Technologie Wirtschaft

Lebensmittel-Lieferdienste auf amerikanisch: Niemand braucht Einkäufe in 10 Minuten

einkaufen, Supermarkt, USA, Lebensmittel-Lieferdienst
Unsplash / NeONBRAND
geschrieben von Marinela Potor

Die USA sind eine der größten Tech-Nationen dieser Welt. Doch wie stehen eigentlich die Amerikaner selbst zu all dem? Welche Trends begeistern sie, welche gehen völlig an ihnen vorbei? Genau darüber berichtet Marinela Potor – direkt aus den USA – im BASIC thinking US-Update. Diesmal hat sie verschiedene Lebensmittel-Lieferdienste von Supermärkten ausprobiert. 

Vor Corona habe ich tatsächlich noch nie darüber nachgedacht, mir Lebensmittel aus dem Supermarkt nach Hause liefern zu lassen. Ich bin jemand, der gerne einkauft, Obst- und Gemüseangebote prüft, neue Angebote ausprobiert oder sich an der Käsetheke beraten lässt.

Als es dann plötzlich darum ging, so schnell und so selten wie möglich Lebensmittel einzukaufen, kam ich zum ersten Mal auf die Idee, einen Lebensmittel-Lieferdienst auszuprobieren.

Wir haben hier zwar keine 10-Minuten-Lieferdienste à la Gorillas, aber: Das würde hier auch bei den Entfernungen niemand erwarten. Dennoch funktionieren die Angebote sehr gut und sind beliebt.

Lebensmittel-Lieferdienste in den USA: So geht’s

Fast alle Lebensmittel-Lieferdienste für Supermärkte in meinem Umfeld funktionieren nach einem ähnlichen Muster.

Die Läden arbeiten dazu in der Regel mit einem Drittanbieter, wie etwa Instacart, Grocery Runners oder Shipt. Einkaufende bestellen über diese Dienste ihre Lebensmittel, Shopper verpacken diese und liefern dann alles direkt vor die Haustür.

All das ist aber nicht ganz billig. Denn dabei zahlt man nicht nur Liefergebühren (fünf bis zehn US-Dollar, je nach Bestellumfang), sondern auch noch eine Service-Gebühr für den Dienst (zwischen fünf und zehn Dollar) sowie mindestens 15 Prozent Trinkgeld. Das Trinkgeld ist zwar freiwillig, ich kenne aber niemanden, der es nicht auslegt.

Es gibt aber auch Abo-Modelle, die mit durchschnittlich 15 Euro im Monat wesentlich günstiger sind. Wer sich daher Lebensmittel regelmäßig liefern lässt, zahlt entsprechend weniger.

Wer braucht eigentlich Lebensmittel in zehn Minuten?

Ich habe ehrlich gesagt nie verstanden, warum Gorillas in Deutschland nicht nach einem ähnlichen Modell arbeitet und stattdessen selbst Lagerhallen überall hochzieht, anstatt mit Supermärkten oder auch Lebensmittelläden direkt zu arbeiten. Auch hatte ich nie das Bedürfnis, meine Lebensmittel innerhalb von zehn Minuten bekommen zu müssen.

Hier arbeiten die Dienste eher mit Zeitfenstern, sodass man sich die Einkäufe zu bestimmten Uhrzeiten liefern lassen kann. Die Bezahlung läuft online und die Shopper lassen auf Wunsch die Einkaufstüten vor der Tür stehen, sodass alles kontaktlos ist.

Hohes Risiko, niedrige Einstiegshürden für Fahrer

Da das Modell nach dem Gig-Economy-Muster von Uber, Doordash und Co. funktioniert, erhalten die Shopper Löhne im niedrigeren Bereich und müssen zudem für alle möglichen Schäden und Probleme mit ihren Lieferfahrzeugen selbst aufkommen, da sie ihre eigenen PKW fahren. Es gibt auch in der Regel kein Spritgeld.

Gleichzeitig waren solche Jobs insbesondere in den ersten Corona-Monaten für viele die einzige Möglichkeit, um Geld zu verdienen. Und: Für Einkaufende war der Dienst in den ersten Monaten der Pandemie, in denen noch viel Angst und Unsicherheit rund um das Coronavirus herrschte, eine große Erleichterung.

Entsprechend nutzten in dieser Phase 80 Prozent der US-Amerikaner:innen Online-Shopping-Dienste für ihre Einkäufe. Doch das Modell scheint sich auch über Corona hinaus zu bewähren.

Online bestellen, vor Ort abholen

So hat unser örtlicher Supermarkt, Kroger, ein neues System eingeführt: online einkaufen, vor Ort abholen. Das System ist so clever, dass ich mir sogar vorstellen kann, dass andere Supermärkte nachziehen – und dann Lebensmittel-Lieferdienste das Nachsehen haben.

Kroger hat dazu im ersten Schritt eine Website für Online-Bestellungen und -Einkäufe hochgezogen. Wie bei den Delivery-Apps kann man hier dann bequem online einkaufen. Darüber hinaus lassen sich auch die Gutscheine oder Rabatt-Angebote des Supermarktes verwenden. Das ist etwas, das die externen Lebensmittel-Lieferdienste nicht bieten.

Sobald alles im Einkaufwagen ist, wählt man dann einen Zeitraum, in dem man seine Einkäufe abholen möchte. Für die Abholung hat Kroger eine eigene Abholstation.

Sobald man ankommt, loggt man sich per App ein oder ruft an. Angestellte bringen dann innerhalb weniger Minuten die Einkäufe ans Auto und laden sie sogar in den Kofferraum. Unkomplizierter geht es kaum noch. Und es ist auch ein smartes Geschäftsmodell.

Lebensmittel-Lieferdienste: Neues Modell für Deutschland?

Denn wenn Kroger die Einkäufe nicht liefern muss, ist der Aufwand sehr viel geringer. Gleichzeitig macht sich der Supermarkt damit unabhängig von Drittanbietern und die Einnahmen bleiben im Unternehmen. Auch ist es sicher langfristig nicht uninteressant, so selbst das Einkaufsverhalten der Kund:innen nachvollziehen zu können.

Für Einkaufende wiederum ist der Service wirklich sehr bequem und auch deutlich günstiger als die Lieferung. Tatsächlich war das Abhol-Modell so erfolgreich, dass ein Supermarkt zum reinen Online-Laden mit Abholfunktion umfunktioniert wurde.

Das Modell mag nicht für kleinere Supermärkte funktionieren, da das Aufziehen einer solchen Website natürlich auch Kosten mit sich bringt und man zusätzliches Personal braucht, um die Bestellungen zu verwalten. Doch für größere Ketten lohnt sich die Investition.

Ich kann mir das System tatsächlich auch sehr gut in Deutschland vorstellen – und zwar nicht nur, weil es für Kund:innen angenehm ist. Es ist auch viel wirtschaftlicher als die 10-Minuten-Lieferdienste, die am Rande der Wirtschaftlichkeit operieren, und bietet Supermärkten ein neues Geschäftsmodell.

Spätestens wenn erste Supermärkte in Deutschland diese Option einführen, wird es Lebensmittel-Lieferdiensten wie Gorillas an die Substanz gehen.

Auch interessant: 

Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin mit einer Leidenschaft für alles, was mobil ist. Sie selbst pendelt regelmäßig vorwiegend zwischen Europa, Südamerika und den USA hin und her und berichtet über Mobilitäts- und Technologietrends aus der ganzen Welt. Seit 2016 ist sie Chefredakteurin von Mobility Mag.

Kommentieren