Bei einer Theaterinszenierung von Elfriede Jelineks „Unter Tieren“ passierte etwas Ungewöhnliches. Zum Ende der Vorstellung verschwanden die Schauspieler von der Bühne und Künstliche Intelligenz übernahm. Was ein dramaturgisches Experiment war, ist längst Teil einer größeren Entwicklung. Denn KI dringt in die Film- und Theaterbranche vor, von Netflix-Produktionen bis hin zu Hollywoods Regiestühlen. Als kreatives Werkzeug kann das bereichernd sein. Aber wenn KI Menschen ersetzt anstatt unterstützt, nimmt die Entwicklung eine falsche Richtung. Eine kommentierende Analyse.
Als Regisseur, im Film und auf der Bühne: Wo KI bereits zum Einsatz kommt
- In dem Buch „Unter Tieren“ von Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek debattieren Tiere über den modernen Finanzkapitalismus und versuchen ihn zu verstehen; schaffen es aber nicht. Die Wirtschaftskomödie zeigt die Abgründe der Gesellschaftsordnung auf. Regisseur Nicolas Stemann hat das Stück mit Schauspielern auf die Theaterbühne gebracht. Gegen Ende der Uraufführung bei den Salzburger Festspielen taten sich große Löcher auf, die das Ensemble verschluckten. Dann übernahm Künstliche Intelligenz live das Ruder. KI-Modelle diskutierten über das Regiekonzept und erstellten Bild- und Tonprojektionen – ohne die Darsteller. Bekannte Namen wie US-Technologieinvestor Peter Thiel, Porsche und der österreichische Ex-Kanzler Sebastian Kurz bekamen ihr Fett weg. Im September und Oktober ist das Stück am Wiener Burgtheater zu sehen.
- Auch in zahlreichen Serien und Filmen kommt bereits KI zum Einsatz. Netflix hat etwa eingeräumt, Künstliche Intelligenz bei Hunderten Produktionen als Werkzeug genutzt zu haben. Starregisseur Roland Emmerich hat derweil verraten, dass er einen KI-Film drehen will. In welcher Form genau konkretisierte er aber nicht. Ob es sich um Animationen, Figuren, Ideenfindung oder die Produktion handeln soll, ist also unklar. Klar hingegen ist, dass Emmerich das Drehbuch weiter in seiner Hand halten will. Auch Regisseur Martin Scorsese zeigt sich gegenüber dem Einsatz von KI als Werkzeug offen. Andere Filmschaffende wie Guillermo del Toro und Steven Spielberg lehnen Künstliche Intelligenz hingegen entschieden ab.
- KI beschäftigt die Filmbranche bereits seit geraumer Zeit. Zwischen zahlreichen deutschen Synchronsprechern und Netflix tobt etwa schon seit längerem ein Streit, weil das Unternehmen ihre Stimmen für das Training von KI-Modellen nutzen will. Erste bekannte Schauspieler wie Russell Crowe haben aufgrund eines Boykotts bereits ihre bekannte deutsche Stimme verloren. Auch die künstlich generierte KI-Schauspielerin Tilly Norwood hat innerhalb der Branche für einen Aufschrei gesorgt. Schon bald soll sie ihre erste Hauptrolle erhalten.
Warum KI nur als Werkzeug eine Daseinsberechtigung hat
Erst kürzlich wollte ich mir aus beruflichem Interesse einen indischen Horrorfilm auf YouTube angucken, der fast vollständig mithilfe von KI generiert wurde. Im Vorwort war von einem Geschenk an jeden armen Filmemacher die Rede. Nach wenigen Minuten habe ich ausgeschaltet. Der Film ist darstellerisch wirklich der Horror; wie ein unliebsames Geschenk zu Weihnachten.
Für Filmemacher mit geringem Budget mag das aber tatsächlich nicht unbedingt gelten. Denn KI birgt die Chance, Ideen zu visualisieren. Als eine Art Exposé, um vielleicht bei Produzenten vorstellig zu werden und das nötige Kleingeld für einen echten Film herauszuschlagen. Oder kurzum: als unterstützendes Werkzeug.
Und als nichts anderes hat KI meiner Meinung nach in der Film- oder Theaterbranche eine Daseinsberechtigung. Wobei man natürlich differenzieren muss. Auf der Bühne wie bei Stemanns Inszenierung „Unter Tieren“ ist sie ein dramaturgisches und abstraktes Element. Sie wurde dezidiert als berechtigte Komponente und als Teil der Aufführung eingesetzt. Im Theater ist das aber natürlich nur in Form von Visualisierungen möglich.
Auch in Serien und Filmen kann KI eine Daseinsberechtigung haben. Etwa, für bestimmte Animationen oder um Gesichter verschiedener Schauspieler auf Leinwand und Bildschirmen weiterleben zu lassen. Stichwort: CGI. Urheberrecht vorausgesetzt!
Vielleicht kann Künstliche Intelligenz auch eine Rolle in Animationsfilmen einnehmen, die es ja schon vor dem großen KI-Hype gab. Bei künstlich generierten Szenen, gar ganzen Filmen oder Serien, die Schauspieler, Synchronsprecher, Autoren oder Regisseure in ihrer beruflichen Existenz bedrohen oder ihr künstlerisches Schaffen in Form von KI-Training und Urheberrechtsverletzungen ausbeuten, hört der Spaß aber auf.
Stimmen
- Regisseur Nicolas Stemann zum KI-Teil seiner Inszenierung von „Unter Tieren“: „Das hat auch etwas extrem Melancholisches, wenn man auf so eine leere Bühne schaut und merkt, die Spielenden sind weg. Wenn die KI darüber diskutiert, ‚Braucht man im Theater eigentlich Schauspieler‘, diskutiert sie im Kern darüber, ‚Braucht man Menschen?‘ Solche Diskussionen gibt es. Die Alarmist:innen unter den KI-Expert:innen geben uns höchstens drei Jahre, bis eine Super-KI entstanden ist, die dann – aus nachvollziehbaren Gründen – drauf kommt, es wäre besser ohne Menschen.“
- Regisseur Roland Emmerich in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeine Zeitung (€): „Ich beschäftige mich mit dem Zeitgeist, auch deswegen bleibe ich kreativ. Es existieren viele Drehbücher von mir, die nie verfilmt wurden und die ich jetzt vielleicht mit KI umsetzen kann. (… ) Ich will das erst einmal mit einer sehr emotionalen Szene ausprobieren, und dann werde ich mich entscheiden. (… ) Action wird kein Problem sein. Aber emotionale Figuren mit guten Dialogen? Da bin ich mir noch nicht sicher.“ Emmerich sehe KI grundsätzlich nicht als Bedrohung, sondern als Chance.
- US-Regisseur Steven Spielberg ist anderer Meinung. In einem Interview mit dem Stern (€) sagte er: „Es gibt einen Platz für KI in der Medizin und in der Forschung. Aber ich nutze KI nicht mal als Werkzeug für Recherche. (… ) In meinem Film gibt es keine von KI generierten Spezialeffekte.“ Laut Spielberg könne KI allenfalls bei der Organisation von Produktion und der Budgetplanung sinnvoll sein. „Aber wenn ich mit fünf Autoren in einem Raum sitze, gibt es für KI keinen Platz an diesem Tisch. (… ) Hollywood muss verhindern, dass KI uns ersetzt.“
Wann kommt der erste kommerzielle KI-Film?
KI wird die Film- und Theaterbranche weiter auf Trab halten. Gute Inszenierungen und Produktionen werden aber weiterhin von Menschen und vor allem menschlicher Kreativität leben. Denn: Künstliche Intelligenz kennt und hat keine Emotionen. Sie simuliert sie lediglich. Gewissermaßen wie ein Schauspieler; nur eben ohne Gefühle und Seele.
Auf der Theaterbühne wird KI sicherlich hin und wieder mal vorkommen und als dramaturgisches Element bei Inszenierungen nützlich sein und sie kreativ beleben. Vor allem die Filmbranche wird aber zunehmend KI einsetzen; primär, um Kosten zu sparen. Geht es um künstlich generierte Darsteller à la Tilly Norwood, die so tun, als wären sie echte Menschen, und echte Existenzen bedrohen, läuft die Entwicklung meiner Meinung nach aber in eine falsche Richtung.
Indes: Irgendwann wird es vermutlich so weit sein. Der erste kommerzielle KI-Film wird die Leinwand oder Bildschirme erobern. Und irgendwann wird die Technologie auch so weit sein, dass sich KI-Produktionen von klassischen Produktionen kaum noch unterscheiden lassen. Sie werden als KI-generiert gekennzeichnet sein; zumindest in der EU. Und das ist auch gut so!
Es wird Menschen geben, die sich solche Inhalte angucken werden; ja sie vielleicht sogar gut finden. Auf TikTok ging beispielsweise bereits die KI-Animationsserie Fruit Love Island viral – inklusive sexistischen, diskriminierenden und patriarchalischen Darstellungen. Leider fand sie großen Anklang.
Letztlich wird der Einsatz von KI aber sowohl auf der Theaterbühne als auch in Filmen und Serien davon abhängen, wie gut die Qualität ist – und vor allem: ob der künstliche Kontext an sich überhaupt angenommen wird.
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