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Google Zero: Wie KI die Medienbranche ausbeutet

Christian Erxleben
Bild: DepositPhotos

Jahrelang hat Google die Medienbranche mit sich stetig ändernden SEO-Faktoren auf Trab gehalten. Jetzt droht mit den AI Overviews und dem AI Mode der Nutzer-Traffic stark einzubrechen. Eine Einordnung in „Gut“ und „Böse“ ist aber schwierig, da der KI-Einfluss sehr vielseitig ist. Eine kommentierende Analyse.

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Wie Google die KI-Bedrohung zu seinem eigenen Vorteil machte

  • Über Jahrzehnte hinweg hat Google mit seiner Suchmaschine und den daraus resultierenden Linklisten Milliarden verdient. Mit dem Aufkommen und Erstarken von ChatGPT und Co. war eine ernst zu nehmende Bedrohung für das Geschäftsmodell von Google entstanden. Wer soll Google-Werbung schalten und Zeit sowie Geld in SEO-Optimierung stecken, wenn die KI-Assistenten direkt Antworten liefern und den Nutzern das Durchklicken von Linklisten ersparen?
  • Als Schnellschuss kam Google Bard im Sommer 2023 nach Deutschland. Die Arbeit der ersten Google-KI war verheerend. Die Panik im Rollout war im Produkt spürbar. Knapp zwei Jahre später präsentierte Google mit Gemini einen kraftvollen Nachfolger. Die neue Google-KI wird schrittweise in die bisherigen Google-Produkte integriert. Vor allem die klassische Google-Suche verändert sich.
  • Dabei gibt es zwei unterschiedliche Modi: Die AI Overviews erscheinen über den klassischen Suchergebnissen. Dabei handelt es sich um eine Kurzübersicht zur entsprechenden Suchanfrage. Den Nutzern werden Links zur Verfügung gestellt. Wer mit der KI-Übersicht unzufrieden ist, scrollt einfach zu den Links. Der AI Mode dagegen ist ein Chat. Nutzer erhalten Antworten auf ihre Suchanfragen und können Nachfragen stellen – wie bei WhatsApp oder ChatGPT. In diesem Fall gibt es weniger Verweise und der Weg zu den klassischen Suchergebnissen ist komplizierter.

43 Prozent KI-Antworten: Was das für Medien und Verlage bedeutet

Google hat erfolgreich den Switch geschafft. Die einstige Bedrohung durch KI hat CEO Sundar Pichai in eine Stärke umgewandelt. Die Leidtragenden sind Verlage und Medienhäuser. Eine aktuelle Untersuchung des Datenspezialisten Similarweb hat ergeben, dass der Anteil der AI Overviews massiv gestiegen ist. Im Juni 2025 lag der Wert bei 13,3 Prozent. Ein Jahr später liegt er bereits bei 43,1 Prozent. Das heißt: Für fast jede zweite Google-Suchanfrage liefert Google eine vorgeschaltete KI-Antwort.

Die Folge daraus: Der Website-Traffic für bestimmte Websites ist massiv gesunken. Einfach zu beantwortende Fragen – zum Beispiel nach der Einwohnerzahl einer Stadt – können Nutzer einfach der KI-Antwort entnehmen. Ein Klick zu Wikipedia ist nicht mehr notwendig. Auch Fußballergebnisse und Torschützen liefert die Google-KI relativ zuverlässig. Der Klick zum Kicker – nicht mehr notwendig. Im Fachjargon heißt dieser Wandel: Google Zero. Also: kein Traffic mehr von Google für Website-Inhalte.

In Deutschland gibt es die AI Overviews seit März 2025, in Frankreich seit Juli 2026. Über 300 französische Verlage haben sich zusammengeschlossen und gemeinsam eine Wettbewerbsbeschwerde gegen Google eingereicht. Sie fordern eine finanzielle Beteiligung von Google. Schließlich steigt die Verweildauer von Nutzern in der Google-Suche, während Verlage mit einbrechenden Nutzerzahlen zu kämpfen haben.

Die Inhalte für die KI-Übersicht erstellt Google wiederum durch das Crawling der Verlagsseiten. Die Verlage bezahlen also Journalisten, um Inhalte zu erstellen. Der Google-Bot liest diese Inhalte kostenlos und fasst sie in den AI Overviews für die Leser zusammen. Verlage bekommen dadurch weniger Traffic und können ihre Inhalte schlechter monetarisieren. Überspitzt gesagt: Google klaut fremde Inhalte und verdient mit ihnen Geld, während die Erzeuger in die Röhre schauen.

Stimmen

  • Konrad Wolfenstein, „Pioneer Business Development“-Experte, ist beeindruckt davon, wie Google die KI-Bedrohung in einen eigenen Vorteil umgewandelt hat. Medienhäuser müssen ihre Inhalte entsprechend anpassen. In einem Blog-Beitrag erklärt er: „Nutzer, deren triviale Anfragen direkt beantwortet werden, stellen in der Folge komplexere, detailliertere Folgefragen – und für diese tiefergehenden Anfragen klicken sie tatsächlich auf externe Quellen. Die KI-Übersicht filtert also gewissermaßen den Trivial-Traffic heraus und hinterlässt eine qualitativ hochwertigere Restmenge an Suchanfragen, die häufiger zu echten Klicks führen.“
  • Auch Suchmaschinen-Guru Rand Fishkin, Gründer von SparkToro und Co-Autor des Buchs „Zero Click Marketing“, stimmt nicht in den Abgesang der Medienhäuser ein. In einem Video auf LinkedIn erklärt er, warum Websites weiterhin wichtig sind (ab 1:40 Min.): „Sie alle (die KI-Agenten) verlassen sich auf die Informationen auf Ihrer Website. Wenn Ihre Daten nur auf Drittanbieter-Plattformen zu finden sind und Sie sie nicht auf Ihrer eigenen Website gebündelt haben, glaube ich, dass Sie ein Problem haben. Wenn keine Daten vorhanden sind, steigen die erfundenen KI-Aussagen massiv.“
  • Brian Balfour war jahrelang Vice President bei Hubspot und hat mit Reforge seine eigene Firma für KI-orientierte Produktentwicklung gegründet. In einem Essay fordert er Verlage, Online-Shops und Website-Betreiber zum Handeln auf. Der KI-Shift ist unaufhaltsam. „Bei Plattformwechseln gibt es nur drei Arten von Unternehmen: diejenigen, die sich zu früh bewegen und Ressourcen verschwenden; diejenigen, die sich zu spät bewegen und das Zeitfenster verpassen; und diejenigen, die den Wandel kommen sehen und sich so positionieren, dass sie gewinnen. Wenn du auf dem Friedhof landest, ist das nicht die Schuld von ChatGPT (oder wer auch immer die Plattform ist). Es ist deine eigene. Die Uhr tickt nicht nur, sie beschleunigt sich. Und in diesem Spiel gewinnt am Ende immer die Bank.“

Warum hochwertiger Journalismus nicht ausstirbt

Die Lage für die Medienbranche ist festgefahren – allerdings nicht aussichtslos. Eine Datos-Analyse zeigt, dass im ersten Quartal 2026 die Zero-Click-Suchen rückläufig sind. Im März 2025 lag der Wert in Europa noch bei 27,2 Prozent, im März 2026 bei 19,6 Prozent. Gleichzeitig ist die organische Klickrate innerhalb eines Jahres von 40 auf 46 Prozent gestiegen. Das zeigt: Eine erste Trendwende ist bereits erkennbar. Und: Journalistische Inhalte sind nach wie vor wichtig.

Tatsächlich ändert sich das Suchverhalten der Nutzer. Sogenannte Mid-Length-Queries mit sechs bis neun Wörtern gewinnen an Bedeutung. Kurze Suchanfragen beantwortet die KI. Für lange Suchanfragen klicken die Nutzer weiterhin auf Websites und lesen Artikel. Für Verlage bedeutet das: Wer wertlose Inhalte mit wenigen Absätzen erstellt, wird Traffic verlieren. Wer hochwertige Inhalte erstellt und tiefgreifende Recherchen liefert, bleibt relevant.

Denn wenn der Anteil der Suchanfragen steigt, wächst auch der Anteil der Klicks. Einerseits ist es verständlich, dass die Verlage am Gewinn von Google beteiligt werden wollen. Andererseits müssen sie sich auch an die eigene Nase fassen. Während sich Google in einem außergewöhnlichen Kraftakt an die neue KI-Umgebung angepasst hat, fahren die allermeisten Medienhäuser seit Jahren das gleiche Konzept: kurze Online-Meldungen mit Clickbait-Charakter im TikTok-Stil.

Diese Art von Inhalten wird obsolet. Wertvoll waren sie noch nie. Deshalb wird sich im Zuge der KI-Revolution die Medienlandschaft mit Sicherheit ausdünnen. Allerdings zeigen die aktuellen Entwicklungen, dass für qualitativ hochwertigen Journalismus nach wie vor Bedarf und Interesse besteht. Anstatt Zeit und Geld mit Klagewellen zu verschwenden, sollten Verlage besser ihre eigenen Geschäftsmodelle überdenken.

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Christian Erxleben arbeitet als freier Redakteur für BASIC thinking. Von Ende 2017 bis Ende 2021 war er Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Ressortleiter Social Media und Head of Social Media bei BASIC thinking tätig.
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