Kein Bock auf KI Künstliche Intelligenz Entscheidungen

Kein Bock auf KI? Deutsche wollen sich nicht erziehen lassen

Fabian Peters
Bild: DepositPhotos

Künstliche Intelligenz gehört inzwischen zum Alltag. Und mit ihr eine wachsende Skepsis. Gleich zwei aktuelle Studien kommen zu dem Schluss, dass die Deutschen gerne KI nutzen, ihr aber keine Entscheidungen überlassen wollen. Zumindest Letzteres ist positiv. Warum die anfängliche Euphorie kippt und was das für den Umgang mit KI bedeutet. Eine kommentierende Analyse.

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Hintergrund

  • Die Deutschen sind mittlerweile etwas skeptischer gegenüber Technologien geworden. Das ist eines der Ergebnisse des TechnikRadars 2026 der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften. Demnach glauben weniger Menschen als zuvor, dass Technologie zentrale Probleme der Menschheit lösen kann. Darunter: Armut, Hunger oder der Klimawandel. Vor allem der Einsatz von KI wird kritisch beäugt. Zwar nutzt jeder Dritte der Befragten Künstliche Intelligenz ohne Sorgen im Alltag, und sogar zwei Drittel halten KI im Gesundheitsbereich für sinnvoll. 85 Prozent der Nutzer stört es jedoch, wenn KI ihnen Entscheidungen abnimmt. Neun von zehn Befragten sind der Meinung, dass KI schlechter entscheidet als sie selbst.
  • Laut einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom haben rund drei Viertel der Nutzer Spaß an der Nutzung künstlicher Intelligenz. Für 41 Prozent sind KI-Modelle die erste Anlaufstelle für nahezu alle Fragen – noch vor klassischen Suchmaschinen. Indes: Mehr als 40 Prozent der Deutschen würden lieber in einer Welt ohne KI leben. Der Analyse zufolge integrieren Nutzer KI meist tief in ihren Alltag und stellen der Technologie ein überwiegend positives Fazit aus. Rund 26 Prozent der Befragten fühlen sich aber abgehängt. Fast genauso viele sind überfordert. Hintergrund: eine Mischung aus Skepsis, Unsicherheit und Ablehnung gegenüber der zunehmenden Verbreitung von KI. Die Ergebnisse spiegeln vor allem Sorgen über Kontrolle, Jobverlust und gesellschaftliche Folgen wider.
  • Aufgrund der zahlreichen Risiken und Gefahren dämonisieren viele Menschen Künstliche Intelligenz und nehmen eine Abwehrhaltung ein. Einer Studie zufolge machen sich die meisten Sorgen, ihren Job durch KI zu verlieren. Wie berechtigt diese sind, ist aber noch unklar. Klar ist hingegen, dass KI-Modelle zumindest die Arbeitswelt verändern werden. Weitere Sorgen sind der enorme Energieverbrauch von Rechenzentren sowie Desinformation. Doch KI-Modelle können auch positive Effekte haben – etwa durch Entlastungen im Gesundheitswesen, Fortschritte im Umweltschutz oder neue Zugänge zu Bildung.

Warum die KI-Skepsis ein gutes Zeichen ist

Die zunehmende Skepsis gegenüber KI ist kein plötzlicher Sinneswandel, sondern das Ende eines anfänglich übertriebenen Hypes. Denn nach Jahren unzähliger vollmundiger Versprechen und Horrorszenarien ist KI im Alltag angekommen. Und damit auch die Erkenntnis, dass sie kein digitaler Messias ist, sondern ein Werkzeug mit Risiken und Nebenwirkungen. Stichwort: Halluzinationen und Energieverbrauch.

Klar: KI kann vor allem bei der Verarbeitung großer Datenmengen äußerst hilfreich sein. Beispielsweise in der Forschung oder im Gesundheitswesen. Aber Algorithmen treffen auch fragwürdige Entscheidungen, helfen beim Basteln von Deepfakes oder verbreiten Falschinformationen zu Propagandazwecken.

Deshalb wird KI mittlerweile deutlich kritischer gesehen. Und das ist auch gut so! Ein Beispiel: Viele Menschen nutzen KI fast schon selbstverständlich, möchten aber nicht, dass Algorithmen zu viel Kontrolle übernehmen. Das ist keine Technophobie. Das ist ein berechtigter Wunsch nach Selbstbestimmung.

Die Debatte krankt aber häufig an Extremen. Während einige KI in den Himmel loben, verteufeln andere sie als Job- oder Klima-Killer. Dabei kann sie, richtig eingesetzt, in vielen Bereichen Vorteile haben – sogar beim Umweltschutz. Oder kurzum: Die Wahrheit liegt in der Mitte. Die Herausforderung besteht deshalb darin, zwischen berechtigter Kritik und reflexhafter Ablehnung zu differenzieren, um KI unter gewissen Spielregeln so und dort zu nutzen, wo sie gesellschaftlich sinnvoll ist. Denn zur Wahrheit gehört auch, dass KI nicht mehr verschwinden wird.

Stimmen

  • Felix Streiter, Geschäftsführer der Carl-Zeiss-Stiftung, in einem Statement: „Technologischer Fortschritt entfaltet sein volles Potenzial nur dann, wenn er dem Gemeinwohl dient. Die Ergebnisse des TechnikRadar 2026 zeigen: Die Menschen wissen, was auf dem Spiel steht. Jetzt ist es an Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, im Dialog mit den Menschen Zuversicht zu stärken und durch Technologien ermöglichte Fortschritte gut zu vermitteln.“
  • Ortwin Renn, wissenschaftlicher Co-Leiter des TechnikRadars 2026, schlägt in eine ähnliche Kerbe: „Wer Institutionen wenig vertraut, möchte stärker selbst mitentscheiden – das ist ein bekanntes Muster. Aber dies stellt Politik und Wissenschaft vor eine Herausforderung: Denn Bürgerbeteiligung kann nicht als Alternative zum wissenschaftlich-technischen Sachverstand und als Ersatz für politisch legitimiertes Handeln angesehen werden. Vielmehr müssen alle Beteiligten aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gemeinsam Zielkonflikte offen ansprechen und tragfähige Lösungen entwickeln.“
  • Ralf Wintergerst, Präsident des Digitalverbands Bitkom, in einem Statement: „Künstliche Intelligenz hat ein enormes disruptives Potenzial und verändert unseren Alltag und unsere Arbeitswelt in einem Tempo, das viele Menschen verständlicherweise verunsichert. Das beste Mittel gegen Verunsicherung ist Wissen. Wir brauchen flächendeckende Angebote, mit denen Menschen jeden Alters einen einfachen Zugang zu KI finden, von der Grundschule über die Berufsschule und den Arbeitsplatz bis zur Volkshochschule für Seniorinnen und Senioren. Ein digitaler Graben zwischen Menschen mit und ohne KI darf gar nicht erst entstehen.“

Vertrauen zurückgewinnen: Worauf es jetzt ankommt

Ob die Skepsis gegenüber KI weiter zunimmt oder sich einpendelt, werden nicht immer leistungsfähigere Modelle entscheiden. Vielmehr geht es um den tatsächlichen Nutzen. Und zwar nicht in dem Sinne, was möglich ist, sondern was wirklich sinnvoll ist.

Will heißen: Je transparenter Anwendungen und je klarer Verantwortlichkeiten und Regeln sind, desto eher kann verloren gegangenes Vertrauen zurückkehren. Umgekehrt wird aber jeder neue Missbrauchsfall die Zweifel weiter nähren. Entscheidend wird deshalb vor allem sein, wie gut Politik, Wirtschaft und Bildung den technologischen Wandel begleiten.

Wer lediglich sagt, dass man sich an KI gewöhnen müsse und den Einsatz nicht hinterfragt, wird Widerstand ernten. Wer sich hingegen befähigt, Chancen und Risiken selbst einzuschätzen, nimmt der Technologie ihren Nimbus – und zwar sowohl den verheißungsvollen als auch den dystopischen. Oder: Aufklärung ist am Ende wirkungsvoller als Alarmismus.

Die Frage lautet deshalb nicht, ob wir mit KI leben wollen, sondern wie. Wichtig wird dabei vor allem sein, Regeln zu etablieren, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen und nicht Großkonzerne oder technologische Möglichkeiten. Dann entscheidet nicht KI selbst über ihre gesellschaftliche Akzeptanz, sondern der Umgang mit ihr.

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Fabian Peters ist seit Januar 2022 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Redakteur und freier Autor tätig. Er studierte Germanistik & Politikwissenschaft an der Universität Kassel (Bachelor) und Medienwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin (Master).
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