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Tokio: Kamera scannt Geschlecht und Alter für interaktive Werbung auf Bahnhöfen

Das ist mal wieder so eine Sache, bei der ich zunächst einen Moment darüber nachdenken musste, ob ich die nun gut oder schlecht finden soll. Es geht um einen neue Form der Werbung, die im letzten Monat von einem Verbund aus elf Eisenbahngesellschaften in Japan eingeführt wurde. Bei dem „Digital Signage Promotion Project“ (zu deutsch sinngemäß etwa „Promotion-Projekt mit digitalen Beschilderungen“), das sich in einer einjährigen Testphase befindet, werden in ausgesuchten Bahnhöfen rund um Tokio 27 spezielle digitale Werbetafeln angebracht, die mit Kameras ausgestattet sind. Und deren Zweck ist folgender:

„Die Kamera kann das Geschlecht und das ungefähre Alter einer Person ermitteln, selbst wenn sie nur an der Tafel vorbeiläuft. Zumindest dann, wenn die Person für eine Sekunde auf den Bildschirm guckt“, sagte ein Sprecher des Projekts. Na, und wozu das Ganze gut sein soll, dürfte auf der Hand liegen: Um interaktive Werbung anzuzeigen, „die auf die Interessen der Person zugeschnitten ist, die zu einer bestimmten Zeit einen der entsprechenden Bahnhöfe nutzt“, heißt es weiter.

Die hinter dem Projekt stehende Technik finde ich natürlich sehr spannend. Sie erinnert mich stellenweise an Sniff, den 3D-Hund, dem dank eines ausgeklügelten Kamera-Projektor-Computer-Systems durch vorbeilaufende Passanten quasi Leben eingehaucht wurde. Während es sich dabei aber um ein nicht profitorientiertes Kunstprojekt handelte, bei dem die Aufnahmen der Menschen nicht gespeichert oder gar weiterverarbeitet wurden, ist genau das bei dem japanischen Projekt der Fall. Wodurch es bei mir einen sehr bitteren Beigeschmack hinterlässt.

Die Gesichtserkennungssoftware soll dem Sprecher zufolge nur dafür genutzt werden, um die oben genannten Unterscheidungen zu treffen, um auf ihrer Basis die entsprechende Werbung einzublenden. Die Aufnahmen (der Gesichter) sollen aber nicht gespeichert werden, sondern nur die demografischen Daten, die sich aus den Aufnahmen ergeben. Na und daran zweifle ich doch stark. Sobald irgendwo am Bahnhof jemand eine Scheibe eintritt, werden doch sicherlich die Aufnahmen der Überwachungskameras bei Bedarf mit den Gesichtern aus dem „Digital Signage Promotion Project“ abgeglichen. Eignen sich diese doch hervorragend als Fahndungsfotos.

So nett es eigentlich ist, personalisierte Werbung zu bekommen, die mir etwas zumindest ansatzweise für mich Interessantes zeigt. Ich möchte nicht, dass die Deutsche Bahn ein Foto von mir macht und es dann für Werbezwecke nutzt. Oder wofür auch immer. In vielen Teilen der Welt – London ist vermutlich das prominenteste Beispiel – kann man doch schon keinen Schritt mehr gehen, ohne von staatlichen Überwachungskameras gefilmt zu werden. Wenn nun auch noch private Unternehmen anfangen, auf den Zug aufzuspringen – wenn auch indirekt -, dann traut sich bald keiner mehr unvermummt auf die Straße. Wobei – in Japan tragen doch ohnehin bereits viele Menschen eine Maske

(Marek Hoffmann / Foto: Flickr – Fotograf: antjeverena)


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Über den Autor

Marek Hoffmann

Marek Hoffmann hat von 2009 bis 2010 über 750 Artikel für BASIC thinking geschrieben und veröffentlicht.

22 Kommentare

  • Sowas gab es schon von mehreren Herstellern auf der CeBit. Auf einen flüchtigen Blick wirkte es wie die Gesichtserfassung einer Digicam, nur das eben noch das Geschlecht ermittelt wird. Dies war allerdings noch recht rudimentär, sodass sich die Software von langhaarigen Männern täuschen ließ, dies führte dazu das in meinem Beisein bei einem Mann Werbung für Tampons eingeblendet wurde, was der potentielle Kunde nicht bemerkte, sehr wohl aber der Standvertreter, der auch sofort zu schwitzen begann……ist also sicherlich noch nicht völlig ausgereift, zumindest hierzulande

  • @Phil: „sodass sich die Software von langhaarigen Männern täuschen ließ“ – Das passiert nicht nur Computerprogrammen. 😀

  • @meandmyself: Yepp. Allerdings muss man sagen, dass die sOliver-Aktion einen etwas kleineren Scope hat, da die Werbung ja direkt im Point-of-Sale stattfindet und zudem auf nur einen Anbieter beschränkt ist.

  • „Die Aufnahmen (der Gesichter) sollen aber nicht gespeichert werden, sondern nur die demografischen Daten, die sich aus den Aufnahmen ergeben. Na und daran zweifle ich doch stark.“ ….ich auch! Die Versuchung ist schon recht groß, da sowohl die Technik und die passgenaue Verwendung bereits vorhanden ist.

    Die Mundschutzmasken sind in den Metropolen wirklich reichlich verbreitet. Ich denke aber, dass sich die japanische Videotechnik darauf eingestellt hat und andere Merkmale zur Geschlechtsidentifizierung nutzt.

  • Marek der Vergleich von Staat zu Privatwirtschaft hinkt etwas.
    Man siehe zur Zeit den Umgang mit Google Streetview und der Nutzung dieser Daten 😉

    Wir unterschreiben ja keine Nutzungsabtretung sobald wir aus Versehen vor solch eine Kamera laufen würden.
    Und bis es soweit kommt hat der Staat hoffentlich das ganze begriffen und ist eingeschritten 🙂

    Überhaupt sehe ich in dieser Technik sogar etwas positives:
    Zum einen genau wie du sagst personalisierte Werbung auf einer doch noch recht anonymen Basis – Geschlecht und genaues Alter darf man jetzt mal als sichtbares Datenmaterial anerkennen.
    Zum anderen der Zugewinn für die Unternehmen und die daraus auch positive Optimierung der Werbung. Werbeflächen könnten dadurch optimaler genutzt werden und die Kosten für einzelne Flächen vl. sogar sinken, da ja dann mehr Werbekunden pro Fläche Ausstellen könnten.
    Sogar das Speicher der Fotos bei Verbrechen sehe ich eher positiv als negativ. Solange es auch tatsächlich nur dann vorgenommen wird, versteht sich!

    Alles in Allem nur rudimentäre Überlegungen zum Thema.

  • Staat ist schwach. aristokratie, oligarchie bla bla. Gehirnchip bla bla…
    Ich fühl mich in Eurer Welt nicht sehr wohl, Ihr wahrscheinlich auch nicht 🙂

  • Muss schon ein cooler Hund sein, wenn er erst eine Scheibe eintritt und sich dann noch in seelenruhe Werbung anschaut (oder visa versa)

  • @frank: Braucht doch nur an so einem Bildschirm vorbei gehen und kurz (min. 1 Sekunde) reinglotzen – dann ist es schon passiert. Und dann irgendwann halt ne Scheibe eintreten oder was anderes kaputt machen. Finde ich jetzt nicht so unrealistisch…

  • Wer dergleichen spontan gut findet, ist sicherlich noch sehr jung (also unter 40 oder nicht wesentlich darüber). Alle anderen, die ihren Verstand einigermaßen beisammen haben, werden das wohl nicht so sehen. Wer sehr alt aussieht, bekommt Särge angeboten oder Grabstellen? Oder zumindest Seniorenprodukte? Wer will soviel Fremdbestimmung schon?? Bei jungen Leuten wird diese Fremdbestimmung sicherlich noch nicht als so störend empfunden.

    Übrigens: Immer wieder sehe ich Leute (viel mehr als in früheren Jahrzehnten), bei denen ich, auch aufgrund ihrer Kleidung und ihrer Frisur, nicht sagen kann, ob sie Mann oder Frau sind. Da wird jeder Computer glatt versagen.

  • Ich habe Zweifel, dass es sich lohnt, ein so ungenaues System zu nutzen.

    Viel sinnvoller wäre es doch, wenn das Plakat die Werbung individuell auswählen würde: echte Gesichtserkennung auf Basis der im Internet über mich verfügbaren Informationen und Auswertung der online frei verfügbaren Daten.

    Überhaupt: Die Außenwerbung braucht die Internet-Anbindung! Außenwerbung sollte nicht isoliert. sondern im Verbund mit anderen Werbeträgern eingesetzt werden.

  • @ Oliver Springer
    Und welche Informationen sind im Internet über Sie verfügbar?
    Anders gefragt: Können Sie sich vorstellen, daß es z. B. in Deutschland (oder auch anderswo?) gar nicht so wenige Leute gibt, über die im Netz keine (oder so gut wie keine) Informationen verfügbar sind? Und die das sogar richtig gut finden?

  • >>So nett es eigentlich ist, personalisierte Werbung zu bekommen[…]<<

    Was ist nett daran, wenn versucht wird einem Dinge anzudrehen, die man nicht braucht, bzw. für die es meist gleichwertige, aber guenstigere, da unbeworbene Alternativen gibt?

    Werbung ist meinen Augen Bauernfaengerei, nichts weiter.

  • Dann soll doch niemand Scheiben eintreten. Als wenn der Staat Interesse daran und vor allem Ressourcen dafür hätte, jeden einzelnen zu überwachen. Verhält man sich anständig in der Öffentlichkeit, braucht man auch nichts zu befürchten.

  • „Verhält man sich anständig in der Öffentlichkeit, braucht man auch nichts zu befürchten“

    Super Kommentar. Erstens verhält man sich, wenn man sich beobachtet fühlt, anders als wenn man sich unbeobachtet wähnt. Zweitens möchte ich nicht, dass mir irgendeine Tafel sagt, was ich mir doch kaufen sollte.

    Dieser ganze Konsumwahn geht mir gehörig gegen den Strich!

  • Klingt ja ein wenig nach Minority Report – dort gabs ja auch Werbung auf den aktuellen Gedanken der jeweiligen Person direkt ins Gehirn gebeamt.

    Aber ich denke dennoch das diese Art der Werbung die Zukunft darstellt – so verstörend es aus wirken mag

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