KI-Songs Kennzeichnung Label mit KI generiert Künstliche Intelligenz Musik

KI-Songs bekommen Label – doch die Musik spielt woanders

Fabian Peters
Bild: BASIC thinking / mit ChatGPT generiert (KI)

Jeden Tag werden zehntausende vollständig mit KI generierte Songs auf Streamingdiensten hochgeladen. 97 Prozent der Hörer können diese aber nicht von menschlicher Musik unterscheiden. Ein Zusammenschluss renommierter Musikverbände will deshalb mit einem neuen Kennzeichnungssystem für Transparenz sorgen. Doch das Konzept hat entscheidende Schwächen – und kratzt allenfalls an der Oberfläche. Eine kommentierende Analyse.

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Wie die Kennzeichnung von KI-Songs funktionieren soll

  • Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Ipsos, die 2025 von Deezer in Auftrag gegeben wurde, werden jeden Tag rund 50.000 vollständig KI-generierte Songs auf der Plattform hochgeladen. Das entspricht einem Anteil von 34 Prozent aller Uploads. Den Ergebnissen zufolge konnten 97 Prozent der Teilnehmer keinen Unterschied zwischen vollständig KI-generierter und von Menschen gemachter Musik erkennen. 52 Prozent fühlen sich deshalb betrogen. Die Forderung: eine klare Kennzeichnung KI-generierter Musik.
  • Zahlreiche renommierte und internationale Musikverbände haben ein Konzept zur freiwilligen Kennzeichnung von KI-Songs durch visuelle Symbole angekündigt. Ziel ist es, Fans klarere Informationen über den Einsatz künstlicher Intelligenz bei Musikaufnahmen zu liefern. Die Kennzeichnung unterscheidet zwischen „KI-generiert“ und „KI-unterstützt“. Sie ist auf eine breite, weltweite Anwendung bei digitalen Musikdiensten ausgelegt. Das Kennzeichnungskonzept soll kontinuierlich angepasst werden.
  • KI-generiert“ bedeutet dem Vorschlag zufolge, dass künstliche Intelligenz genutzt wurde, um die kreativen Elemente einer Aufnahme vollständig oder zum größten Teil zu erzeugen. Darunter: Leadgesang, zentrale Instrumentalparts und vollständig KI-generierte Songs. „KI-unterstützt“ soll heißen, dass eine Aufnahme im Wesentlichen von Menschen erstellt wurde und Ausdruck menschlicher Kreativität ist, dass aber für einige Ausdruckselemente KI verwendet wurde. Das Konzept bezieht sich derzeit nur auf Tonaufnahmen. Songtexte, Musikvideos, Komposition oder Cover sind noch nicht abgedeckt.

Wo das KI-Label an seine Grenzen stößt

Die Grenzen zwischen menschlicher Kreativität und KI-Produktionen verschwimmen immer mehr. Das ist nicht nur in der Musikbranche so. Das Problem: Viele Fans und Hörer können den Unterschied kaum noch erkennen. Der Vorschlag zur Einführung eines Labels zur Kennzeichnung von KI-Songs ist deshalb nachvollziehbar.

Er kratzt aber nur an der Oberfläche und beantwortet nicht die Frage, unter welchen Bedingungen KI-Songs entstanden sind oder entstehen. Stichwort: Urheberrecht und KI-Training. Darin liegt die Schwäche der Initiative. Die Unterscheidung zwischen „KI-generiert“ und „KI-unterstützt“ klingt zunächst relativ eindeutig. In der Praxis dürften aber schnell Grauzonen entstehen.

Denn KI steckt mittlerweile in immer mehr Produktionsschritten, von der Recherche über das Sounddesign bis hin zum Mastering. Doch wo hört KI auf, ein Werkzeug zu sein, und wo fängt sie an, als vermeintlicher Künstler zu agieren? Oder: Das neue KI-Label kann zwar ein Stück weit Transparenz schaffen, aber eben keine Klarheit.

Die Debatte sollte deshalb nicht auf zwei kleine Begriffe reduziert werden. Denn die eigentlichen Konflikte liegen in anderen Bereichen: beim Urheberrecht, bei der Nutzung geschützter Werke als Trainingsmaterial und bei der Frage, welchen Platz menschliche Kreativität künftig noch hat, wenn Algorithmen sich ihrer ungefragt bedienen und innerhalb weniger Sekunden Songs in Massen produzieren.

Stimmen

  • Florian Drücke, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Musikindustrie, in einem Statement zur Initiative: „Dieser gemeinsame Aufschlag unterstreicht einmal mehr unseren Willen, als Branche voranzugehen in einem herausfordernden, von generativer KI geprägten kreativen und wirtschaftlichen Umfeld. Die neuen Kennzeichnungen auf der Ebene des einzelnen Tracks sind ein weiteres Element, das vor allem den Fans eine Orientierung ermöglicht, von denen sich mit 83 Prozent die große Mehrheit an dieser Stelle Klarheit und Transparenz wünschen.“
  • Kulturstaatsminister Wolfram Weimer forderte gegenüber Deutschlandfunk mehr rechtliche Handhabe mit Blick auf KI: „Jedes Musikstück, jedes Bild, jede Rede haben sie gestohlen und verarbeitet. Wir sind fasziniert, was alles nun neu kombiniert ausgespielt wird. Aber das, was eingenommen wurde, wurde nie erfragt. Deswegen müssen wir da Regeln finden. Bei der Diskussion, ob wir kennzeichnen sollten, was von Menschen und was von KI produziert wird, sagen erste Künstler und Musikunternehmen, dass die Grenzziehung schon gar nicht mehr möglich ist.“
  • Antje Valentin, Generalsekretärin des Deutschen Musikrats, gegenüber dem MDR: „Wenn es jetzt darum geht, Hintergrundmusik und Werbemusik zu schaffen, dann wird schon KI dafür eingesetzt. Und die Frechheit dabei ist, dass die KI nur deswegen Musik erzeugen kann, weil der Input Millionen Kreativer hineingeflossen ist. Das heißt, sie wurden ausgebeutet.“ Steffen Holly vom Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie hält wenig von KI-Labels: „Es werden schon so viele Sachen im Musikproduktionsprozess verwendet. Will ich mich da stundenlang durchklicken oder nehme ich einfach eine KI, beschreibe den Klang und wähle mir eine Vorauswahl aus? Ist das schon KI, ist das kennzeichnungspflichtig?“

KI-Songs sollten nicht monetarisiert werden

Die neu vorgeschlagene KI-Kennzeichnung kann und darf allenfalls ein erster Schritt sein. Denn künstliche Intelligenz hält nicht nur zunehmend Einzug in die Musikindustrie, sondern wird auch immer besser. Sprich: Es wird immer komplizierter, KI-generierte Musik überhaupt als solche zu erkennen.

Außerdem müssen Songtexte, Kompositionen, Musikvideos und Albumcover mit einbezogen werden. Ob und wie gut das Konzept funktionieren wird, ist aber fraglich, da es auf Freiwilligkeit setzt. Will heißen: Es liefert nur dann eine transparente Orientierung, wenn möglichst viele mitmachen. Das ist aber keinesfalls gewiss.

Denn es wird Akteure, die schlichtweg darauf aus sind, Tantiemen von Plattformen wie Spotify und Co. abzugreifen, kaum daran hindern, die Plattformen weiterhin mit KI-generierter Musik zu fluten. Deshalb sollten vor allem die Streaminganbieter selbst reagieren – oder auch in die Pflicht genommen werden.

Und damit meine ich nicht nur, dass sie Erkennungstools etablieren, denn das tun sie bereits – zumindest äußerst zaghaft. Viel effektiver wäre es hingegen, komplett KI-generierte Songs von den Empfehlungen und Monetarisierungsmechanismen auszunehmen. Das dürfte die KI-Flut zumindest ein Stück weit eindämmen.

Um aber Künstler und Urheberrechte zu schützen, müssen die Betreiber der KI-Modelle in die Pflicht genommen und wenn nötig sanktioniert werden. Kurzum: Die neuen Vorschläge zur KI-Kennzeichnung sind nicht falsch. Sie lösen die Probleme von Künstlern oder Nutzern, die von KI genervt sind, aber kaum.

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Fabian Peters ist seit Januar 2022 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Redakteur und freier Autor tätig. Er studierte Germanistik & Politikwissenschaft an der Universität Kassel (Bachelor) und Medienwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin (Master).
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