Drei Viertel der Deutschen haben Spaß an KI, doch fast genauso viele würden am liebsten in einer Welt ohne sie leben. Eine neue Bitkom-Studie offenbart eine tiefe Zerrissenheit im Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Warum diese Ambivalenz kein Widerspruch ist, was sie über unsere Gesellschaft verrät und warum sich die existenzielle KI-Frage längst verschoben hat. Eine kommentierende Analyse.
40 Prozent der Deutschen wünschen sich eine Welt ohne KI
- Rund drei Viertel der Nutzer sagen, dass sie Spaß an Künstlicher Intelligenz haben. Für 41 Prozent sind KI-Modelle die erste Anlaufstelle für nahezu alle Fragen – noch vor klassischen Suchmaschinen. Und dennoch: Mehr als 40 Prozent der Deutschen würden lieber in einer Welt ohne KI leben. Das sind die zentralen Ergebnisse einer aktuellen Umfrage des Digitalverbands Bitkom.
- Der Analyse zufolge integrieren Nutzer KI meist tief in ihren Alltag und stellen der Technologie ein überwiegend positives Fazit in Aussicht. Gleichzeitig fühlen sich rund 26 Prozent der Befragten aber abgehängt. Fast genauso viele sind überfordert. Der Hintergrund: Es zeigt sich eine Mischung aus Skepsis, Unsicherheit und Ablehnung gegenüber der zunehmenden Verbreitung von KI. Die Ergebnisse spiegeln vor allem Sorgen über Kontrolle, Jobverlust und gesellschaftliche Folgen wider.
- Aufgrund von zahlreichen berechtigten Risiken und Gefahren verteufeln viele Menschen Künstliche Intelligenz und nehmen eine Abwehrhaltung ein. Einer Studie zufolge machen sich die meisten Sorgen, ihren Job durch KI zu verlieren. Wie berechtigt diese sind, ist aber noch unklar. Klar hingegen ist, dass KI-Modelle zumindest die Arbeitswelt verändern werden. Weitere Sorgen sind der enorme Energieverbrauch von Rechenzentren sowie Desinformation. Doch: KI-Modelle können auch positive Effekte haben – beispielsweise durch Entlastungen im Gesundheitswesen, im Umweltschutz oder bei der Förderung von Sozialverhalten und Bildung.
Warum die Sehnsucht nach einer Welt ohne KI zu kurz greift
Die Sehnsucht nach einer Welt ohne KI ist zunächst ein durchaus berechtigter Wunsch nach weniger Datenmissbrauch, weniger Maschinenlogik und weniger Informationsflut. Diese Welt ist aber längst Vergangenheit. Denn eine Welt ohne KI wird es nicht mehr geben.
Sie steckt nämlich nicht nur in Chatbots, wo sie weiß Gott großen Schaden anrichten kann, sondern in medizinischer Software, der Verkehrssteuerung, im Umweltschutz, Übersetzungen oder Wettermodellen. Sprich: in Dingen, von denen die Allgemeinheit profitiert.
Wer KI per se verteufelt, kann deshalb hoffentlich nur ihre Nachteile meinen. Diese sind zweifellos groß und vorhanden. Doch genauso wie alle anderen Technologien hat Künstliche Intelligenz Vor- und Nachteile. Mindestens genauso naiv wie Technophobie sind aber auch Weltuntergangsszenarien und Heilsversprechen.
KI wird weder alle Probleme lösen noch automatisch alle Jobs vernichten. Sie wird vor allem automatisieren, beschleunigen und Macht verschieben – meist zugunsten der Konzerne, die Rechenleistung, Daten und Infrastruktur kontrollieren. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob KI kommt, sondern wer sie kontrolliert und wofür sie eingesetzt wird.
Sinnvoll wäre ihr Einsatz etwa dort, wo gesellschaftlicher Nutzen entsteht: in der Diagnostik, Pflege, Forschung oder beim Energiemanagement. Gleichzeitig braucht es Grenzen bei der exzessiven Freizeitnutzung mit einem hohen Stromverbrauch oder bei KI-generierter Desinformation. Denn eine Gesellschaft, die Fakes nicht mehr erkennt, diskutiert irgendwann nicht mehr über Wahrheit und das Gute, sondern nur noch über Unwahrheit und das Schlechte.
Was Forscher und der Papst sagen
- Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst in einem Statement: „Künstliche Intelligenz hat ein enormes disruptives Potenzial und verändert unseren Alltag und unsere Arbeitswelt in einem Tempo, das viele Menschen verständlicherweise verunsichert. Das beste Mittel gegen Verunsicherung ist Wissen. Wir brauchen flächendeckende Angebote, mit denen Menschen jeden Alters einen einfachen Zugang zu KI finden, von der Grundschule über die Berufsschule und den Arbeitsplatz bis zur Volkshochschule für Seniorinnen und Senioren. Ein digitaler Graben zwischen Menschen mit und ohne KI darf gar nicht erst entstehen.“
- Zukunftsforscher Thomas Druyen in einem Beitrag für Focus Online: „Die rasanten und historisch einmaligen Entwicklungen in der Künstlichen Intelligenz stellen uns vor eine zentrale Herausforderung: Wer nicht mit dieser Technologie Schritt hält, wird in vielen Bereichen abgehängt. Es reicht nicht mehr, KI als ein technisches ‚Nice-to-have‘ zu betrachten. KI ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Zukunft, und wir müssen jetzt ultimativ damit beginnen, sie zu verstehen, zu lernen und in unseren Alltag zu integrieren. Dies ist auch die einzige Chance, um die mit KI verbundenen Gefahren und Bedrohungen zu antizipieren.“
- Relativ zeitgleich zur neuen Bitkom-Studie hat sich der Papst zu Wort gemeldet. In „Magnifica Humanitas“, seiner ersten Enzyklika, schreibt Leo XIV. über „die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“, so der Untertitel des 122-seitigen kirchlichen Rundschreibens. Darin heißt es: Wir „müssen Gott um Weisheit bitten, um die großen Entwicklungen unserer Zeit recht zu deuten, insbesondere die im Bereich der Technik. (…) Der Einsatz von KI ist niemals eine rein technische Angelegenheit. Angefangen bei jenen, die die Systeme entwerfen und trainieren, bis hin zu jenen, die sie nutzen“. Während einer Präsentation ergänzte er: „Die KI muss entwaffnet werden. Das Wort ist stark, ich weiß.“
Künstliche Intelligenz als demokratische Bewährungsprobe
Die kommenden Jahre dürften weniger von der Frage geprägt sein, ob Menschen KI nutzen, sondern wie selbstverständlich sie es tun. Suchmaschinen werden zu Antwortmaschinen, Bürojobs zu Kontrolljobs und Kreativität wird zu einer Kollaboration mit Software. Wer heute noch glaubt, KI sei optional oder wird wieder verschwinden, könnte schon bald wirken wie jemand, der 2007 gefragt hat, ob sich das Internet wirklich durchsetzen wird.
Doch: Der KI-Graben verläuft künftig nicht nur zwischen Arm und Reich, sondern zwischen Menschen mit KI-Kompetenz und jenen ohne Zugang oder Verständnis. Es wächst aber auch der politische Druck. Regierungen werden KI regulieren müssen. Nicht aus Technologiefeindlichkeit, sondern zur Stabilisierung der gesellschaftlichen Ordnung.
Fragen nach Urheberrecht, Haftung, Energieverbrauch und Arbeitsplatzschutz werden nämlich immer wichtiger. Vor allem beim Thema Desinformation könnte KI aber zu einer demokratischen Belastungsprobe werden. Denn wenn jede Stimme imitierbar und jedes Bild manipulierbar ist, wird Vertrauen zu einer der knappsten Ressourcen überhaupt.
Das könnte den ohnehin schon angeschlagenen Diskurs und die Demokratie weiter gefährden. Und zwar ausgerechnet in einer Ära, in der Informationen eigentlich unbegrenzt verfügbar sind; womöglich aber untergehen. Trotzdem wird sich KI nicht zurückdrehen lassen. Dass sich inzwischen sogar der Papst dazu äußert, zeigt, wie tief die Technologie bereits in gesellschaftliche Grundfragen vorgedrungen ist.
KI ist damit endgültig kein Spielzeug der Tech-Eliten mehr, sondern Teil einer Machtfrage. Die kommenden Jahre dürften weniger darüber entscheiden, ob KI unseren Alltag verändert, sondern ob Demokratien schnell genug lernen, mit dieser Veränderung Schritt zu halten.
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