ChatGPT zeigt jetzt auch Werbung in Deutschland an. OpenAI baut sein KI-Werkzeug für die Menschheit damit zunehmend in eine Werbeplattform um. Bis zu 900 Millionen Gratis-Nutzer weltweit könnten künftig Anzeigen im Chat sehen. Das Unternehmen verspricht zwar, dass die Werbung keinen Einfluss auf die Antworten hat. Doch der Schuss könnte nach hinten losgehen, zumal Forscher bereits vor subtilen Effekten warnen. Eine kommentierende Analyse.
Wie Werbung in ChatGPT funktioniert
- Seit dem 24. August 2026 schaltet OpenAI in Europa Werbeanzeigen in ChatGPT – in insgesamt 31 Ländern. Neben Deutschland, Österreich und der Schweiz befinden sich darunter unter anderem auch Frankreich, Spanien, Italien, Polen und die skandinavischen Länder. Dem Unternehmen zufolge sehen Nutzer der kostenfreien Version und der günstigsten Bezahlversion Go künftig Werbung im Chat. Die kostenpflichtigen Tarife Plus, Pro, Business, Enterprise und Edu sowie Nutzer, die OpenAI als minderjährig einstuft, sollen den Chatbot weiterhin werbefrei nutzen können.
- Werbung in ChatGPT ist nicht komplett neu. OpenAI hatte etwa bereits im Februar 2026 damit begonnen, testweise Anzeigen in den USA auszuspielen. Anschließend wurde das Angebot auf acht weitere Märkte ausgeweitet. Es heißt, dass Werbetreibende und deren Anzeigen keinen Einfluss auf die Antworten von ChatGPT haben. Werbung erscheine abgetrennt durch eine graue Linie unmittelbar unterhalb der eigentlichen Antwort. Sie soll zudem als „gesponsert“ gekennzeichnet werden. Anzeigen buchen können zunächst nur große Agenturpartner. Eine Selbstbedienungsplattform für kleinere Unternehmen soll später folgen.
- OpenAI hatte erst im Juli 2026 mit den Nutzungslimits in der Gratisversion von ChatGPT experimentiert. Seither gibt es kein reines Limit mehr für Textnachrichten. Offenbar nicht ohne Hintergrund. Denn: Die gängige Gratisversion von ChatGPT kann ab sofort Werbung enthalten. Laut OpenAI gibt es von nun an aber auch die Möglichkeit, in eine kostenlose Version zu wechseln, die keine Werbung enthält, dafür aber gewisse Limits und Nutzungseinschränkungen. In Europa soll es zunächst keine personalisierten Werbeanzeigen geben. „Sensible oder regulierte Themen“ wie Gesundheit und Politik bleiben laut OpenAI werbefrei.
Warum Werbung für ChatGPT zum Problem werden könnte
ChatGPT tischt regelmäßig zuverlässig absurde, erfundene oder gar schlichtweg falsche Antworten auf. Als würde das nicht schon reichen, serviert OpenAI im Chat jetzt obendrein auch noch Werbung. Dabei fühlen sich ohnehin schon immer mehr Nutzer von KI-Modellen genervt; ja gar besorgt.
Klar: Das Ganze hatte sich abgezeichnet und war zu erwarten. Irgendwie ist es auch nachvollziehbar. Was bei klassischen Suchmaschinen oder in sozialen Netzwerken mitunter noch funktioniert, könnte für OpenAI aber zum Verhängnis werden. Denn wer mit einer KI interagiert, erwartet Antworten und keine digitale Litfaßsäule.
Zugegebenermaßen scheint OpenAI endlich aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben. Sprich: ChatGPT wird nicht von heute auf morgen mit Werbung geflutet, sondern die Einführung erfolgt fast schon überraschend zurückhaltend. Dass vor allem sensible Bereiche wie Gesundheitsthemen außen vor sind, ist gut so. Man stelle sich etwa mal vor:
ChatGPT nutzt Unsicherheit und spärliche Informationen aus und schwatzt einem irgendwelche Saftkuren oder Nahrungsergänzungsmittel auf, die im geringsten Fall gar nichts bringen. Oder: Im schlimmsten Fall eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes. Nur, weil die KI mal wieder rumspinnt.
Ok, dazu gehört natürlich auch eine gewisse Eigenverantwortung. Indes: Auch große Plattformen wie Facebook haben mit kleinen Werbebannern angefangen; aber gerade einmal wenige Jahre gebraucht, um ihr Produkt dann mit Werbung zu überfrachten und zu ruinieren.
Genau deshalb sind Nutzungslimits vielleicht die smartere Alternative zu einer freien Nutzung. Zumal sinnloses Rumdaddeln mit dem Chatbot mit Blick auf den Energie- und Ressourcenverbrauch eigentlich nicht zeitgemäß ist. Im Gegensatz zu Anthropic hat OpenAI es zudem verpasst, rechtzeitig Unternehmenskunden anzuvisieren. Und damit den Bereich, in dem nicht nur das Geld liegt, sondern KI auch wirklich sinnvoll sein kann.
Stimmen
- In einer Podcastfolge des renommierten US-amerikanischen Informatikers Lex Fridman sagte OpenAI-Chef Sam Altman 2024: „Ich hasse Werbung irgendwie – einfach aus ästhetischen Gründen. Ich glaube, Werbung war im Internet aus vielen Gründen notwendig, um das Ganze erst einmal in Gang zu bringen, aber es ist eine vorübergehende Erscheinung. Die Welt ist heute vielfältiger. Mir gefällt es, dass die Leute für ChatGPT bezahlen und wissen, dass die Antworten, die sie erhalten, nicht von Werbetreibenden beeinflusst werden. Ich bin mir sicher, dass es eine Werbeform gibt, die für LLMs Sinn macht, und ich bin mir sicher, dass es einen Weg gibt, auf unvoreingenommene Weise am Transaktionsstrom teilzuhaben, der in Ordnung ist.“
- Alicia von Schenk, Professorin für Economics of AI and Human Behavior an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, gegenüber der Tagesschau: „OpenAI ist damit nicht völlig allein: Microsoft zeigt bereits Anzeigen in Copilot, und Google integriert Werbung in seine KI-gestützte Suche. (…) Anthropic hat ausdrücklich angekündigt, Claude werbefrei zu halten. Und Perplexity hat gesponserte Anschlussfragen zwar erprobt, den Werbeversuch aber inzwischen aus Sorge um das Vertrauen der Nutzer beendet.“
- Karoline Ströhlein, Wirtschaftswissenschaftlerin an der Universität Regensburg, betont, dass Werbung in ChatGPT sowohl für OpenAI als auch für Werbetreibende gleichermaßen interessant ist. Für Nutzer könne das aber zu einem Problem werden: „Eine aktuelle Studie zu Werbung in KI-Chatbots findet Hinweise darauf, dass verschiedene Modelle in Konfliktsituationen teilweise zugunsten kommerzieller Interessen handeln – etwa indem sie gesponserte, aber teurere Produkte empfehlen. (….) Anzeigen könnten bestimmte Marken oder Lösungen in den Vordergrund rücken und dadurch verändern, was Nutzer als Nächstes fragen. (….) Werbung könnte den Gesprächsverlauf somit auch dann beeinflussen, wenn sie nicht direkt in die Antwortgenerierung eingreift.“
Milliarden mit Werbeanzeigen: Kann das funktionieren?
OpenAI will mit Werbeanzeigen in ChatGPT seinen Umsatz ankurbeln. Angesichts von wöchentlich knapp 900 Millionen Free-Nutzern erscheint das zunächst einmal äußerst lukrativ. Auch zahlreiche Werbetreibende dürften bereits mit den Hufen scharen. OpenAI prognostiziert seinen Investoren aber Erwartungen, die das Unternehmen nicht einhalten können wird – zumindest nicht, solange ChatGPT nicht zu einem Reklameprospekt verkommen soll.
Oder in Zahlen: 2,5 Milliarden US-Dollar Werbeumsatz im laufenden Jahr, elf Milliarden US-Dollar 2027 und sogar 100 Milliarden US-Dollar im Jahr 2030. Klingt nach einem Luftschloss? Ist es auch! Marktforscher (€) prognostizieren zwar ein immer noch hohes, aber deutlich geringeres Umsatzpotenzial: 5,41 Milliarden US-Dollar mit Werbung bis 2030. Für alle Anbieter zusammen wohlgemerkt.
Die Wahrheit könnte wie so oft irgendwo dazwischenliegen. Sie hängt natürlich auch davon ab, wie Nutzer auf Werbung in ChatGPT reagieren und wie welche Anzeigen wann und wo integriert werden.
Oder: Werbung in ChatGPT wird für OpenAI keinen Goldrausch auslösen. Sie könnte aber zu einer zusätzlichen Einnahmequelle werden, zumal die Gratisversionen von OpenAI mit Blick auf die Rechenleistung und den Ressourcenverbrauch ohnehin eigentlich kaum zu finanzieren sind.
Das Unternehmen dürfte deshalb auch darauf hoffen, dass sich weitere Nutzer für ein kostenpflichtiges Abo entscheiden. Grund für die Einführung von Werbung und die exorbitant hohen Eigenprognosen dürfte zudem der angepeilte Börsengang von OpenAI sein.
Ganz risikofrei ist das Ganze aber ohnehin nicht. Denn neben genervten Nutzern droht dem Unternehmen auch ein Datenverlust. Etwa, wenn das Nutzererlebnis insofern verwässert wird, dass Konversationen aufgrund von Werbung abgebrochen werden. Denn dann fehlen OpenAI wiederum wichtige Kontextinformationen, die es sowohl für das KI-Training als auch für die Schaltung von Werbung braucht.
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