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Sexismus oder nicht? Unternehmer Rüdisühli wirbt für „Holz vor der Hütte“

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Der Schweizer Sägewerkbesitzer Rüdisühli wirbt für "Holz vor der Hütte". Ist das jetzt witzig oder sexistisch? (Foto: Screenshot / Twitter)
geschrieben von Vivien Stellmach

Der Schweizer Sägewerkbesitzer Rüdisühli wirbt im Unterengadin auf einem Plakat für „Holz vor der Hütte“. Ist das jetzt ein schöner Gag oder schon Sexismus? Ein Kommentar.

Der Sägewerkbesitzer Rodolfo Rüdisühli hat ein polarisierendes Plakat aufgestellt. Im Grenzort Martina wirbt das Unternehmen mit vier Frauen, die in Dirndln auf einem Holzstapel liegen und sich tief in ihre Dekolletés blicken lassen.

Der passende Slogan dazu: „Wir haben Holz vor der Hütte. Greifen Sie zu!“

„Wenn Frauen lachen, da gibt’s nichts Schöneres“

Die Süddeutsche Zeitung hat bei Rüdisühli angerufen und nachgefragt, was das Plakat soll. Es handele sich schließlich um Sexismus. Unternehmer Rüdisühli will davon allerdings nichts wissen.

Die Frauen seien in ihren Dirndln „richtig anständig gekleidet“, sagt er. Außerdem gehe „es ja ums Holz und nicht um die Mädchen“. Und überhaupt: „Wenn Frauen lachen, da gibt’s ja nichts Schöneres, oder?“

Das ist offenbar Rüdisühlis ehrliche Meinung. Wer überall Sexismus sieht, wenn er vor die eigene Haustür stolpert, reagiert sicher empört auf das Plakat. Aber das ist nicht die allumfassende Wahrheit, sondern eine persönliche Meinung. Nicht mehr und nicht weniger.

Ist das jetzt Sexismus?

Die Frauen, so Rüdisühli, seien Kolleginnen. „Ich habe gesagt: ‚Das wäre doch eine Werbung.‘ Und dann haben sie gesagt: ‚Ja.‘ Also die haben gern mitgemacht.“

Seine Frau hätte er auch noch auf das Plakat gepackt, wenn sie ein bisschen jünger wäre. „Also es muss ja auch noch gut aussehen.“

Die Aussagen des Unternehmers klingen vielleicht altmodisch und nicht gerade charmant, aber böswillig sind sie auch nicht. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung präsentiert Rüdisühli sich wortkarg. Von der weltweiten Sexismus-Debatte „Me Too“ habe er noch nie gehört.

Natürlich dürfen sich Frauen vom Plakat angegriffen fühlen. Das ist das Recht der Meinungsfreiheit. Aber Rüdisühli deshalb zu unterstellen, sexistische Werbung zu verbreiten, greift zu kurz.

Die Meinungs-Mücke und der Sexismus-Elefant

Sicher würden viele Menschen auch behaupten, das Plakat sei stumpf und sexistisch. Man sollte aber genau so die andere Seite sehen: Tanja Rest führte das Interview für die Süddeutsche Zeitung sehr angreifend.

Zwischen den Zeilen ist nur zu lesen, dass sie Rüdisühli unbedingt eine reindrücken wollte. Ob zurecht oder nicht: Augenscheinlich wollte sie aus der Mücke einen Elefanten machen.

Auch darauf, dass die Frauen auf dem Plakat offenbar gerne für die Werbung hergehalten haben, ging sie nicht weiter ein. Der Sexismus-Vorwurf steht in dem Interview klar im Fokus.

Die Mehrheit findet die Werbung offenbar gelungen

Der Schweizer Tagesanzeiger hat das Interview ebenfalls aufgenommen. Auf Twitter hat die Politikerin Tamara Funiciello zudem einen empörten Post veröffentlicht, in dem sie das Plakat als sexistisch bezeichnet und zur Abstimmung auffordert.

Laut Rüdisühli habe sich aber noch niemand über das Plakat beschwert. Die Reaktionen blieben soweit positiv – außer die der Süddeutschen Zeitung eben.

Auch die Abstimmungs-Ergebnisse beim Tagesanzeiger – von 15.000 Stimmen finden über 60 Prozent die Werbung gelungen – und die Kommentare unter Funiciellos Tweet zeigen, dass viele Menschen sich viel mehr an den angreifenden Reaktionen der Medien stören.

Die Reaktionen sind das eigentliche Problem

Wenn nur Holz drauf wäre, würde das Plakat nicht beachtet, sagt Rüdisühli. Das ist selbstverständlich keine Entschuldigung für sexistische Werbung.

Aber ob Sexismus im Spiel ist oder nicht, liegt im Auge der betrachtenden Person. Die Frage muss deshalb lauten: Sind die Reaktionen auf das Plakat nicht problematischer als die Werbung selbst?

Die Dinge sind immer nur so, wie wir sie sehen. Natürlich gehen bei Frauen und Männern, die möglicherweise schon mit Sexismus konfrontiert wurden, direkt alle Warnlampen an.

Es ist okay, wenn Menschen die Werbung als sexistisch wahrnehmen. Aber es ist nicht okay, wenn sie damit angreifend an die Öffentlichkeit gehen und anderen ihre Image-schädliche Meinung aufdrücken wollen.

Andere finden das Plakat vielleicht gelungen, witzig oder einfach daneben. Meinungen gibt es viele, und die Süddeutsche Zeitung hat sich eben dazu entschieden, die Sexismus-Keule zu schwingen.

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Über den Autor

Vivien Stellmach

Vivien Stellmach ist seit Mai 2019 Redakteurin bei BASIC thinking. Nebenbei schreibt sie als freie Autorin über alternative Musik für das VISIONS Magazin. Sie liebt Fußball, steht seit ihrem siebten Lebensjahr selbst auf dem Rasen und hält zum SV Werder Bremen.

2 Kommentare

  • „Aber ob Sexismus im Spiel ist oder nicht, liegt im Auge der betrachtenden Person.“
    Das ist meiner Meinung nach so nicht ganz richtig.

    Der Begriff Sexismus ist klar definiert, er bedeutet eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. Die findet hier statt, es wird eindeutig das bekannte Bild „Holz vor der Hütte“ = „Busen der Frau“ verwendet. Werbung durch ein sexistisches Klischee.

    Ebenso wenig ist bei der Definition relevant, ob sich jemand dadurch angegriffen fühlt oder nicht; oder gar, ob Frauen sich da freiwillig ablichten lassen.

    Am krassesten finde ich im Übrigen an dem Plakat sogar noch den Zusatz „greifen Sie zu“. Als hätten wir nicht ohnehin schon genug Fälle von sexuellen Übergriffen, muss man jetzt sogar noch Werbung dafür machen.

    • Danke für diesen wichtigen Kommentar! Ich denke, die Definition ist aber spezifischer als nur Sexismus=Diskriminierung. Sexismus meint die (ungefragte!) Sexualisierung meines Gegenübers. Hübsche Frauen, die lachen, und ein Dirndl tragen: alles OK. „Wir haben Holz vor der Hütte“: auch OK. Brüste zu haben und zu zeigen ist nicht per se sexuell, das zu denken ist sexistisch. Aber die Einladung „Greifen Sie zu“: höchst problematisch! Das Problematischste daran finde ich das „Sie“. Da wird eingeladen – und zwar ohne jegliche Vertauensbildung, denn wir duzen uns noch nicht mal – und suggeriert, dass es völlig OK ist „einfach zuzugreifen“. Es zementiert das sexistische Bild, dass Brüste dazu da sind, angefasst zu werden, wenn sie ästhetisch und/oder sexuell gefallen. Nein! Brüste sind dazu da, Teil eines Frauenkörpers zu sein. Punkt. Schaut euch Brüste an! Genießt es, wenn ihr Dirndls schön findet! Auch im öffentlichen Raum. Auch im beruflichen Kontext. Aber wenn ihr dann die Lust, nach sexueller Annäherung verspürt: Bitte erst mal: “ Stopp“! Bitte nicht „Greifen Sie zu“ verinnerlichen! Die Frau empfindet vielleicht, im beruflichen Kontext sogar ziemlich wahrscheinlich, keine Lust auf sexuelle Annäherung. Sich an das innere „Stopp“ zu erinnern, wenn es doch grad so nett und lustig ist, ist manchmal gar nicht so leicht. Dass es nicht so leicht ist, ist OK. Nicht ok ist es, mit sexistischer Werbung, den gesellschaftlichen Automatismus ans innere „Stopp“ zu denken, zu untergraben. Wir brauchen diesen Automatismus, um im öffentlichen, im beruflichen und selbstverständlich auch im privaten Raum vor Belästigungen und Übergriffen geschützt zu sein. „Greifen Sie zu“ untergräbt diesen Automatismus.

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