Googles neue Datenschutzerklärung ist böse. Richtig, richtig, richtig böse

Jürgen Vielmeier

Wenn jemand etwas Unbequemes tut und damit vorab an die Öffentlichkeit geht, dann gibt es immer zwei Seiten der Medaille. Das Unternehmen lobt natürlich sein eigenes Produkt und weist auf die vielen Vorteile hin; die Gegner deuten wütend auf die Nachteile. Im Falle von Googles neuer Datenschutzerklärung überzeugt mich beides nicht.

Die neue Erklärung tritt am 1. März in Kraft. Ohne ihr zuzustimmen, wird man anmeldepflichtige Google-Dienste nicht mehr nutzen können. Die einzige Alternative ist, sie abzulehnen und sein Google-Konto zu löschen. Tritt ein oder geh, mehr Möglichkeiten gibt es nicht. Google legt damit seine gut 60 derzeitigen Datenschutzerklärungen zusammen und macht eine daraus. Lediglich der Browser Chrome, das Betriebssystem Chrome OS, Google Wallet und Google Books sind nicht davon betroffen. Google lobt die Vorteile des Ganzen, Kritiker monieren, Google sei böse geworden, jetzt ganz offiziell.

Im Googleversum ist keiner mehr anonym

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Der Suchriese will sich mit der Datenschutzerklärung nun auch die rechtliche Grundlage dafür holen, um seine Dienste zu kombinieren: YouTube, Adsense, GMail, Suche, Google Plus, Docs – alle Daten werden verknüpft. Wer beobachtet hat, wie sich Dienste wie der Google Reader und Google Mail in den vergangenen Monaten schon optisch angenähert haben und das Social Network Google Plus künftig in die Suche integriert wird, den sollte das nicht sonderlich überraschen. Google hebt hervor, dass man damit etwa bessere Suchergebnisse erzielen könne. Wer mit dem Android-Handy über Latitude schon einmal irgendwo in Essen eingecheckt hat, bei dem könnte Google künftig „ahnen“, dass man nicht nach Mahlzeiten sucht, wenn man „Essen“ in die Suche eintippt. Technisch eigentlich gar keine üble Sache.

Mit Hinblick auf den Datenschutz schon eher, könnte man annehmen. Denn ist die neue Erklärung erst einmal in Kraft, ist es zumindest im Google-Universum mit der Anonymität vorbei. Dann sammle Google alle Daten über uns an einer Stelle, monieren Kritiker. Und Google wisse künftig ganz genau, dass es der gleiche Mensch ist, der Mails über Amsterdam schreibt und sich auf YouTube Pornovideos anschaut. Google verkaufe damit seine eigenen Ideale, mosert etwa David DiSalvo auf Forbes. „Don’t be evil“ gelte nicht mehr, schreibt auch Mat Honan auf Gizmodo.

Ein paar Dinge scheinen die Kritiker dabei aber übersehen zu haben, und es klingt mir ein bisschen zu sehr nach gespielter Entrüstung. Zunächst einmal kann ich auch ab dem 1. März noch Google-Dienste wie die Suche oder YouTube nutzen, ohne mich anzumelden. Es bleiben da wenige Dienste übrig, aber es sind meines Erachtens die wichigsten und die, für die es zur Zeit noch wenig gute Alternativen gibt. Google sammle dann all unsere Daten an einer Stelle, echauffieren sich die Kritiker. Also bitte, was hat Google denn bisher gemacht? Auf dem Google Dashboard etwa erfasst Google schon heute, welche Dienste mit meiner Person verknüpft sind. Und da sollen bislang keine Daten verknüpft gewesen sein?

Wer nachlässt, den bestraft der Markt

Google habe aber jetzt seine eigenen Ideale verkauft und sei böse geworden, lautet die Kritik. Ach Gott. Google bietet die große Mehrheit seiner Dienste kostenlos an, misst sich mit Branchenkrösus Apple und musste Wege finden, Geld zu verdienen. Dass da nicht die Heilsarmee am Werk ist, sollte jedem klar sein. Noch ein weiterer Vergleich: Google vereint also jetzt die Datenschutzerklärungen und verknüpft die Daten von Diensten wie Mail, Docs, Google Plus, Groups und Mobile. Was bitte unterscheidet das von Facebook? Auch hier gibt es nur eine Datenschutzerklärung, und die wird den Nutzern – anders als bei Google – nicht transparent vorgelegt, sie wird in der Regel durch die Hintertür durchgeschoben.

Aber dann war da doch die böse soziale Suche, in der Google nicht mehr die relevantesten Ergebnisse anzeigt, sondern die eigenen hervorhebt? Mag sein, aber damit schadet Google vor allem sich selbst. Wie viel ist denn die beste Suchmaschine der Welt noch wert, wenn sie Suchergebnisse nicht mehr nach Relevanz gewichtet, sondern die schlechteren hervorhebt? Das wäre, als würde ein Autohändler seinen Kunden nicht mehr die besten Modelle verkaufen, sondern plötzlich die dritt- und viertbesten anpreisen. Das würde den Kunden irgendwann Spanisch vorkommen und sie würden sich nach anderen Autohändlern umsehen. Und wenn es keine anderen gibt? Dann kommt vielleicht ein neuer Trend, der die leidige Websuche ersetzt, oder ein neuer Player, der die Google-Suche in den Schatten stellt. So wie Google einst Altavista und die Yahoo-Suche überflüssig machte. Datenschutzerklärungen? Interessieren beim Rennen um die erfolgreichsten Webdienste schon lange niemanden mehr.

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(Jürgen Vielmeier, Bilder: Google)

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Jürgen Vielmeier ist Journalist und Blogger seit 2001. Er lebt in Bonn, liebt das Rheinland und hat von 2010 bis 2012 über 1.500 Artikel auf BASIC thinking geschrieben.