Wie man ein Apple-Gerücht in die Welt setzt und die halbe Technikwelt damit narrt

Vielleicht habt ihr an anderer Stelle in den vergangenen Tagen auch davon gelesen: Apple könnte an einer asymmetrischen Schraube mit einem völlig neuen Gewinde arbeiten. Aufgrund der Form der Schraube können nur Apple-Techniker mit Spezialwerkzeug diese Schrauben in eurem MacBook oder iPhone verschrauben. Apple – noch mehr auf dem Weg zu einem abgeschotteten Ökosystem.

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Die Nachricht war vage, eins von vielen Gerüchten im Vorfeld des möglichen Starts eines neuen iPhones. Jetzt hat sie sich als falsch herausgestellt. Mehr noch: Es war ein Experiment. Die schwedische Designfirma Day 4 wollte testen, wie wir heute Informationen verarbeiten, aufnehmen, weiter verbreiten. Und wie wir auf Gerüchte hereinfallen.

Das Kochrezept für den Hype war so simpel, dass es fast lachhaft ist: Day4-Mitarbeiter erstellten mit Hilfe von CAD das Design einer ungewöhnlichen Schraube. Das Bild schickten sie sich selbst per E-Mail zu, fotografierten die Mail mit geöffnetem Foto vom Bildschirm ab, schwärzten ein paar Namen und stellten dieses Bild bei Reddit ein. Überschrift: “Ein Freund nahm vor Kurzem dieses Foto in einer gewissen Obstfabrik auf, sie arbeiten offensichtlich sogar schon an ihren eigenen Schrauben.”

Danach mussten die Day4-Mitarbeiter nur noch ein wenig warten. Das Blog “Cult of Mac” schrieb keine zwölf Stunden später als erstes über die mysteriöse Schraube, fügte die Bezeichung “Top Secret” mit ein und schon war der Bann gebrochen. Zahlreiche weitere Blogs und Nachrichtenmagazine nahmen das Gerücht auf, analysierten es, fragten vermeintliche Experten und Kenner der Szene, und die Nachricht verbreitete sich weiter durch die Technikpresse. Wie Day4 im eigenen Blog beschreibt, schrieben die Journalisten und Blogger fast ausnahmslos, dass es sich dabei um ein vages Gerücht handle – was sie nicht davon abhielt, darüber zu berichten und die möglichen Folgen zu analysieren.

Leser sprachen von dem Gerücht, als wäre es bereits Fakt

Interessant und ein wenig beängstigend hingegen die Reaktion der Leser: Die Kommentatoren spalteten sich sofort in zwei Lager. Die einen, die die Nachricht schnell als “Fake” bezeichneten ohne dafür einen Beweis zu haben, und solche, die die Nachricht als echt betrachteten. Schwarz oder weiß, “es gab keine Grauzone”, schreibt Lukasz Lindell im Day4-Blog. Schlimmer noch: Geschätzte 90 Prozent hielten die Schraube für echt, nur 10 Prozent äußerten Zweifel. Und je häufiger die Nachricht verbreitet wurde, desto mehr schienen Leser sie als Fakt zu betrachten: Apple stellt asymmetrische Schrauben her.

Machen wir uns nichts vor: Wir alle lieben Gerüchte und hin und wieder schreiben wir über welche. Im Prinzip ist dagegen auch nichts einzuwenden, zumal sich einige später als wahr herausstellen. Der Journalismus hat sich dahingehend verändert. Früher hatte er vielleicht einmal den Anspruch, einen Ausschnitt der Wahrheit zu liefern. Heute liefert er den Lesern Anregungen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Gepeinigt von Auflage, Quotendruck, Page Impressions oder Unique Visitors berichten Journalisten und Blogger über das, was die Leser gerne hören wollen. Eine Meinung sollen sich die Rezipienten selbst bilden. Das ist ein Unterschied zu früher, den viele Menschen offenbar noch nicht verinnerlicht haben. Das Experiment von Day4 sollte deswegen als Warnung dienen. Danke dafür!

(Jürgen Vielmeier, Bild: Day4)

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9 Kommentare

  1. Frank Schenk

    Wie doof muss man sein, um das für eine Schraube zu halten? Heutzutage werden doch nur noch selbstschneidende Schrauben fürs Plastik verwendet (die mit dem messerscharfen Gewinde) oder Mutter-Schraubverbindungen wobei die Mutter gleich ins Plastik eingegossen wird und das Gewinde nicht ganz so scharf ist. Wie soll oben gezeigte Schraube etwas halten mit der schmalen Flanke und vor allem in welches Gewinde soll die passen, dafür gibt garkeine passenden Gewindeschneider…

    Jaja, man muss nur “Äpfel aus Cupertino” dranschreiben, schon hüpfen alle drauf m(

  2. Mika B.

    Das klingt irgentwie immer nach den streng geheimen “Wunderwaffen” aus dem 3. Reich , in der Neudefinition dann frei nach der Fernsehserie “Eureka”. Also Cupertino – als eine Art “Apple-Eureka” für die Fanboys ;-)

  3. Negativity

    blog-trolling auf höchstem niveau. :D

    nächstes experiment: kann man das geschäfsmodell von gerüchte-blogs zerstören, wenn man nur genug falsche gerüchte streut?

  4. Matthias

    Der “Journalismus” ist auch nicht mehr das was er einmal war. Heutzutage werden Pressemitteilungen ungelesen übernommen und die Inhalte aus dem Internet -r-e-c-h-e-r-c-h-i-e-r-t- kopiert.

  5. Claudia

    Köstliche Geschichte, ich habe sie auch schon irgendwo aufgeschnappt gehabt aber die Hintergrundinfos haben mir gefehlt.Wirklich erstaunlich, wie leicht sich so eine virale Geschichte produzieren lässt!

  6. Vinothek Bauer

    Das Auge sieht, der Verstand bestätigt und schon wird einem Gerücht Raum gegeben. Was sollte auch dagegensprechen. Es ist im Internet wie im wahren Leben, eine Sinnestäuschung wird Wirklichkeit ;-)

  7. rasenmäher

    leutz, man nennt das “urban legends” und die ganze welt ist voll davon ;-)

    Über dinge wie einen 5 mio $ Nasa-Kugelschreiber der in schwerelosigkeit schreibt (die russen hätten einen bleistift dafür benutzt) haben soagr seriöse zeitungen berichtet…

    Es muss nur halbwegs den eigene vorurteilen gerrecht werden etc etc und schon ist’s in der welt. Ist so alt wie das lagerfeuer an dem Geschichten erzählt werden. Und jeder will sie spannendste gschicht weiter erzählen. nur mit blogs und FB gehts halt schneller.

  8. Jürgen Vielmeier

    @Zippo: Ich hab darüber geschrieben und die Leser haben sich eine Meinung dazu gebildet. Stimmt doch alles. ;)

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