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Diese Technologie könnte für das Ende unserer Privatsphäre sorgen

geschrieben von Felix Baumann

Stellt euch das folgende Szenario vor: Ihr seid gerade nach einem langen Arbeitstag auf dem Weg nach Hause und begegnet in der U-Bahn einer Frau oder einem Mann, die/der euch einfach nicht aus dem Kopf gehen möchte. Ihr traut euch auch nicht die Person anzusprechen und zückt daher euer Handy, fotografiert unauffällig diese Person und erhaltet nach kurzer Zeit neben dem Namen und der Adresse auch sämtliche Social Media-Profile. Klingt gruselig? Könnte aber in Zukunft Realität werden.

Grund ist Hoan Ton-That, ein australischer Technikfreak. Schaut man sich die Geschichte des Mannes an, der die Gesichtserkennung revolutionieren soll, dann findet man nicht sonderlich außergewöhnliche Meilensteine. Ton-That startete 2009 mit einer Webseite, die es ermöglichte Video-Links an Kontakte über diverse Messenger zu versenden. Als der Auftritt als Phising-Gefahr identifiziert wurde, wandte sich Ton-That der App-Entwicklung zu. Ab 2015 erschienen zwei Apps des Entwicklers: In einer lässt sich Donald Trumps zerzauste Frisur auf jeden Kopf setzen, die zweite App ermöglichte das Teilen von Fotos.

Logischerweise brachte auch die App-Entwicklung keinen großen Erfolg. 2016 zog der Australier nach New York und begann sich in die Themen „Künstliche Intelligenz“, „Gesichtserkennung“ und „Maschinelles Lernen“ einzulesen. Kurze Zeit später traf er dann auf Richard Schwartz, ein Adjutant des damaligen Bürgermeisters Rudolph W. Giuliani. Nach einigen Gesprächen entschieden sich beide, eine Firma zu gründen, die heute unter dem Namen Clearview bekannt ist. Ton-That kümmerte sich um die App, Schwartz um das Anwerben von Kunden.

Hoan Ton-That arbeitet an einem kontroversen Thema: Der Gesichtserkennung (Bild: The New York Times).

Herausgekommen ist eine Software, die Personen innerhalb von wenigen Sekunden identifizieren kann. Und das selbst dann, wenn das eingelesene Bild oder Video keine besonders hohe Qualität hat. Das funktioniert ganz einfach. Die Software vermisst zunächst das Bild der gesuchten Person und achtet hier besonders auf identifizierbare Merkmale, wie der Distanz zwischen den Augen oder Tattoos. Dann wird das Bild mit den berechneten Merkmalen mit einer riesigen Datenbank verglichen, die bisherige Datenbanken, wie die des FBI, im Schatten stehen lässt.

In Werbematerialien führt Clearview konkrete Zahlen an. So soll die Datenbank des FBI aktuell um die 411 Millionen Fotos enthalten, die eigene Software kann aber auf über 3 Milliarden Bilder zurückgreifen. Möglich machen es soziale Netzwerke über die wir unsere persönlichen Daten preisgeben. Profilfotos und ganze Instagram-Profile sind meist direkt herunterladbar und damit das ideale Futter für die Künstliche Intelligenz von Clearview.

Das stellen inzwischen auch Polizeibehörden in den Vereinigten Staaten fest. Durch kostenlose Probeabos werden diese oft dazu gebracht, Clearview einmal auszuprobieren. Die Ergebnisse sind erstaunlich: Verdächtige, die meist über mehrere Wochen identifiziert werden müssen, werden durch die Technologie innerhalb von Sekunden erkannt. Die Trefferquote liegt nach eigenen Angaben des Unternehmens zur Zeit bei ungefähr 75 Prozent.

Was sich als praktisch für die Polizeiarbeit herausstellt, könnte langfristig auch als Waffe eingesetzt werden. Kommen wir auf das eingangs erwähnte U-Bahn-Beispiel zurück, dann könnte jeder Mensch einen anderen innerhalb von Sekunden identifizieren und teils sensible Daten (je nachdem, wie viel die Person über sich preisgibt) einsehen. Aktuell gibt Clearview nicht bekannt, mit welchen Unternehmen und staatlichen Einrichtungen es zusammenarbeitet, es ist aber davon auszugehen, dass so eine Technologie in Zukunft auch in private Hände gelangen könnte.

Wer mehr über das Thema erfahren möchte, dem lege ich die Recherche der New York Times ans Herz.

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Über den Autor

Felix Baumann

Felix Baumann ist seit März 2022 Redakteur bei Basic Thinking. Bereits vorher schrieb er 4 Jahre für den Online-Blog Mobilegeeks, der 2022 in Basic Thinking aufging. Nebenher arbeitet Felix in einem IT-Unternehmen und beschäftigt sich daher nicht nur beim Schreiben mit zukunftsfähigen Technologien.

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