Wer eine Solaranlage auf dem Dach hat, nutzt das Stromnetz mitunter intensiv, zahlt bislang aber vergleichsweise wenig dafür. Die Bundesnetzagentur will das ab 2029 ändern und hat einen Reformplan für die Netzentgelte vorgelegt. Für PV-Betreiber bedeutet das: bis zu 100 Euro Grundpreis pro Jahr. Wer flexibel verbraucht, soll dagegen profitieren. Was genau geplant ist, wer betroffen ist und warum es berechtigte Kritik gibt. Eine kommentierende Analyse.
Bundesnetzagentur plant neue Netzentgelte
- Immer mehr Haushalte produzieren mittels Photovoltaik selbst Strom. Sie speisen einen Teil ins Netz ein und verbrauchen einen Teil selbst. Obwohl Solaranlagenbetreiber das Stromnetz überdurchschnittlich belasten, zahlen sie weniger Netzentgelte. Die Bundesnetzagentur hat nun einen Reformplan für die Netzentgelte vorgelegt. Wer Strom flexibel nutzt, etwa über Batteriespeicher, E-Autos oder Wärmepumpen, soll weniger zahlen. Auf diejenigen, die viel ins Netz einspeisen, würden höhere Kosten zukommen. Statt die Netzentgelte nur pro Kilowattstunde abzurechnen, sollen Grundpreise wichtiger werden. PV-Betreiber sollen maximal 100 Euro pro Jahr zahlen.
- Steckersolargeräte mit einem 800 Watt starken Wechselrichter sollen von der Regelung ausgenommen sein. Betreiber von Solarparks sollen statt eines Leistungspreises künftig einen Kapazitätspreis auf Basis der installierten Leistung zahlen. Heißt konkret: Je mehr Leistung abgerufen beziehungsweise eingespeist wird, desto höher die Netzentgelte. Je gleichmäßiger der bereitgestellte Anschluss hingegen genutzt wird, desto geringer sollen die Gebühren in Summe ausfallen. Auch für Windparks und Stromspeicher soll künftig ein Kapazitätspreis gezahlt werden, um zu verhindern, dass sie die Netze belasten, anstatt sie zu entlasten. Für private Speicher soll das aber nicht gelten.
- Der Plan der Bundesnetzagentur sieht auch eine Verlängerung des sogenannten Bandlastprivilegs bis Ende 2031 vor. Eigentlich sollte es Ende 2028 auslaufen. Kritik dafür gibt es aus der Branche der erneuerbaren Energien. Denn: Bei diesem Privileg profitieren Unternehmen, die rund um die Uhr gleichmäßig Strom verbrauchen, von reduzierten Netzentgelten. Damit ist eine Flexibilisierung des Verbrauchs im Sinne des Gesamtsystems selbst für Firmen, deren Produktion dazu in der Lage ist, nicht lukrativ. Schließlich müssten sie dann höhere Netzentgelte zahlen.
Faire Kosten oder Bremse für die Energiewende?
Wer eine Solaranlage auf dem Dach hat, leistet nicht nur einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz, sondern spart auch richtig viel Geld – vor allem in Kombination mit einem Speicher, Elektroauto oder einer Wärmepumpe. Und wenn die Sonne mal weniger oder gar nicht scheint, gibt es ja immer noch Strom aus dem Stromnetz; für den Notfall sozusagen.
Doch wer Strom überwiegend selbst produziert, zahlt kaum etwas für das Netz, das andere bezahlen, nimmt es aber hin und wieder in Anspruch oder profitiert sogar bei Einspeisung davon. Theoretisch ist das ein kleines bisschen ungerecht, weshalb die Bundesnetzagentur mit pauschalen Netzentgelten gegensteuern will. Das erscheint zunächst einmal logisch, ist politisch aber trotzdem hoch aufgeladen.
Denn: Die Reform könnte im schlimmsten Fall zu einem Bremsklotz für die Energiewende werden, wenn weniger Erneuerbare ans Netz gebracht werden. Das darf unter keinen Umständen passieren. Stattdessen müssen Netzausbau, Fairness und die Energiewende Hand in Hand gehen. Ob die Pläne der Bundesnetzagentur das gewährleisten, ist zumindest fraglich.
Stimmen und Reaktionen
- Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, in einem Statement: „Mit einer neuen Netzentgeltsystematik wollen wir die Kosteneffizienz stärken und eine faire Verteilung der Belastungen erreichen. Unsere Ziele: Kosten da veranschlagen, wo sie entstehen. Knappe Kapazitäten mit einem Preis versehen. Engpassmanagementkosten vermeiden. Flexibilität unterstützen und den Netzausbau dämpfen. (…) Wir wollen Stromerzeuger deswegen ein wenig stärker an den Kosten beteiligen. Das ist ein Gebot der Fairness. Sonst würden zunehmend nur Verbraucher ohne eigene Erzeugung die steigenden Kosten tragen.“
- Ursula Heinen-Esse, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energien (BEE), hat gemischte Gefühle: „Der Vertrauensschutz für getätigte Investitionen ist Voraussetzung für den Hochlauf der dringend benötigten Flexibilitätstechnologien und für die Energiewende insgesamt. Wir begrüßen diese Entscheidung daher ausdrücklich. (…) Das Stromsystem steht unter hohem Anpassungs- und Flexibilisierungsdruck. Jetzt lebensverlängernde Maßnahmen für das Bandlastprivileg, ein absolutes Relikt des vergangenen Jahrhunderts, zu beschließen, ist ein schwerer Rückschritt und bremst diesen wichtigen Prozess unnötig weiter aus.“
- Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW-Solar), kritisiert in einem Statement: „In der Summe besitzen diese Maßnahmen das Potenzial, den dringend benötigten Ausbau der Solarenergie in Deutschland massiv auszubremsen. Dies widerspricht klar dem Bürgerwillen und den vereinbarten Regierungszielen.“ Besonders problematisch seien die Pläne vor dem Hintergrund, dass die Kosten für Betreiber von Solaranlagen bereits durch andere regulatorische Vorgaben gestiegen seien – etwa durch die verpflichtende Beteiligung an den Kosten intelligenter Messsysteme und die bereits gestrichene Vergütung zu Zeiten negativer Strompreise.
Neue Netzentgelte: Was sich ab 2029 auf der Stromrechnung ändern soll
Ab 2029 könnten viele Stromrechnungen durch die neuen Netzentgelte anders aussehen. Denn wenn der Anteil der fixen Grundpreise steigt, fällt der bisherige Sparvorteil durch Eigenstrom für Solaranlagenbetreiber geringer aus. Gleichzeitig würde das Stromnetz aber mehr als eine gemeinschaftliche Infrastruktur begriffen werden.
Diese Preislogik will die Bundesnetzagentur in den 2030er-Jahren noch einmal weiterentwickeln. Es steht bereits eine stärkere Dynamisierung der Netzentgelte im Raum, abhängig von Auslastung und Netzsituation. Für Strom gäbe es dann keinen starren Fixpreis mehr. Die Kosten wären flexibler und würden schwanken.
Ob die neuen Netzentgelte durch die stärkere Bepreisung von Stromerzeugern aber tatsächlich einen für das gesamte Energiesystem positiven Effekt haben, muss sich erst einmal zeigen. Im schlimmsten Fall droht der Ausbau der Erneuerbaren an Tempo zu verlieren, was mit Blick auf Klima und Klimaziele einer Katastrophe gleichkäme.
Idealerweise würden die neuen Netzentgelte wiederum Flexibilität fördern, ohne Investitionen in erneuerbare Energien auszubremsen. Ob dieser Spagat gelingt, muss aber vor allem die praktische Umsetzung beweisen. Denn ganz unkompliziert sind die Pläne nicht.
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