WhatsApp Social Media Nachrichtenquelle Deutschland

Social Media als Top-Nachrichtenquelle: Schaffen sich Medien selbst ab?

Christian Erxleben
Bild: DepositPhotos

Der Reuters Institute Digital News Report zählt seit Jahren zu den wichtigsten Studien zur Nachrichtennutzung. In der neusten Ausgabe zeichnet sich ein interessanter Wandel ab: Soziale Medien überholen klassisches Fernsehen, Websites und Zeitungen als Nachrichtenquelle. Was das für Medien, Vertrauen und demokratische Debatten bedeutet. Eine kommentierende Analyse.

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Social Media als Nachrichtenquelle: WhatsApp schlägt sie alle

  • Knapp 100.000 Menschen aus 48 Ländern von sechs Kontinenten wurden zwischen Mitte Januar und Ende Februar 2026 von den Meinungsforschern von YouGov befragt. Sie sollten in einer repräsentativen Online-Befragung für das Reuters Institute for the Study of Journalism herausfinden, wie wir Menschen – also die Erwachsenen – ihre Nachrichten konsumieren. Dabei wurde auch darauf geachtet, dass die Geschlechter-, Alters- und Ortsverteilung repräsentativ für ganze Länder ist.
  • Die wichtigste Erkenntnis: Mark Zuckerberg hat es endlich geschafft. Zum ersten Mal in all den Jahren der Erhebungen sind soziale Medien und Videonetzwerke – allen voran Instagram, Facebook und WhatsApp – die wichtigste Nachrichtenquelle für die Gier der Menschen nach neuen Informationen. Aus globaler Perspektive liegen die neuen Medien (54 Prozent) erstmals vor klassischen News-Websites und Apps. Für „nur“ noch 51 Prozent sind digitale Zeitungen die primäre Informationsquelle.
  • In Deutschland zeichnet sich ein ähnlicher Trend ab. Online schlägt Print. Und in der Detailbetrachtung: Soziale Medien und Messenger (36 Prozent) sind mittlerweile mehr als doppelt so wichtig in der Informationsbeschaffung wie klassische Print-Produkte (17 Prozent). Und auch das Radio (34 Prozent) kann nicht mehr mithalten. Die wichtigste digitale Nachrichtenquelle in Deutschland ist: WhatsApp. Richtig gelesen. Wir Deutschen schreiben nicht nur emojiüberladene Kurznachrichten, sondern konsumieren aktiv Inhalte.

Warum der Rückzug aus Social Media ein Fehler ist

Wie sind diese Erkenntnisse einzuordnen? Ganz grundlegend zeigt sich: Bequemlichkeit und Nutzerfreundlichkeit setzen sich durch. Soziale Medien ermöglichen es, schnell und direkt Informationen ohne Zeitversatz zu erhalten – ganz ohne Paywall, Registrierung oder ausschließlich desktop-optimierte Websites.

Obwohl X (ehemals Twitter) mit Sicherheit keine unbedenkliche Plattform ist, ist sie weiterhin in Krisensituationen äußerst relevant. Echtzeitberichte von Raketenangriffen im Ukraine-Krieg oder aus dem Nahen Osten, Störungsmeldungen der Deutschen Bahn oder Wetterwarnungen und Live-Ticker von Bombenentschärfungen in Kommunen: Die direkte Kommunikation ist ein zentrales Zugpferd, das für sehr viele Menschen sehr relevant ist – ungeachtet aller politischen Tendenzen. Deshalb war es auch ein fatales Signal von SPD, Grünen und Linke, als sie sich im Mai 2026 von X verabschiedet haben.

Natürlich: Wer seine Botschaft in wenigen Zeichen vermitteln will, überspitzt und verkürzt. Das ist gefährlich. Und auch Falschmeldungen, die durch Bot-Netzwerke und KI in Sekundenschnelle vervielfacht werden, sind eine Gefahr. Nichtsdestotrotz ist der Rückzug aus den sozialen Medien nicht die Lösung, sondern die Kapitulation. Wer die Plattformen scheut, die die Menschen zur Information nutzen, kann auch nicht in den direkten Austausch treten.

Doch Flucht zeigt sich auch noch in einer anderen Form: in der Flucht vor Fluten. Immer mehr Menschen meiden aktiv Nachrichten in allen Formen und Farben. Fast die Hälfte der Deutschen (40 Prozent) meidet Nachrichten häufig oder zumindest gelegentlich. Insbesondere bei den jungen Erwachsenen zwischen 25 und 34 Jahren fällt der Wert mit 81 Prozent besonders hoch aus. Digital Detox als letzter Ausweg aus der Ausweglosigkeit der Digitalisierung.

Stimmen

  • Schon 2019 hat Markus Kaiser, Change Manager und Professor an der Technischen Hochschule Nürnberg, in einem Interview erkannt: „Wenn ich meine Studierenden an der TH Nürnberg frage, geht bei Erstsemestern keine einzige Hand mehr bei der Tageszeitung nach oben. Die meisten besitzen überhaupt keinen Fernseher mehr. Viele sagen: Sie informieren sich über den Stream, also soziale Netzwerke wie Instagram. […] Gefahren bei der Mediennutzung sehe ich natürlich in den oftmals beschriebenen Filterblasen und dass es damit immer schwieriger wird, einen Diskurs in der gesamten Gesellschaft zu führen.“
  • Jim Egan arbeitet als Senior Research Associate beim Reuters Institute for the Study of Journalism. Er ordnet die aktuellen Trends aus dem Jahr 2026 ein: „Innerhalb des Nachrichten-Ökosystems zeigt sich ein scheinbares Paradoxon zwischen Verhalten und Einstellungen. Es gibt einen anhaltenden Wandel beim Nachrichtenkonsum zugunsten von sozialen Medien, Videonetzwerken und in jüngster Zeit auch KI. Gleichzeitig nehmen die Sorgen über das Vertrauen in Nachrichten, über Fehlinformationen und über die weitreichenden Auswirkungen dieser Plattformen zu.“ Er ergänzt: „Vor dem Hintergrund tiefgreifender politischer, wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen bleiben journalistische Kernwerte dennoch relevant. Während sich die Meinungen in vielen Ländern spalten mögen, bleibt die Unterstützung für Prinzipien wie Unparteilichkeit bestehen – selbst wenn das Publikum Unzufriedenheit mit Aspekten seines aktuellen Nachrichtenerlebnisses äußert.“
  • Marlene Auer ist stellvertretende Chefredakteurin der führenden österreichischen Zeitung Kurier. Auf LinkedIn blickt sie mit Sorge auf das wachsende Desinteresse: „Mehr als 40 Prozent der Österreicher vermeiden inzwischen teilweise oder gänzlich die Nachrichten. Das ist keine Kleinigkeit. Nachrichtenvermeidung ist aber kein Desinteresse. Es ist Erschöpfung. Die Leute sind voll mit Krieg und Krise, und außerdem überfordert mit der digitalen Reizüberflutung. Trotzdem sind es Themen über die wir Medien berichten müssen, wollen und sollen. Konstruktiver Journalismus ist für mich die Antwort darauf, aber nicht die weichgespülte Version davon. Lösungen zeigen heißt nicht, Kritik wegzulassen. Es heißt, Themen von mehreren Seiten zu beleuchten, zu gewichten und dem Publikum zuzutrauen, sich selbst eine Meinung zu bilden.“

Was Medienhäuser jetzt tun müssen

Der Trend der Digitalisierung lässt sich auch beim Nachrichtenkonsum nicht aufhalten. Das bedeutet nicht, dass gedruckte Zeitungen und Magazine keine Relevanz mehr haben. Trotzdem ist es für Medienhäuser, Verlage und Journalisten wichtig, dort zu sein, wo wir Leser sind – ob auf Instagram, WhatsApp oder TikTok. Nur wer Kontakt hält und sichtbar ist, bleibt den digitalen Goldfischen mit Sekundengedächtnis im Kopf.

Der große Gamechanger ist dabei das Vertrauen. Nachrichtenersteller dürfen nicht der Versuchung verfallen und unseriöse Clickbait-Produzenten werden. Sie müssen sich auf das verlassen, worauf es ankommt: vertrauenswürdige Berichterstattung. Nicht ohne Grund ist die Tagesschau in allen Mediengattungen und Kanälen in Deutschland das mit Abstand wichtigste, einflussreichste und vertrauenswürdigste Medium.

Während weltweit nur noch knapp ein Drittel der Menschen in Nachrichten vertraut, die sie lesen, liegt der Wert in Deutschland noch bei 46 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahr ist das Vertrauen in deutsche Medien sogar leicht gestiegen. Um diesen Trend fortzusetzen und unsere Demokratie zu erhalten, brauchen wir in Deutschland den Mut, weiter ehrlich und transparent zu kommunizieren. Auch wenn radikale Parteien alles daransetzen, den deutschen Journalismus zu diffamieren, müssen wir unser im Grundgesetz verankertes Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit hochhalten.

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Christian Erxleben arbeitet als freier Redakteur für BASIC thinking. Von Ende 2017 bis Ende 2021 war er Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Ressortleiter Social Media und Head of Social Media bei BASIC thinking tätig.
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