Kein Recht mehr auf schlechte Fotos

Jürgen Vielmeier

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Fotos gehören zum Internet dazu wie Pop-ups, Spam und Katzen. Gute Qualität war da lange Zeit nebensächlich, bedeutete sie ja meistens größere Datenmengen und damit Ladezeit. Untragbar sowohl im ISDN-, als auch im EDGE-Zeitalter. Wichtiger, dass es überhaupt etwas zu sehen gab. Inzwischen hat fast jeder Haushalt eine digitale Kompaktkamera und jedes Smartphone kommt mit einer Knippse daher. Gute Bilder schießt man damit noch lange nicht immer. Wie auch, die Smartphones sollen möglichst schlank sein; eine gute Kameralinse braucht aber ihren Raum. Bildqualität bleibt also verzichtbar.

Verwackelungen aber sind ärgerlich, Bilder, auf denen alles scharf gestellt ist, langweilig, zu dunkle Fotos unansehnlich. Deswegen stellen die Hersteller Normalknippsern immer mehr Werkzeuge zur Verfügung, damit sie endlich bessere Bilder machen – was den Druck auf jeden Laienfotografen erhöht.

Bilder nachträglich scharf stellen

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Die Firma Lytro meint es sicherlich gut und hat wohl vornehmlich Fotoliebhaber im Auge, als sie gestern ihren neuartigen Kameratyp „Light Field Camera“ für den Vorverkauf freigegeben hat. Die längliche Kamera nimmt Bilder auf, die man erst am Rechner scharf stellt. Geringe Schärfentiefe wird also endlich wieder en vogue: Bilder, die das Wesentliche fokussieren und Überflüssiges unscharf darstellen. Profis machen das seit jeher so. Amateure können das also bald auch auf Knopfdruck für Preise zwischen 400 US-Dollar (8 GByte) und 500 Dollar (16 GByte Speicher).


Lytro: Schärfe per Mausklick variierbar. Probiert es aus!

Plump gesagt: Jeder Idiot kann bald tolle Fotos machen. Wissen muss er dazu nichts, er braucht nur die richtigen Tools. Das ist auch die Masche, mit der die iPhone-App Instagram seit gut einem Jahr Erfolge feiert: Jedem noch so schlechten Bild lässt sich dank spezieller Retro-Filter noch ein wenig Charme verleihen. Das Objekt wird damit in die 70er Jahre oder eine düstere Schwarz-Weiß-Welt katapultiert.

Schöner per Knopfdruck

Hat Instagram noch einen angeschlossenen Social Stream meist fotofreudiger Nutzer, formulieren die zahlreichen Kopien der App meist plumper, worauf es dabei ankommt: „Lass deine Freunde glauben, dass du ein berühmter Fotograf bist“, ist der offizielle Werbeslogan der App Awesomize. Sie kann Bilder nachträglich aufhellen, mit Filtern versehen, schärfen. Ganz ohne Photoshop. Ein Knopfdruck, und das Bild wird hübsch.

Wem es auf gestochen scharfe Details ankommt, der erhält ab Mai von Nokia ein neues Smartphone, bei dem Telefonie und Mobile Web eigentlich Nebensache werden. Die Kamera ist der Hingucker des knubbeligen PureView 808 (Bild oben), dessen Bildsensor 41 Megapixel aufnimmt. Praktisch jeder, der darüber schrieb, erwähnte im Nebensatz, dass das kein Druckfehler sei. Tatsächlich 41, wo andere Smartphones meist 5, 8 oder auch mal 12 Megapixel haben, aktuelle Kompaktkameras etwa 17 bis 22.

Auf die Details komme es dabei an, erklärt Nokia-Fotoexperte Damian Dinning in einem Video-Interview über das Gerät. Bilder werden auf 5 Megapixel herunterdestilliert. Jedes noch so kleine Detail würde dabei sichtbar. Kritikern des Megapixelwahns hält er entgegen, dass auch der Bildsensor des 808 fünfmal größer sei als in den derzeit besten Smartphone-Kameras. Die ganze Linse sei größer. Das würde bedeuten: Von dem Megapixelwahnsinn kommt auch wirklich etwas am Sensor an. Dinning hebt an dem 808 etwas hervor, was Fotografen seit Anbeginn der Digitalfotografie ein Graus ist: Endlich gebe es einen brauchbaren Digitalzoom, da, wo ein optischer Zoom einfach nicht möglich ist. Auslöseverzögerung: angeblich noch okay. Schärfentieferegulierung, Lichtstärke: nicht ganz so wichtig. Aber Zoom und gute Details in einem Smartphone um 450 Euro.

Technisch nahezu unmöglich, sich zu verknippsen

Die Hersteller einfacher Kompaktkameras setzen derzeit auf Lichtstärke (alles hell), Weitwinkel (alles scharf) oder Mehrsensoren-Weißabgleich (das richtige Licht). Es gibt Rauschunterdrückung, Verwacklungsschutz (kein Stativ mehr nötig), Blinzelvermeidung oder Lächelauslöser. Und nicht zuletzt wählen Kameras oder Apps aus mehreren gleichen Motiven das beste selbst aus oder blenden Passanten und Störgegenstände einfach aus. Kurz gesagt: Man muss sich künftig ganz schön anstrengen, um schlechte Fotos zu machen. Zusätzlich werden schnellere Datennetze größere Bilddateien auf Webseiten erlauben. Im Klartext bedeutet das: Man wird bald kein Verständnis mehr dafür haben, wenn jemand irgendwo etwas Verwackeltes, Lichtschwaches oder Verrauschtes veröffentlicht.

Irgendetwas sagt mir aber, dass es trotzdem auch in Zukunft noch einen ganzen Haufen schlechter Fotos geben wird.

(Jürgen Vielmeier)

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Jürgen Vielmeier ist Journalist und Blogger seit 2001. Er lebt in Bonn, liebt das Rheinland und hat von 2010 bis 2012 über 1.500 Artikel auf BASIC thinking geschrieben.