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Die Sprachnachrichten-Plage: Leute, verlernt das Schreiben nicht!

Sprachnachrichten
geschrieben von Tobias Gillen

Hast du auch diesen einen Freund, der auf eine maximal einfache Frage mit einer Sprachnachricht antwortet, statt einfach „Ja“, „Nein“ oder „Ok“ zu schreiben? Dann weißt du vermutlich, was ich mit der „Sprachnachrichten-Plage“ meine. Ein Kommentar.

Ich hatte das Vergnügen, durch familiäre Umstände kurze Zeit beobachtender Teil einer WhatsApp-Gruppe zu sein, die zu weiten Teilen aus 10- bis 12-Jährigen bestand. Mein Kopf brummt nach fünf Minuten so heftig, als hätte ich beim Kampf zwischen Tyson Fury und Wladimir Klitschko genau dazwischen gestanden. Die Kids kommunizieren in einem Affentempo mit Text-, Video- und Sprachnachrichten, dass ich schon nach wenigen Minuten nicht mehr hinterher komme und aufgebe.

Ich erinnere mich dabei noch gut an die Zeit, als ich in dem Alter war, vielleicht etwas älter. Gerade wurde es trotz hoher Gebühren populär, SMS zu schreiben. Mit Anbietern wie BASE, das damals unsere gesamte Generation mit einer SMS-Flat überflutete, bahnte sich die Tipperei auf dem Handy dann ihren Weg. Für die damals Erwachsenen völlig unbegreiflich, wieso man nicht mehr miteinander spricht und für kürzeste Dinge auf diesen kleinen Tasten rumtippt statt einfach anzurufen.

Der Chat-Charakter bleibt

Es ist entsprechend schon ironisch, dass gerade ein Mitglied der SMS-Fraktion nun nicht mehr begreift, warum man nicht schnell eine kurze Antwort tippt statt sie zu sprechen. Denn die Sprachnachrichten – nicht nur bei den Kids, sondern auch bei diesem einen Freund, den jeder hat – machen eine logische, in sich schlüssige Kommunikation kaum mehr möglich. Dabei darf man Sprachnachrichten nicht mit „richtigem“ Telefonieren vergleichen: Man hört sich zwar, aber der Chat-Charakter bleibt auf der gleichen Ebene (vielleicht mit weniger Smileys und dafür einem grimmigen Ausruf).

Beim klassischen Text-Chat stellt man bestenfalls eine Frage und wartet dann auf die Antwort. Das Gespräch wechselt 1:1 hin und her und ich habe von überall aus Zugriff auf diese Nachricht. Bei der Sprachnachricht hingegen wird alleine aus der Macht der Gewohnheit heraus schon mehr gesprochen. Zudem werden mehrere Fragen und Sprachnachrichten durcheinander geworfen. Wer gerade in der U-Bahn oder in einem Meeting sitzt, kann die Nachricht nicht so einfach konsumieren (es sei denn, er hält sich das Handy ans Ohr, was dann auch wieder etwas, nun, seltsam ist). Ergo kann er auch nicht so schnell antworten (es sei denn, er redet in sein Handy, was dann auch wieder etwas, nun, seltsam ist). Kurz um: Es ist einfach unpraktisch.

Sprachnachrichten: Effizient oder faul?

Kurze Nachfrage bei der Jugend und raus kommt, dass sie das Schreiben viel zu unpraktisch finden. „Dauert zu lange“, hört man. Und zu anstrengend sei es auch. Zudem bestehe beim Tippen ja die Gefahr, dass man sich verschreibe und dann Buchstaben löschen und erneut schreiben müsse. Für die SMS-Fraktion, die inzwischen übrigens auch Teil der Telefon-Fraktion geworden ist, kaum nachvollziehbar.

Die Frage ist nun, ob die Kommunikation per Sprachnachrichten unglaublich effizient oder einfach nur Ausdruck großer Faulheit ist? Klar, während ich eine Sprachnachricht aufnehme, kann ich andere Dinge erledigen, mich halbwegs sicher fortbewegen etwa. Aber ich werde eben auch gezwungen, gerade bei längeren Nachrichten, ständig am Ball zu bleiben. Während ich eine Nachricht in 30 Sekunden lesen kann, brauche ich für das Audio über das Doppelte der Zeit (ja, ich habe das ausprobiert und ja, ich musste das wissen). Bei Nachrichten, die Teils an die 5 Minuten und drüber gehen, kann man sich den Zeitverlust nun ungefähr ausrechnen.

Die Generationenfrage

Sprachnachrichten sind dabei längst in den Kommunikationsalltag integriert. Schon 2014 wurden Schätzungen zufolge rund 200 Millionen Sprachnachrichten jeden Tag über WhatsApp verschickt (Text: 600 Mio., Video: 100 Mio.). Die Zahlen dürften heute noch weitaus höher liegen. Interessant wäre eine Aufschlüsselung nach Alter – die ist aber leider nicht aufzutreiben. Bleibt noch das subjektive Empfinden, wenn ich durch die Stadt laufe – und da sieht man eben zunehmend die Jugend mit dem Finger auf dem Display ins Mikro sprechen.

Sprachnachrichten

Die Welt dreht sich schneller als früher. Und die Sprachnachrichten sind nur ein kleiner Teil dieser Wahrheit. Gefühlt kommt es mir so vor, als sei es heute schwieriger für Erwachsene, die Welt der Kids zu verstehen als es das noch vor ein paar Jahren war. Der technische Fortschritt macht es möglich. Was nun nicht bedeutet, dass Kinder unter dem Aluhut aufwachsen sollten. Vielmehr sind die Erwachsenen in der Pflicht, sich noch intensiver in die neuen Welten hereinzuarbeiten. Und das kann, wenn ich das in meinem Alter schon sage, noch ganz schön anstrengend werden.

Damit der Text jetzt aber nicht ganz so ernst endet, noch ein kurzer Hinweis an den einen Freund mit den Sprachnachrichten.

Sprachnachrichten

Ausschnitt: „Prinz von Bel Air“

Wie sieht das bei euch aus? Nutzt ihr Sprachnachrichten? Habt ihr auch diesen einen Freund? Fällt euch dieser Trend auch zunehmend auf? Ich bin gespannt auf euer Feedback!


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Über den Autor

Tobias Gillen

Tobias Gillen ist seit August 2014 Chefredakteur und seit Mai 2015 Geschäftsführer von BASIC thinking. Erreichen kann man ihn immer per E-Mail oder in den Netzwerken.

27 Kommentare

  • Ich persönlich finde die Sprachnachrichten eine der besten Kommunikationsformen. Ich kann in kurzer Zeit viel Infos übermitteln, ohne umständlich auf dem Handy zu tippen. Im Gegensatz zu einem Anruf kann der Empfänger eine günstige Zeit wählen, und muß nicht sofort rangehen.

    Gerade für eine Übergabe am Abend, wo man noch mal schnell viele technische Infos an den Frühdienst übergeben möchte, eine gute Sache. Auch hier ist natürlich eine eMail für den Empfänger einfacher zu verarbeiten, aber wer schreibt schon nach 12 Stunden Einsatz um 03:30 Nachts noch zwei Seiten ausführlichen Text? Hier ist die Sprachnachricht die einfachste Möglichkeit einer nahtlosen Übergabe.

    Es gibt natürlich Situation wo ein Text besser ist, z.b. bei Zeiten, Orten, Telefonnummern etc. Hier verkompliziert eine Voicemail die Situation eher.

    Die optimale Lösung wäre eine brauchbare Texterkennung. Damit entfällt für den Sender das Tippen und für den Empfänger das Abhören. Das funktioniert schon ganz passabel, stößt aber bei technischen Infos, wo Deutsch, Englisch, Fachbegriffe und IPs gemischt werden, an seine Grenzen.

    Die Situation im Meeting kommt mir auch bekannt vor: „Schick mal als Text, kann es nicht abhören.“ Im Meeting gehört die Aufmerksamkeit den Anwesenden, die Nachricht kann warten. 🙂

    • Ja, mit SIRI und Co. wird sich zunehmend wohl ein guter Kompromiss finden, wenn sie besser und genauer werden. Ich finde das heute schon ganz passabel, solange man eben nicht – wie du ja auch schon sagst – mit Fachbegriffen um sich wirft.

  • Ja so habe ich den Trend auch schon beobachtet, selbst bei meinen Kindern. Und wenn die mir eine Sprachnachricht senden, reagiere ich einfach nicht, also sind meine Kinder tatsächlich gezwungen mir zu schreiben. Noch dazu kann ich mir nicht immer die Nachrichten durch Arbeit usw. anhören.

  • Ich hätte ja nie gedacht, dass ich mal was mit 12-jährigen Smartphone-Fanatikern gemeinsam habe. Aber ich glaube, ich bin auch so eine Sprachnachrichterin. Erstens, weil ich einfach nicht so schnell tippen kann wie ich will und dann noch ständig die falsche Sprache eingestellt habe, sodass alles immer zig Stunden dauert und zweitens weil ich so mit meinem Plappermäulchen tatsächlich viel mehr erzählen kann: http://meinleben.digital/kommunikation-digitale-nomaden/ – VIEL praktischer! Aber ich werde höllisch aufpassen, dir nie Sprachnachrichten zu schicken 😉

  • Sprachnachrichten sind so richtig nervig. Wenn ich jemanden in mein Ohr quasseln lassen will, rufe ich an.
    Der Sinn von Whatsapp ist nicht, Sprachfetzen rumzusenden. Ich ignoriere die Nachrichten seit Beginn konsequent.

  • Ganz ehrlich? Ich habe mich immer gefragt, warum die Leute sich gegenseitig die ganze Zeit quasi auf den Anrufbeantworter quasseln. Mit anrufen wäre man schneller am Ziel…

    Aber sicher, ich bin bisher nur sehr selten in einem Gruppenchat gewesen…

  • Sehr interessanter Artikel, Tobias.

    Mir persönlich war gar nicht so sehr bewusst, dass es eine Fraktion innerhalb der IM Nutzer gibt, die Sprachnachrichten als „schnellen Ersatz“ für kurz getippte Antworten nutzt. Deshalb fand ich es sehr interessant, von deinen Erfahrungen damit zu lesen. Auch fand ich die Vorstellung einer kurzen „Ja“ oder „Nein“ Sprachnachricht ebenfalls etwas absurd.

    Ich persönlich nutze Sprachnachrichten vor allem mit meiner, tausende von Kilometer entfernt wohnenden, engsten Freundin. Sie wohnt in Deutschland, ich in Vietnam. Wir benutzen zwar auch Skype, Wire oder andere Dienste (in der Tat probieren wir gerade viel Neues aus) einmal wöchentlich, möchten uns aber öfter auch zwischendurch an unserem Leben teilhaben lassen.

    Wir beide haben im Alltag wenig Zeit und erleben viele Dinge, die wir auch gerne miteinander kommunizieren. Anstatt dann sehr lange Texte zu schreiben, nutzen wir die Möglichkeit uns (auch sehr lange und viele) Sprachnachrichten zu senden. So kommt es, dass wir Sprachnachrichten als enorm praktisch empfinden.

    Bis auf unseren allwöchentlichen Skype-Termin bieten die Sprachnachrichten so eine gute Option, sich gerade komplexere Geschichten oder Probleme besser erzählen zu können. Natürlich könnten wir dies auch schreibend, aber es geht dabei vor allem auch um eine gewisse emotionale Komponente: Gesprochene Sprache transportiert Emotionen immer noch besser als Text.

    Was du geschildert hattest, dass man mal eben schnell eine Sprachnachricht schicken könne, wenn man mit etwas anderem beschäftigt sei, erlebe ich genau andersrum:
    Wir hören unsere Nachrichten teils bei ansonsten sehr langweiligen Tätigkeiten (wie Wäsche zusammenlegen oder so) ab. Allerdings widmen wir uns beim Sprechen besonders dem Gegenüber, auch wenn dieses die Nachricht zeitversetzt abhört.

    Das Problem der Länge und Komplexität beim Wieder-Antworten umgehen wir bei besonders langen Nachrichten (zusammen dann gerne mal 20-30 Minuten) mit Themenüberschriften, die wir zwischen den Nachrichten setzen. Dadurch können wir auf Themen besonders gut eingehen und müssen nicht noch einmal alles am Ende anhören. Bei sehr komplexen oder wichtigen Nachrichtenansammlungen schicken wir am Ende tatsächlich eine kleine Zusammenfassung. Diese enthält dann explizit die Bitte, auf bestimmte Themen einzugehen.

    Insgesamt finden wir beide Sprachnachrichten sehr gut und können so vor allem schwierige Themen besser kommunizieren. Allerdings muss ich hinzufügen, dass wir natürlich persönliche Gespräche bevorzugen. Diese dauern auch gerne mal mehrere Stunden und sind durch keinerlei Technik zu ersetzen 😉

    Viele Grüße,
    Etienne

  • Eigentlich stimme ich dir zu, irgendwie nerven Sprachnachrichten. Allerdings muss ich auch sagen, dass diese Sprachnachrichten die Kommunikation doch wieder vereinfachen. Denn wie oft kommt einfach völliger „Murks“ als Textnachricht an? Groß- und Kleinschreibung, Satzzeichen usw? Das fängt bei der Faulheit des Schreibers an und geht mit der Autokorrektur weiter. Bei diesem Misch-Masch kann ja kein vernünftiger Text herauskommen. Ich halte daher Sprachnachrichten tatsächlich für effizienter da ich die Leute _verstehe_ und nicht rätseln muss, was eigentlich gemeint ist.

    Und ja, schon die Tatsache, dass keine vernünftigen Nachrichten geschrieben werden können ist eigentlich schon traurig. Wie viel Nachfragen mir hätte erspart bleiben können.

    Spracherkennung ist ja auch problematisch, da eben nicht jeder sauberes Hochdeutsch oder das perfekte britische Englisch spricht. All diese Dialekte und Einflüsse auf die Sprache machen eine Spracherkennung zu einer hochkomplexen Aufgabe.

    Drastische Maßnahmen wie das Nichtbeantworten von Sprachnachrichten finde ich übrigens irgendwie „egoistisch“. Wenn, dann sollte man das dem gegenüber doch mitteilen, dass man eine geschriebene Nachricht präferiert. Und nur weil der eine Sprachnachricht schickt heißt das doch nicht, dass man auch eine schicken muss. Jedem so wie es ihm gefällt.

    Übrigens haben Sprachnachrichten gegenüber dem Telefonat immer noch einen Vorteil: Es ist eine asynchrone Kommunikation. Wie oft versuche ich jemanden zu erreichen oder jemand versucht mich zu erreichen, aber man hat das Smartphone gerade nicht bei sich, ist im Keller, hat keinen Empfang, ist im Meeting, beim Arzt, im Auto, trägt etwas mit beiden Händen, redet gerade mit jemanden, hat keine Lust?

  • Ich finde ein guter Mix ist es auf den es beim Sprachnachrichten versenden ankommt…

    Ich jetzt als 15-jähriger (daher auch zur entsprechenden Generation gehörend) mache es mit meinen guten Freunden meist so, dass wir tatsächlich noch bei Texten bleiben und die Sprachnachricht nur als Ergänzung dessen nutzen… z.B. um Geschichten zu erzählen oder komplexere Dinge zu erklären, da dies auch den Zeitaufwand beim Tippen der Nachricht verringert…

    Was ich als wirklich unnötig empfinde sind Sprachnachrichten mit einer Länge von über zwei Minuten, da könnte man dann wirklich auch mal anrufen…

  • Haha, der Artikel spricht mir ein wenig aus der Seele 😉 Ich frage mich oft wenn meine Freundin stundenlang auf dem Sofa sitzt und mit ihrer Freundin „WhatsAppt”, warum die beiden sich Sprachnachrichten hin und her senden, statt einfach nur anzurufen. Die Antwort ist meist so etwas wie: „Ja, stimmt eigentlich“… sie macht aber dann trotzdem weiter. Ähnlich so ist es auch bei meiner 67-jährigen Mutter. Ich selbst nutze WhatsApp nicht aus diversen Gründen. Ich brauche es einfach nicht und möchte die Fähigkeiten mich in echt ausdrücken zu können noch ne Weile behalten. Damit scheine ich ja nun schon zu den „Altmodischen“ zu gehören, naja was soll’s….

  • Ich habe zum Glück diesen einen Freund nicht bzw. noch nicht.
    Persönlich finde ich die Sprachnachrichten eher schrecklich und versuche sie zu meiden. Allerdings muss ich gestehen, dass ich sie ab und zu nutze, aber nur, wenn mir meine Nichte ( 1 1/2) und mein Neffe (3) Sprachnachrichten schicken, antworte ich mit Sprachnachrichten… .

  • Hallo Tobias,

    ich finde die Sprachnachrichten super nervig! Wenn man zuhause ist und eine bekommt ist das ja noch ok! Aber in der Öffentlichkeit finde ich es total bescheuert weil somit jeder es mitbekommt. Und darauf hab ich keine Lust!

    Liebe Grüße Sonja

  • Ich sehe das ähnlich wie Etienne: es kommt einfach darauf an, wofür man welchen Nachrichten-Typ nutzt, mit Sprachnachrichten kommuniziert man definitiv anders.

    Da ich seit etwas mehr als einem Jahr in China bin, kenne ich das Phänomen, das hier noch um einiges stärker ausgeprägt ist.

    Ständig sieht man Menschen beim Verfassen von Sprachnachrichten: auf der Straße, in der U-Bahn und sogar im Büro. Denn der WhatsApp-Konkurrent WeChat wird auch stark im beruflichen Bereich eingesetzt, ich selbst bin dort mit all meinen Kunden verknüpft und in einigen geschäftlichen Gruppen-Chats.

    Ich sehe schon einige Vorteile, vor allem, da niemand in China seine Zeit mit langatmigen Texten verschwenden will. 🙂

    Aber für mich persönlich ist das auch nix – bisher habe ich das nur ein paar mal getestet.

  • Mit einem Blackberry wäre das nicht passiert.
    Ich liebe es, dass ich blind tippen kann und mich mehr auf den Inhalt, als auf das Treffen der richtigen Touch-Tasten konzentrieren kann.
    Aber mir glaubt ja keiner 🙂

    Ich hasse es diese Sprachachrichten zu hören.

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