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Google Plus ausprobiert: Kein Facebook-Killer, aber auch kein zweites Wave

Heute wird nicht mehr gearbeitet. Heute wird geplust. Ich habe schon lange keinen solchen Hype mehr erlebt. Alle sprechen über Google Plus, jeder will mal, jeder probiert aus. Und über den Aufruf auf Twitter, dass wir jetzt Invites verteilen würden, haben wir uns vorübergehend selbst geDDoSt. Gerade kam sogar ein Kollege in unser Büro, den ich bis dato nur flüchtig aus der Kantine kannte, um mal ganz nett anzufragen. Facebook möge er zwar nicht, aber wir hätten doch bestimmt inzwischen einen Google-Plus-Invite für ihn. Du liebe Güte…

Google hat zwar angekündigt, dass man seit heute 5:45 Uhr erst einmal keine neuen Mitglieder mehr aufnehmen könne, aber Invites konnte man trotzdem verschicken. Normale E-Mail-Adressen konnten und können sich meines Wissens nicht anmelden. Die Anmeldung klappte jedoch zumindest vorübergehend, wenn die Einladung an eine Googlemail-Adresse geschickt wird. Wir sind mit unseren Invites durch. Wenn ihr auch einen möchtet, seid so gut und bittet irgend einen Kumpel, euch über eure Googlemail-Adresse einzuladen, die ihr dafür natürlich braucht. Geht das so weiter, dürfte morgen mindestens jeder Zweite, der will, bei Google Plus sein. Was das Ding für einen Eindruck macht? Es sieht stark nach Facebook aus. Wozu braucht man das also?

So wie Facebook, aber auch anders?

Wer von euch schon einen Blick erhaschen durfte, wird sich wirklich fragen, wo da jetzt der Hauptunterschied zu Facebook ist, abgesehen von der Tatsache, dass die eigenen Daten bei Google+ angeblich uns gehören und nicht Google. Es gibt ein kleines Menü mit Filtern links, Freundeslisten, Empfehlungen und weitere Anwendungen rechts. In der Mitte ein großer Nachrichtenstrom, genannt Stream. Dort kann man Statusnachrichten, Fotos oder Videos abschicken und die Meldungen von Freunden lesen. Man kann sie kommentieren oder mit „+1“ bewerten.

Mit anderen Worten: Facebook, neu aufgelegt. Zumindest scheint es reibungslos zu funktionieren und auch die Bedienung macht Spaß. Alles ist nur wenige Klicks entfernt, erscheint flüssig und in Echtzeit. Ein wenig Probleme hatte ich im Test lediglich dabei, Freunde über die eingebaute Suche zu finden, die dem Netzwerk längst beigetreten waren. Teilweise war von Freunden das Foto nicht mehr zu sehen, obwohl eins hinterlegt war. Etwas zu umständlich scheint mir bislang in der Benachrichtigungsansicht die Möglichkeit zu sein, Kontakte hinzuzufügen. Ich kann nicht auf die angebotene Schaltfläche klicken, Google Plus legt statt dessen bei jedem Mouse-over ein Kontextfenster darüber, in dem ich den Kontakt sofort einem Bekanntenkreis (Circle) zuordnen soll. Kennt man das Konzept des Folgens und Hinzufügens von Twitter und Facebook, kommt einem das ungewohnt vor.

Aber gut, Google Plus geht gerade erst in den zweiten Tag seines Bestehens und Google hat angeblich gar nicht geplant, dass so viele Anwender von Anfang an dabei sein würden. Jetzt haben die Nutzer Google diese Entscheidung abgenommen. Alleine mit der Funktion, neue Freunde und Bekannte per Drag and Drop in „Circles“ (Bekanntenkreise) einzuordnen, könnte ich Stunden verbringen. Das ist wie ein Solitär für Kontakte. Killerfunktion für mich ist übrigens die Möglichkeit, Freunde zu Circles hinzuzufügen, die gar nicht bei Google Plus sind. Teilt man eine Nachricht, ein Bild oder ein Video mit ihnen, erhalten sie die Nachricht per E-Mail. Auf diese Weise kann Google sehr schnell neue Mitglieder hinzu gewinnen und man selbst kann solche Freunde mit seine Aktivitäten versorgen, die keine Lust auf Social Networks haben.

Wird man wiederkommen wollen?

Während man sich bei Google Plus als Web-App noch mit Invites herumschlagen muss, hat Google eine App bereits für Android-Nutzer freigegeben. Für andere mobile Systeme gibt es bislang nur den Web-Client. Hayo hat die Android-Version getestet und ein paar Screenshots für uns parat, die auf mich einen sehr begehrenswerten Eindruck machen:

Was Google Plus als Social Network angeht, wird Google schnell einen weiteren Mehrwert schaffen müssen. Es reicht nicht mehr, einfach nur so zu sein wie ein abgespecktes Facebook; ein bisschen Unterhaltung fehlt mir noch. Es müssen nicht gleich Glückskekse und nervige Spieleinladungen sein wie auf Facebook. Aber etwas, was die Community am Leben hält, wie die Diskussionsgruppen oder der Jobmarkt auf Xing. Mit der Videochat-Plattform Hangout hat Google bei Google+ aber schon den ersten Schritt getan. Der Hype ist jetzt da, aber wird man wiederkommen wollen oder das Netzwerk nach dem ersten interessierten Besuch meiden wie einst Google Wave und Google Buzz? Ich kann mich da noch nicht entscheiden. Wo ich mir aber seit heute Nachmittag sicher bin: Dass es durchaus Platz gibt für ein zweites Facebook – denn die Nachfrage ist da.

(Jürgen Vielmeier)


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Über den Autor

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Journalist und Blogger seit 2001. Er lebt in Bonn, liebt das Rheinland und hat von 2010 bis 2012 über 1.500 Artikel auf BASIC thinking geschrieben.

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