehr zeit als im sozialen netzwerk habe ich seinerzeit in wow zugebracht. wobei ich hier auch ganz klar differenziere. wow ist ein spiel zum zeitvertreib. mit offline spielen kann ich durchaus ebenso viel zeit verbringen. nur das ich dies dann i.d.r. allein tue. außerdem versuche ich mein blog zu pflegen und zu füllen so gut es geht.
    ich denke, meine antwort dürfte dir über mein socialnetworkverhalten einigen aufschluss geben. :) ich nutze es gerne, aber nicht übermäßig.

  3. #3 Jan schrieb

    Also mir ist es letztes Jahr schon aufgefallen, dass ich leider zu viel (unnütze ) Zeit im Netz verbringe. Angefangen von 3x am tag eMail checken über “was macht eigentlich meine Versteigerung?” bei ebay, bis hin zu den”wichtigen Sachen” die meine “Freunde” über sich zu berichten haben. Ganz abgesehen von online-Games in denen man ja bei eigener Abwesenheit von anderen “Kriegern” überholt werden könnte, und “wie schlage ich mir die Zeit bei youtube (und anderen …tubes :-) ) tot?”. Dann kommem noch Foren, threads und Blogs, welche unbeding mehrmals täglich besucht sein wollen, da man ja was verpassen könnte!
    Fazit: Das Internet stiehlt mir, dank mangelnder Selbstbeherrschung, meine Zeit. Dieselbe könnte ich gut für andere Sachen (Haushalt), Hobby oder reale Freunde verwenden.
    Im Bereich TV habe ich auch schon den “Kahlschlag” vollzogen und es abgeschafft, weil zu jeder Tageszeit etwas “interessantes” zu sehen gab, was ich immer schauen “musste”!
    Im Bereich Internet bin ich am überlegen, ob ich mir ein Zeitlimit setzen sollte, da ich nach Feierabend bis in die Nacht hinein meine Zeit vergeude.
    ! ! ! Ganz abschaffen werde ich es mit Sicherheit nicht ! ! !

  4. #4 Blubb schrieb

    Wieder mal eine Seite die unnötig ist. :)

  5. #5 Einkaufen-in-Tuttlingen [www] schrieb

    [...] Web 2.0 Suicide Machine: Der letzte Ausweg? | Basic Thinking Blog [...]

  6. #6 Alf [www] schrieb

    Man muss nur einfach genug Selbstbeherrschung verfügen, dann ist der Internet Gebrauch auch regulierbar und solche Seiten unnötig. Für suchtis eh nicht interssant da die ihre Sucht eh meistens nicht einsehen.

  7. #7 stef schrieb

    Eine sehr gute Seite. Facebook ist einfach unnütz und stiehlt einem die Zeit. Manchmal benötigt man eine “höhere Macht”, die einem bei diesem Ausstieg helfen kann… ;)

  8. #8 FERNmann [www] schrieb

    Mir kommen diese Ausstiegsseiten ziemlich dubios vor. Wenn man sich von Facebox & co abmelden will, dann tut man dies einfach, indem man seinen Account im Dienst selbst löscht. Da muss man sein Passwort doch nicht an Dritte weitergeben, die die Daten dann unter Umständen noch schnell kopieren, bevor gelöscht wird ;-)

  9. #9 Mediales vom 25.12.2009 – Springer, Weihnachten, Twitter, .. | Schnee, Zensur, Springer, Mediales, Polizeieinsatz, Kater | Blokster.de [www] schrieb

    [...] Web 2.0 Suicide Machine: Der letzte Ausweg? Zu Weihnachten ist die Selbstmordrate am höchsten, sagt eine ebenso weit verbreitete wie völlig [...]

  10. #10 Admin schrieb

    Also ich frage mich, wer so doof ist für seinen “virtuellen Selbstmord” das eigene Passwort an Fremde abzugeben. Das ist schon fast fahrlässig. Als Admin in einem sozialen Netzwerk beunruhigt noch mehr die neue Spielart von Fakes und Irren über die Netzwerke gefälschte Selbstmordankündigungen in der Art eines Serienbriefes zu verschicken.

  11. #11 Andreas [www] schrieb

    Ich adde nur Leute die ich kenne

  12. #12 cismorov [www] schrieb

    es wäre schön gewesen, wenn das alles auch ohne passwortübergabe funktionieren würde. aber so, mach ich sicher nicht mit

  13. #13 Spontis Wochenschau #52 – Spontis Weblog [www] schrieb

    [...] Web 2.0 Selbstmord-Maschine: Der letzte Ausweg? Betrachtet man sein Leben im Internet als zweite Realität, so wundert es nicht das es auch hier Selbstmordprojekte gibt. Völlig virtuell und ganz schmerzfrei, garantiert. Primär geht es um seine Accounts bei einschlägigen Netzwerken. “Man loggt sich ein – wahlweise mit seinen Facebook-, MySpace- oder LinkedIn-Daten, dann wird als erstes das Passwort geändert – logischerweise, ohne uns das neue Passwort mitzuteilen. Dann könnt ihr zuschauen, wie das Skript arbeitet und nach und nach unsere Freunde, Fotos und sonstige Daten entfernt. Der Account wird nicht gelöscht – ihr seid also nicht wirklich tot, sondern lediglich virtuelle Zombies.” Zombies für die Ewigkeit, denn das Netz vergisst nicht. [...]

  14. #14 ameise schrieb

    was soll der mist? wo ist das problem von facebook? ich finde die idee einfach grandios. mal etwas anderes als immer nur mainstreammäßiges soziales vernetzen. Mal endlich leute die durch etwas kreativität zeigen, dass nicht alles so toll ist wie es zu sein scheint. Sich abzuheben und mal mit dem Motto “weniger ist mehr” zu leben, tut einigen von uns mal ganz gut.
    “Achja mittlerweile habe ich schon 1234 freunde bei wkw, man bin ich beliebt, gleich noch schnell den hund des damaligen hausmeisters, des kindergartens meiner mutter hinzufügen…”
    es nervt….

  15. #15 Online-Rückblick auf KW 52 #Linksammlung « Gedankensolo [www] schrieb

    [...] Web 2.0 Suicide Machine: Der letzte Ausweg? (Basic Thinking) [...]

  16. #16 Profilvernichter Seppukoo: Facebook fährt schweres juristisches Geschütz auf | Basic Thinking Blog [www] schrieb

    [...] Als wir Mitte des Monats Seppukoo vorstellten, wunderten sich bereits einige Leser darüber, dass die Website des italienischen Web 2.0-Kunstprojekts auf Facebook nicht verlinkbar sei: “Warnung: Diese Nachricht enthält blockierte Inhalte”, verriet in diesem Fall ein Hinweis. “Inhalte dieser Nachricht wurden von Facebook-Nutzern als Missbrauch gemeldet.” Seppukoo versteht sich als rituelle Befreiungshilfe für Social Media-Junkies. Durch Eingabe der Benutzerdaten wird das Facebook-Profil deaktiviert, zudem steigen die Suizidenten in einer Hall of Fame auf – je nachdem, wie viele weitere Nutzer sie von der Sinnlosigkeit des sozialen Netzwerks überzeugten können (siehe auch: Web 2.0 Suicide Machine: Der letzte Ausweg?). [...]

  17. #17 Marek Hoffmann schrieb

    In der LATimes wurde heute ein Artikel veröffentlicht, dass Facebook “Suicide Machine” verbieten will: http://latimesblogs.latimes.co.....chine.html

  18. #18 Falk D. [www] schrieb

    Ich halte die Seite für ungemein praktisch. Wer mal versucht hat, der Datenhurerei von Facebook zu entgehen, weiß, dass es eben nicht so leicht ist, wie man glaubt. Ich habe allein in meine Löschung bei Facebook eine gute halbe Stunde investiert. Was mir noch echt fehlt, ist ein Dienst, der meine Skype und ebay accounts grillt.

    Falk D.

  19. #19 Das EHI Blog zu Public Relations im Einzelhandel [www] schrieb

    [...] gelöst werden, aber die Daten bleiben im back-up-Server erhalten. Abhilfe soll die “Web 2.0 Suicide Mashine” schaffen. Damit sollen alle Profile in sozialen Netzwerken zu löschen sein, der virtuelle [...]

  20. #20 Facebook boykottiert den Online Selbstmord [www] schrieb

    [...] Web 2.0 Suicide Machine: Der letzte Ausweg? [...]

  21. #21 NetzNews » Artikel [www] schrieb

    [...] gar nicht allzu langer Zeit gab es bereits ein ähnliches Projekt, auf dem ehemaligen Projekt von Seppukoo konnte man sich damals ebenfalls aus seiner Netzwerkabhängigkeit befreien. Man kann gespannt sein, [...]

  22. #22 klaus weber [www] schrieb

    ich will meine vinny monroe seite bei myspace löschen. macht es für mich—-jetzt…

  23. #23 klaus weber [www] schrieb

    löscht bitte die vinny monreo seite bei myspace


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