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Abgeschnitten vom Nachrichtenstrom: eine Woche ohne aktive Newsrecherche


Geplant war es eigentlich ganz anders: Vergangene Woche Montag kündigte ich an, mich im Rahmen eines Experiments ein oder zwei Tage vom Nachrichtenstrom abzukoppeln, also nicht aktiv nach Nachrichten zu suchen. Einfach um zu sehen, ob ich auch auf andere Art und Weise über das wichtigste vom Tage informiert werde. Einige von euch kommentierten zu Recht, dass der geplante Zeitraum für das Experiment zu klein sei. Ich hielt dagegen, dass ich hier leider nicht für das Bloggen der News von vorgestern bezahlt werde, und sah deswegen für ein längeres Experiment keine Chance.

Doch dann, tja, hatte das Schicksal offenbar ein Einsehen: Ich wurde krank, passenderweise schon im Laufe des Montagnachmittags. „Bronchitis“ nannte es der Arzt und schrieb mich für eine Woche krank. Für einen Social-Media-Junkie wie mich eigentlich ein Horrorszenario: Eine Woche lang nicht wissen, was los ist und gezwungen sein, die Langeweile mit etwas anderem zu überbrücken. Aber ich schwor mir, es durchzuhalten und tat das erfolgreich: ich koppelte mich eine Woche lang komplett vom Nachrichtenstrom ab. Finden einen News, auch wenn man nicht nach ihnen sucht, das wollte ich herausfinden. Und ich sag euch was: den Teufel tun sie! Am Ende der Woche warteten dennoch einige interessante Erkenntnisse auf mich.

Nur eine „wichtige“ Meldung kam durch

Wie sollte das Experiment überhaupt aussehen? Tagsüber recherchiere ich normalerweise viel über Twitter, Pressemeldungen, Website-Besuche – und hauptsächlich über mein Lieblingsinstrument: den Feedreader. Er ist ganz und gar humorlos und doch für mich eine rauschfreiere Nachrichtenquelle als Twitter. Im Laufe des Tages tickert er unerbittlich herunter, bringt es auf mehrere hundert Nachrichten aus Techblogs, Magazinen, Privatblogs oder den Publikationen von Mitbewerbern. Diesen Nachrichtenstrom überfliege ich mehrmals täglich in regelmäßigen Abständen. Langfristig gesehen ist das Knochenarbeit: Der Mensch ist ein kleines Rad in der Maschinerie, die niemals stoppt, allenfalls mal ein wenig langsamer läuft.

Die einzige Nachricht, die mich überhaupt gefunden hat, ist die Nachricht über Facebooks Video-Chat auf Skype-Basis. Ich las darüber bei einigen Bekannten auf Twitter, wo ich nahezu alle Nachrichten-Accounts aussortiert habe. Mark Zuckerberg hatte ja im Vorfeld von „etwas Großartigem“ gesprochen, und die Technikpresse tat ihm den Gefallen, es sich zumindest anzuschauen. Wäre ich im Dienst gewesen, hätte ich wohl das getan, was die meisten meiner Kollegen taten: weniger die neue Möglichkeit verreißen als die großspurige Ankündigung, die sich als Sturm im Wasserglas herausgestellt hat. Das war es aber auch. Mehr Meldungen über Social Media und Technik, also Dinge, über die ich täglich schreibe, habe ich in der Zeit nicht vernommen. Nichts hat mich gefunden. Ob es einfach daran lag, dass nichts Wichtiges passiert war?

Heute dann, an meinem ersten Arbeitstag nach größtenteils überstandener Krankheit, machte ich mich deswegen mit Spannung an meinen Reader. Just gerade, 4.000 (!) Meldungen später, ist mein Enthusiasmus weg. Leute, ihr schreibt einfach zu viel! Vieles, was der Feed hergab, hätte ich wohl auch übernommen. Ich schicke euch da mal kurz durch. „Muss“-Meldungen:

„Kann“-Meldungen:

Ansonsten kursierten mal wieder die üblichen Gerüchte, dass das iPhone 5 angeblich im September herauskommt. Geschrieben hätte ich wohl auch noch etwas zu Google Plus und der Hoffnung aller auf eine neue Goldgräberstimmung. Schon 10 Millionen Nutzer könnte das Netzwerk morgen haben. Oder darüber, dass Xing von Google Plus eher etwas zu befürchten hat als Twitter oder Facebook. Passend dazu kamen am vergangenen Dienstag die ersten deutschen Google-Plus-Charts heraus. Auf Platz 1 ist natürlich Sascha Lobo.


War davon überhaupt irgendetwas wichtig?

Von den meisten Meldungen oben hätte ich nicht nur in der vergangenen Woche nichts gehört. Ich hätte es wohl auch nie, wenn ich nicht heute aktiv danach gesucht hätte. Dass einen Nachrichten von selbst finden, stimmt also nicht. Liegt es vielleicht daran, dass sie einfach nicht wichtig waren? Rückblickend muss man wohl zugeben: Jepp, das meiste davon hätte man sich schenken können. Es ist für uns nicht weiter von Belang und die Welt wird sich ganz sicher auch morgen noch drehen, wenn niemand darüber berichtet hätte.

Doch schaut man genauer, ist doch einiges dabei, was allgemein gesehen wichtige Meilensteine darstellt: Die MiniDisc stirbt, also ein Medium, das als der legitime Nachfolger der Musikkassette galt. Ein Dienst schickt sich an, die ebenfalls in die Jahre gekommene E-Mail zu ersetzen. Fraglich, ob das gelingt. Ich hätte wohl eine Lanze für die E-Mail gebrochen, wenn ich darüber geschrieben hätte. 50 Millionen Blogs, die mit WordPress funktionieren, das ist nur eine Zahl, aber eine beeindruckende. Das sind 50 Millionen Möglichkeiten, im Web etwas kundzutun, was vor zehn Jahren für viele noch kaum bis sehr eingeschränkt möglich war. Sehen wir es ein: Wir bloggen nicht immer das Allerwichtigste, aber oft geht es auch darum, einfach aktuell zu sein oder zu unterhalten. Anderes, und das ist die erste Erkenntnis meines Experiments, könnte ich ebenso gut weglassen können und sollte das in Zukunft auch tun.

Wer aktiv sucht, kann der Nachricht nicht entgehen

Eine weitere wichtige Erkenntnis: es einfach mal ein bisschen ruhiger angehen lassen. Eine Woche ist rum und kaum etwas ernsthaft Weltbewegendes ist in der Social-Media-Welt passiert. Warum macht man sich eigentlich den ganzen Stress, sucht Tag und Nacht nach spannenden Themen und will auf jeden Fall nicht der Letzte sein, der darüber berichtet? Ein bisschen mehr Ruhe und dafür vielleicht eine Meldung am Tag weniger täten es auch. Wer weiß: Hätte ich mir nicht vorher so viel Stress gemacht, wäre ich vielleicht nie krank geworden. Meine geschätzten Kollegen Hayo und Christian haben es in meiner Abwesenheit ähnlich getan und Basic Thinking statt mit den brandheißesten News mit eigenen Geschichten versorgt. Danke an dieser Stelle für die tolle Vertretung!

Die wichtigste Erkenntnis des Experiments für mich ist aber eine Abwandlung der These „Wenn die Nachricht wichtig ist, wird sie mich schon finden“. Richtig ist: Wenn eine Meldung wichtig ist, dann kann ich sie gar nicht übersehen, weil alle darüber schreiben. Allerdings muss ich den Nachrichtenstrom dafür anschalten oder mich auf irgend eine andere Weise informieren. Aber ich muss mich aktiv informieren. Dann allerdings kann ich die Zahl der reinen Nachrichtenquellen getrost reduzieren. Weniger ist mehr.

(Jürgen Vielmeier, Bilder: Voanews und bfishadow via Flickr)


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Über den Autor

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Journalist und Blogger seit 2001. Er lebt in Bonn, liebt das Rheinland und hat von 2010 bis 2012 über 1.500 Artikel auf BASIC thinking geschrieben.

13 Kommentare

  • geht mir auch so. facebook-newsfeed mit ein paar magazinen als like reicht fürs wichtigste. daneben immer mal das twitter-widget durchforsten.
    google-reader mit allen rss-feeds reicht alle paar tage.
    und vieles kommt darin doppelt und dreifach und fünffach vor.

  • Wenn man sich selbst abschottet, ist doch mehr oder weniger klar, dass man keine Nachrichten von der Außenwelt bekommt.

    Aber du hast schon Recht, dass man einen Gang zurückschalten sollte, um weniger gestresst durch den Alltag zu gehen. Die Informationsflut ist wirklich sehr groß und durch den Dschungel an Nachrichten muss man auch erst einmal durch.

  • Da muss man erstmal definieren, wo man die Grenze zwischen „wichtigen“ und „unwichtigen“ News zieht. Sicherlich hat keine Technews einen Ausmaß wie beispielsweise der Bürgerkrieg in Libyen..
    Ich persönlich komme nicht jeden Tag unbedingt dazu, News zu lesen, aba das wichtigste kriegt man doch auch so immer mit.. wenn es wirklich wichtig war 😉 Und ich habe nicht das stetige Gefühl etwas „zu verpassen“..

  • hehe – mir ergeht es so ähnlich wenn ich mal im Urlaub bin, weil ich dieses ganze „rauschen“ mal für ein oder zwei Wochen hinter mir lassen möchte. Wie du schon richtig bemerkt hast, ist das meiste der „News“ eher selten weltbewegend – vielmehr nervt mich jedoch das die gleichen Themen immer und immer wieder aufgegriffen werden, das lesen des Twitterstreams artet dann meist in nerviger Arbeit aus…

  • Kann ich gut nach vollziehen habe nach dem Urlaub wo ich das ganze Zeug nicht gebraucht habe auch einige radikale Einschitte vollzogen und mir feht nichts, fühe mich wohler!

    1. Mehr als 50% meiner abonierten RSS Feed gekündigt
    2. Mehr als 50% der gefolgten Twitter Accounts entfolgt
    3. Facebook ACC gelöscht

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