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Abstiegskampf 1998/99: Die legendäre Radiokonferenz

erinnert Ihr Euch? 1998/99? Fußballbundesliga. Letzter Spieltag. Für 5 Mannschaften steht es auf Messers Schneide, wer dritter Absteiger wird. Wikipedia: Zwischen dem 1. FC Nürnberg, dem VfB Stuttgart, dem SC Freiburg, Hansa Rostock und Eintracht Frankfurt musste der dritte Absteiger ermittelt werden.

Und anbei der überaus dramatische Verlauf, bei dem es ständig hin und her ging. Ich hatte schon damals geschrieben, dass ich zu der Zeit im Auto saß und nicht mehr weiterfahren konnte vor Aufregung. Ich bin wie viele andere auch auf einen Parkplatz herausgefahren, so gezittert hatte ich. es war unmöglich, normal weiterzufahren. Und wir alle schrien uns dort am laufenden Band die Seelen aus dem Leib:

* 68. Minute

Zu diesem Zeitpunkt deutete viel auf einen Abstieg Frankfurts, ohnehin mit den geringsten Chancen in diesen Spieltag gegangen, hin: Die drei direkt vor Frankfurt platzierten Vereine lagen in ihren Spielen in Führung: Stuttgart mit 1:0 gegen Bremen, Rostock mit 1:0 in Bochum, Freiburg mit 2:0 in Nürnberg. Der Club wiederum schien trotz des Rückstands gerettet, denn für den Abstieg Nürnbergs hätte nicht nur Nürnberg selbst verlieren und Rostock in Bochum gewinnen müssen, sondern vor allem Frankfurt gegen Kaiserslautern mit drei Toren Differenz gewinnen müssen, wenn es beim 0:2-Rückstand Nürnbergs geblieben wäre. Die Eintracht, die mit 5 Toren Unterschied hätte gewinnen müssen, um den Klassenerhalt aus eigener Kraft zu schaffen, führte zwar zunächst gegen Kaiserslautern, doch die Roten Teufel, die noch die Teilnahme an der Champions League erreichen konnten, glichen nach 68 Minuten aus, es stand 1:1 – zu wenig für Frankfurt. Doch nun, in den letzten zwanzig Minuten der Saison, begannen sich die Ereignisse zu überschlagen:

* 70. bis 74. Minute

Frankfurt ging gegen Kaiserslautern wieder in Führung (70. Spielminute). Als Bochum fast gleichzeitig gegen Rostock aus einem 0:1 ein 2:1 (71. und 74.) machte, wäre Rostock abgestiegen und Frankfurt gerettet gewesen.

* 77. bis 82. Minute

Rostock glich wieder aus (77.), das hätte aber zu Rettung nicht gereicht, erst recht nicht, als Frankfurt unter großem Jubel des Publikums zwei weitere Tore schoss (80. und 82.) und beim Spielstand von 4:1 jetzt sogar Nürnberg im Hinblick auf die Tordifferenz ein- und wegen der mehr geschossenen Tore auch überholt hatte. Zu diesem Zeitpunkt wäre nach wie vor Hansa Rostock abgestiegen, denn die Ostseestädter brauchten zu diesem Zeitpunkt einen Sieg.

* 83. Minute

Rostock ging in Bochum erneut in Führung. Dadurch wären die Hanseaten gerettet gewesen und plötzlich wäre Nürnberg, das immer noch 0:2 gegen Freiburg zurücklag, abgestiegen.

* 85. Minute

Nürnberg schoss das 1:2, und obwohl die Franken noch immer zurücklagen, hätte sie dieser Spielstand gerettet, denn nun hatten sie die bessere Tordifferenz gegenüber der Frankfurter Eintracht, der auch ein hoher 4:1-Sieg gegen Kaiserslautern nun nichts mehr genutzt hätte.

* 89. Minute

Frankfurts Jan Åge Fjørtoft gelang nach einem Alleingang und einem phantastischen Übersteiger doch noch das unglaubliche 5:1 gegen Kaiserslautern – und damit die Rettung Frankfurts vor dem Abstieg. Nürnberg, das nun wieder abgestiegen wäre, erhielt jedoch fast gleichzeitig eine letzte Chance: Nach einer Kopfballabwehr der Freiburger rauschte Marek Nikl aus dem Hintergrund an und drosch den Ball mit einem Distanzschuss an den Pfosten. Der Abpraller fiel Nürnbergs Frank Baumann vor die Füße, dieser schaffte aber aus kurzer Entfernung das Kunststück, den Ball dem Freiburger Keeper Richard Golz in die Arme zu schießen. Der Ausgleich hätte wiederum Frankfurt zum Abstieg verurteilt.

So aber blieb es bei der Nürnberger Niederlage, und da Rostock 3:2 in Bochum und Frankfurt 5:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern gewann, musste am Ende der 1. FC Nürnberg absteigen. Der Club, der vor dem letzten Spieltag – mit drei Punkten und fünf Toren Vorsprung auf einen Abstiegsplatz auf Platz 12 stehend – beste Chancen auf den Klassenerhalt zu haben schien, hatte am Ende die gleiche Tordifferenz wie die Frankfurter Eintracht, die aber vier Tore mehr geschossen hatte als die Nürnberger.

Dieser letzte Spieltag der Saison war zugleich eine Sternstunde der Bundesligakonferenz im Radio. Die Reporter Manfred Breuckmann in Bochum, Günther Koch in Nürnberg und Dirk Schmitt in Frankfurt schafften es, die Dramatik der sich überschlagenden Ereignisse intensiv zu vermitteln, ihre mitreißende Reportage wurde preisgekrönt.

Ja, diese legendäre Radiokonferenz. War zu faul, beim HR3 um Erlaubnis nachzufragen, die MP3-Files bekommen zu können. Habe sie aber auf YouTube gefunden. Here we go:

Und der Fernsehbericht:

Hands down, es gab nie zuvor und nie danach so einen dramatischen Abstiegskampf zwischen so vielen Mannschaften und mit so vielen Wendungen. Absolute Spitzenklasse! Jan Åge Fjørtoft ist seitdem ein Gott in Frankfurt. Und die Art war mal saucool, wie er das Ding reingemacht hat, Wahnsinn (oben im TV-Video bei 4:30). In der 89. Minute, Frankfurt ist abgestiegen, er hats auf dem Fuß, letzte Spielminute der regulären Spielzeit, er läuft auf den Torwart zu, macht nen Übersteiger und peng. Irre, Irrsinn, Wahnsinn! Und rettet damit die SGE vor dem Abstieg! Aber zugleich ist Frank Baumann/Nürnberg eines der tragischten Spieler aller Zeiten (im Video ab 6:30). Muss man gesehen haben!

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Über den Autor

Robert Basic

Robert Basic ist Namensgeber und Gründer von BASIC thinking und hat die Seite 2009 abgegeben. Von 2004 bis 2009 hat er über 12.000 Artikel hier veröffentlicht.

13 Kommentare

  • Total Recall! Danke für den Flashback in die Hölle! Ich war damals im Frankenstadion! Wirklich die Hölle! Der Club hatte vor dem Spiel noch die Dauerkarten-Briefe versendet, die mit den Worten anfingen:
    „Nachdem wir die vergangene Saison erfolgreich abgeschlossen haben…. Ihr Michael A.Roth“

    Der Glubb is a Depp

  • Ich war damals im G-Block im Waldstadion, Kopfhörer vom Radio im Ohr, emotionale Berg- und Talfahrt.

    Das Stück „heiliger Rasen“ von damals ist immer noch in Mutters Garten verpflanzt 😉

  • Also Höhepunkte der Vereinsgeschichte gab es ganz andere, das lass dir mal gesagt sein Fragezeichner. Da wären die gewonnene Meisterschaft und die beiden Halbfinals gegen Glasgow sowie das Pokalfinale der Landesmeister gegen Real Madrid.

    Aber das Adrenalin bildete an dem Tag sicher eine Dunstglocke über Frankfurt – das wohl.

  • Danke für die nette Erinnerung, das war der totale Wahnsinn, was da ablief. Selbst als leidgeprüfter Eintrachtfan war das nah am Herzinfarkt. Jan Aage ist Kult seitdem und das völlig zu Recht.

    Ist das Zufall, dass du das Thema genau jetzt bringst ? Das passt irgendwie gut aktuell zur Eintracht. Auch wenn die Dramatik seinerzeit eine völlig andere war, aber das Cottbus-Spiel hatte eine gewisse Ähnlichkeit 😉

    Irgendwie fehlen mir diese Typen heute: Jan Aage, Schui, Zico …
    Trotzdem: Nein, früher war nicht alles besser 😉

  • Oh ja… danke für die Erinnerung! 🙂
    Für mich als alten Hansa- Fan war das damals ein unvergesslicher Tag. Nürnberg, die ja die besten Chancen gehabt hatten, den Abstieg zu verhindern, schafften eben genau das nicht mehr und wir Ostseestädter feierten natürlich mehr oder weniger mit den Franken (nicht) mit!! 😉

  • Danke… immer wieder Gänsehaut!!

    und dann dieses geile Tor von Jan Aage und die Schneider Dinger davor!!
    alles verrückt!!! Dirk Schmitt ist und bleibt der bestee Radio Kommentator den ich kenne: Ich kann den kompletten Text auswendig…

    „5:1 HERRJEEE! WELCHE LEISTUNG!“

    passend:

  • und richie golz sagte nachher „hätte ich gewusst, dass die in frankfurt so viel tore schießen, hätte ich den ball durchgelassen“ (oder so ähnlich). duselfrankfurter. duselfrankfurter. aber fjörtof is schon einer.

  • kickersofc [www] schrieb am 29.10.2008, 18:01:
    „und richie golz sagte nachher “hätte ich gewusst, dass die in frankfurt so viel tore schießen, hätte ich den ball durchgelassen” (oder so ähnlich).“

    Wenn das wirklich stimmt, was Herr Golz gesagt hat, so sollte man ihn nachträglich vor ein Sportgericht stellen.
    Das ist an Unsportlichkeit nicht mehr zu übertreffen und ein klarer Beweis dafür, dass Nürnberg und Freiburg vorn vornherein beabsichtigten, sich den Ball hin und her zu schieben, um sich nicht gegenseitig weh zu tun.
    Denn einer, entweder Frankfurt oder Rostock wird ja dann wohl absteigen.

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