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Kosten-Irrsinn: Erneuerbare günstig, Strom aber teuer – wie kann das sein?

Fabian Peters
Bild: DepositPhotos

Strom ist in Deutschland so teuer wie fast nirgendwo sonst in der EU. Aber nicht, weil die Energiewende zu viel kostet, sondern weil der Staat falsche Preissignale setzt. Während Haushalte pro Kilowattstunde Strom 12,6 Cent an Steuerabgaben zahlen, sind es bei Gas gerade mal 3,6 Cent. Wer so die Elektrifizierung vorantreiben will, macht sich selbst etwas vor. Ein aktuelles Gutachten zeigt nun, wie sich die Preislücke zwischen Strom und Gas schließen ließe – und wie Haushalte zwischen 100 und 200 Euro pro Jahr sparen könnten. Eine kommentierende Analyse.

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Warum ist Strom in Deutschland so teuer?

  • Haushalte in Deutschland zahlen im EU-Vergleich mit am meisten für Strom. Laut Bundesnetzagentur lagen die Stromkosten im Juli 2026 hierzulande für Neukunden im Schnitt bei 37,63 Cent pro Kilowattstunde. 22,43 Cent davon entfielen auf Umlagen, Steuern, Netzentgelte und Abgaben. Wiederum 15,20 Cent kosteten Stromproduktion, Vertrieb und Margen. Damit liegt Deutschland gerade mal im europäischen Mittelfeld. Die Bundesregierung wollte die Stromsteuer eigentlich senken. Bislang wurde die Senkung aber nur für das produzierende Gewerbe und die Land- und Forstwirtschaft umgesetzt – nicht für Privathaushalte. Seit dem 1. Januar 2026 fallen jedoch etwas geringere Netzentgelte für alle an (im Schnitt knapp zwei Cent pro kWh).
  • Verbände, Klimaschützer und Experten kritisieren das Vorgehen der Bundesregierung; so auch ein aktuelles Gutachten der Stiftung Klimaneutralität. Demnach könnten Haushalte in Deutschland etwa sechs Cent pro Kilowattstunde sparen, wenn die Stromsteuer auf das europäische Minimum und die Mehrwertsteuer auf sieben Prozent gesenkt werden würden. Das entspräche rund 200 Euro pro Jahr für einen Musterhaushalt mit einem Jahresverbrauch von 3.500 Kilowattstunden. Aufgrund der hohen Abgaben auf Strom schlagen die Autoren unter anderem vor, die Preislücke zu Gas zu schließen. Denn: Pro Kilowattstunde Strom zahlen Haushalte 12,6 Cent an Steuern, Umlagen und Abgaben (Netzentgelte nicht inbegriffen). Pro Kilowattstunde Gas fallen aber nur 3,6 Cent an. Der Umstieg von Gas auf Strom würde sich in puncto Elektrifizierung für viele deshalb nicht lohnen.
  • Die Mindereinnahmen beim Strom könnten dem Gutachten zufolge über die Mehreinnahmen beim Erdgas ausgeglichen werden. Würde die aktuelle Steuer von 0,55 Cent auf ein Cent pro kWh erhöht werden, hätte ein Privathaushalt mit 20.000 kWh Jahresverbrauch Gas zwar 110 Euro Mehrkosten. Die Einsparung durch die gleichzeitige Strompreissenkung wäre aber im Schnitt deutlich höher. Ein weiteres Instrument zur Finanzierung: der Bundeszuschuss zu den Übertragungsnetzentgelten. Die Autoren schlagen vor, den Zuschuss zur Senkung der Netzentgelte durch ein Amortisationskonto zu ersetzen. Will heißen: Die Kosten des Netzausbaus sollen nicht mehr sofort auf die Netzentgelte umgelegt, sondern über viele Jahre verteilt werden.

Kosten-Irsinn: Was der Staat beim Strompreis falsch macht

Ja, die Energiewende ist teuer. Diese Rechnung aber nur kurzfristig und allein über den Strompreis zu stellen, greift zu kurz. Denn: Erneuerbare Energien sind bei der Stromproduktion deutlich günstiger als fossile Energieträger – und auch Kernkraft. Hinzu kommt die Unabhängigkeit von Öl, Gas und Kohle sowie eine deutlich geringere Klimabelastung. Und anders als beim Verbrennen fossiler Rohstoffe verpufft der Wert von Windrädern oder Solaranlagen nicht einfach so in der Atmosphäre.

Oder: Je mehr Erneuerbare, desto weniger Energieimporte und desto niedriger die langfristigen Stromkosten – zumindest wenn der Netzausbau mithält. Problem ist zudem nicht grundsätzlich der Strom selbst, sondern das, was der Staat und das Netz obendrauf packen. Oder: Wer eine sowohl ökologische als auch ökonomische Elektrifizierung will, sollte Strom nicht künstlich teuer und Gas vergleichsweise attraktiv machen.

Indes: Eine Verlagerung von Abgaben hin zu Gas könnte diese Schieflage teilweise korrigieren – zumal fossile Wärme nicht plötzlich zur klimafreundlichen Alternative wird, nur weil die Stromrechnung höher ausfällt. Auch mit Blick auf die Stromnetze lohnt ein genauerer Blick. Denn: Warum müssen Netzbetreiber horrende Renditen von 20 bis 30 Prozent erzielen, wenn Strom einen Teil der Daseinsversorgung einnimmt? Man müsste die großen Konzerne ja nicht gleich verstaatlichen.

Aber eine Begrenzung der Renditen wäre für Verbraucher mit Blick auf die Stromrechnung langfristig erfreulich und würde selbst mit zehn, zwölf Prozent noch genügend Investoren zu den Netzbetreibern locken. Eine Begrenzung der Renditen könnte nämlich Spielraum schaffen, um den Netzausbau voranzutreiben. Denn nicht nur die Energiewende kostet Geld, sondern es kommen auch unnötige Kosten on top, wenn die Infrastruktur hinterherhinkt.

Stimmen

  • Thomas Losse-Müller, Direktor der Stiftung Klimaneutralität, sagte bereits im Juni 2025 gegenüber Table Briefings: „Aus strategischer Sicht und für die Akzeptanz der Energiewende wäre es das beste Signal, die Stromsteuer breit abzusenken.“ Das sei „ein elegantes Instrument, weil es allen Haushalten zur Verfügung steht.“ Losse-Müller bezeichnete die im Koalitionsvertrag vereinbarte Absenkung als „strategisches Kernelement, um die Klimawende auch sozial gerecht hinzubekommen.“ Niedrigere Strompreise trügen dazu bei, mehr Menschen zu einem Wechsel zu E-Autos und Wärmepumpen zu motivieren.
  • Thorsten Storck, Energieexperte bei der Vergleichsplattform Verivox, in einem Statement im Juli 2026: „Die Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Strom würde die Haushalte in Deutschland spürbar entlasten. Wahrscheinlich ist ein solcher Schritt hierzulande allerdings nicht – die privaten Verbraucher warten noch immer auf die im Koalitionsvertrag in Aussicht gestellte Absenkung der Stromsteuer. Sie wird zwar immer wieder gefordert, wurde bisher aber noch nicht umgesetzt.“
  • Tom Lewis, Koordinator für Energiepolitik beim NGO-Netzwerk Climate Action Network Europe, gegenüber Euronews: „Heute zahlt ein deutscher Haushalt im Schnitt mehr als das Dreifache pro Einheit Strom im Vergleich zu Gas. Das macht die dringend notwendige Elektrifizierung, etwa den Einbau von Wärmepumpen, weniger attraktiv als klimaschädliche Gasheizungen.“ An anderer Stelle präzisiert er: „Ein deutlich schnellerer Ausbau der erneuerbaren Energien und mehr Energieeinsparungen sind der schnellste Weg zu einer bezahlbaren, sicheren und nachhaltigen Energieversorgung.“

Wie Strom in Deutschland günstiger werden könnte

Strom wäre ohne den hohen Anteil der erneuerbaren Energien in Deutschland (58 Prozent) noch teurer. Das klingt zunächst paradox, ist aber ein wichtiger Punkt. Denn die Debatte darf nicht so tun, als ließe sich der hohe Preis einfach auf die Energiewende abwälzen. Klar: Ein Teil der Kosten entsteht etwa dadurch, dass die Netzinfrastruktur sowohl aus ökonomischen, ökologischen als auch geopolitischen Gründen finanziert werden muss.

Ein anderer aber auch dadurch, dass ein Abgabenmix, der fossile Alternativen teilweise begünstigt, den Preis unnötig nach oben treibt. Eine Senkung der Stromsteuer wäre deshalb folgerichtig – etwa dadurch, dass das Preisleck zwischen Gas und Strom geschlossen wird. Das Geld, das dafür gebraucht wird, fällt aber nicht einfach vom Himmel in den Bundeshaushalt. Gleiches gilt übrigens für die oftmals geforderte Spritpreisbremse.

Oder: Was kann Deutschland dafür, wenn Trump und Putin Kriege führen und die ganze Welt ins Ungleichgewicht bringen? Zumindest die hiesigen Strompreise hat die Bundesregierung mehr oder weniger in der eigenen Hand – auch dank der Erneuerbaren. Aber um Kosten zu reduzieren, müsste auch hier umverteilt, gespart oder reguliert werden. Und nein: Weder normale Kernkraftwerke noch Mini-Atomkraftwerke können an den hohen Strompreisen etwas ändern – im Gegenteil!

Indes: Es geht nicht einfach nur um die Frage, wie Strom billiger wird, sondern auch darum, wer die Rechnung dafür übernimmt. Eine Finanzierung über höhere Gasabgaben könnte zumindest dort ansetzen, wo der Staat meiner Meinung nach falsche Preissignale liefert. Mindestens genauso wichtig wäre es aber, den horrenden, ja gar schon frechen Renditen der Netzbetreiber endlich Einhalt zu gebieten. Das wäre übrigens auch ein probates Mittel, um die Spritpreise zu senken, ohne dass sich Großkonzerne die Taschen noch voller stopfen als sie ohnehin schon sind. Stichwort: Übergewinnsteuer.

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Fabian Peters ist seit Januar 2022 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Redakteur und freier Autor tätig. Er studierte Germanistik & Politikwissenschaft an der Universität Kassel (Bachelor) und Medienwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin (Master).
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